Sie
sind hier:
Fachbereich Deutsch
Prosa
Theodor
Fontane
Effi Briest
|
Rainer Werner Fassbinder
Leben
/ Werk
Geb: 31. Mai 1945 in Bad Wörishofen.
Schon zu Lebzeiten ein My-thos wegen seiner schier unerschöpflichen
Schaffens-kraft, Exzessivität und Kreativität, hat sein früher
Tod die Legendenbildung noch verstärkt. Am 10. Juni 1982 wurde der
Filmema-cher in seiner Münchner Wohnung tot aufgefunden. Er starb
im Alter von 37 Jahren vermutlich durch die gleichzeitige Einnahme von
Kokain und Schlaftabletten. Seine Urne wurde auf dem kleinen Künstlerfriedhof
in München-Bogenhausen beigesetzt. |
|
Verfilmung als Interpretation -
Bemerkungen zu einem Drehbuch von R.W. Fassbinder
(1974)
Beim Medienwechsel Buch - Film spielt das Drehbuch eine insofern wesentliche
Rolle, als es einen charakteristischen Arbeitsschritt bei der "Verfilmung"
fixiert. Der philologisch durchgeführte Vergleich Vorlage - Drehbuch
aber hat mit der Vorläufigkeit dieses Produkts zu rechnen. So müssen
Abschreibfehler, zufällige Auslassungen usf. unter eine gewisse Dis-kretion
fallen, auch wenn es sich auch hier um "Ver“-arbeitungen handeln mag. Begreift
man also ein Drehbuch als Pro-Gattung in Richtung auf den Film, als einen
Schritt in Hin-sicht auf "Verfilmung", so müsste der Vergleich Roman
- Drehbuch alle jene Manipulationen aufdecken, die nützlich (und notwendig)
sind für die Realisation des "Inhalts" im neuen Medium. Verfahren
mediengerechter Bearbeitung, oder das, was die Filmproduktion darunter
versteht. Ältere Verfilmungen von "Effi Briest" wie auch die neuere
Fernsehproduk-tion "Der Stechlin" könnten eine Fülle Beispiele
für (angeblich) "mediengerechte" Verar-beitung bieten. Die ältere
"Effi Briest“ - Verfilmung, charakteristischerweise mit dem Boulevardstück
- Titel "Ein Schritt vom Wege" versehen, betraf derart die Authentizität
des Romans, dass zwischen Film und Roman nur noch ein oberflächliches
Verhältnis zu bestehen schien. Dass sie ein "echter" Film war, der
Programmatik des Mediums entsprechend, ist jedoch kaum zu bezweifeln.
Schwieriger sind die Verhältnisse bei der Verfilmung mit dem Titel
"Fontane Effi Briest". (...)
Um nun ein Ergebnis des Vergleichs vorwegzunehmen: Fassbinders Arbeitsweise,
niedergeschlagen im Drehbuch, lässt sich wesentlich mit einem Modell
beschreiben, das, genau genommen, paradox zur Absicht der "Verfilmung"
steht. Fassbinders Manipulationen sind nicht als "filmisch" zu kennzeichnen
(als Beispiel diene der ältere Titelwechsel zu "Ein Schritt vom Wege"),
sondern als dezidiert "literarisch". Fassbinders Arbeitsweise entspricht
in verblüffender Weise dem eingangs beschriebenen "Leseprozess" des
Anthologisten. Er versucht, Fontanes "Geist" (in seinem Sinne) herauszudestillieren.
Seine Bearbeitung des Romans will in einem ganz außerordentlichen
Maß authentisch sein. Er zitiert. Zwar richtet er sein Drehbuch (als
Produktionsanweisung) in der üblichen Weise ein. Links sind die Anweisungen
für die szenische Realisation sowie an den Kameramann gegeben. Rechts
steht der gesprochene oder eingeblendete Text. Dieser "Text" ist aber nahezu
Wort für Wort "Fontane"; Abweichungen, die über Schreibfehler
hinausgehen, sind minimal. Auch die Anweisungen zur Visualisierung ergeben
sich zwanglos aus dem Roman. Da Fassbinder die standardisierte Metasprache
der Filmproduktion nutzen muss, ist auffällig nur, um wie viele Momente
subtiler, nuancierter der Autor Fontane die innere Imagerie des Romanlesers
zu steuern vermag.
Dennoch, trotz dieser "literarischen" Texttreue, ergeben sich entscheidende
Unterschiede, die das neue Produkt kennzeichnen. Zusammengefasst lassen
sich diese Unterschiede ex negativo an Novalis' Satz, dass im Roman alles
unterstrichen sein soll, angeben. Fontane arbeitet, in sich höchst
facettiert, in einem "Kanal", dem Kanal des "Erzählers", der allein
mit Worten die Fantasie des Lesers bewegt. Das Drehbuch dagegen arbeitet
mit bis zu vier "Kanälen" der Mitteilung; neben in Szene gesetztem
Dialog als Mitteilungsebene und rein gestisch - mimischen Elementen (die
im Roman "erzählt" sind), werden zwei "verbale" "Ka-näle" eingesetzt;
ein "Erzähler" (off-Ton, also nicht sichtbar) und die schriftliche
Mitteilung (Insert).
Damit sind quasi "Unterstreichungen" im Text, unterschiedliche Intensitäten
der Mitteilungen konstituiert. Der Roman ist in Teiltexte verschiedener
Funktion aufgefächert. Nach dieser Überlegung lassen sich vier
Techniken der Manipulation des "Ausgangstextes" unterscheiden, genauer
gesagt fünf, da die völlige Streichung von Textteilen einerseits
ebenso informationsverändernd ist wie die eindeutige Hervorhebung
von Einzelsätzen in den Inserts. Die Inserts strukturieren den Film.
Als Kunstgriff sind Inserts nicht neu; im Gegenteil, ihre Nähe zu
Notwendigkeiten der Stummfilmpraxis gibt ihnen im Tonfilm etwas Atavistisches,
ähnlich wie der Verzicht auf Farbe, den Fassbinder sich leistet, um
zu einer gewissen stilistischen Konzentration zu gelangen. Medientheoretisch
gesehen beruht die Wirkung des Inserts also nicht zuletzt auf bewusster
Reduzierung der medialen Möglichkeiten, hier in Richtung auf die Kargheit
der "literarischen" Mittel, unter maximaler Zurückdrängung analoger
Kodierung. Auch hier erweist sich Fassbinder als "Literat". Die Inserts
sind seine "Lesefrüchte", sie vermitteln (und betonen) die Quintessenz
seiner Romanlektüre. Sie lassen die Intention erschließen, mit
der er den Roman gelesen hat, sind Sätze, die ihm auffielen bzw. einleuchteten.
Sie motivieren zugleich aber auch sein Produkt, den Film, und sie legen
dem Rezipienten eine bestimmte Interpretation nahe.
Insgesamt weist das Drehbuch fünfzehn solcher Inserts auf. Ihre
Funktion ist jedoch nicht einheitlich. Acht der Inserts sind an Drehpunkten
der Handlungen eingesetzt. Sie fixieren typische Situationen, betonen wichtige
Umstände des Geschehens oder überbrücken länge-re,
handlungslose Phasen. So "inseriert" Fassbinder den Brief der Tripelli
an die Baronin Innstetten, der deren romantisch-prekäre Situation
kennzeichnet, sowie das böse Kompli-ment des Arztes bei der Geburt
Annis, "schade, dass es ein Mädchen ist", das ein ganzes Kompendium
über Frauenemanzipation ersetzt. Rein literarisch wird auch die Spuksituation
umgesetzt: "Es war ganz still im Haus." Mit Fontane verzichtet Fassbinder
völlig auf jede Beschreibung oder gar Visualisierung dessen, was denn
nun wirklich auf den "vorgeschrie-benen Spaziergängen" geschieht,
aber die Regelmäßigkeit, mit der Effi sie absolviert (und deren
Aufgabe bei Cramas' Abwesenheit) bezeichnen einerseits die Langeweile des
Kessiner Lebens, andererseits macht der Kunstgriff hinreichend aufmerksam
auf die leere Mitte der Handlung. Inseriert wird auch die zunehmende "Schwermut"
- Melancholie - der Effi, die das Handlungsnetz abschließt.
Die anderen sieben, genauer sechs, denn ein Insert wird doppelt eingeblendet,
stellen plötzliche Einsichten, oder Moralia im engeren Sinne dar.
Sie seien hier vollständig zitiert:
Nr. 9: "Eine Geschichte mit Entsagung ist nie schlimm."
Nr. 35: "Freilich, ein Mann in seiner Stellung muss kalt sein." "Woran
scheitert man denn im Leben überhaupt? Immer nur an Wärme."
Nr. 71: "Es muss doch außer kleinen Leuten auch eine Elite geben."
Nr. 204 und 229: "Eine Art Angstapparat aus Kalkül."
Nr. 434: Schuld verlangt Sühne, das hat einen Sinn. Aber Verjährung
ist etwas Halbes, etwas Schreckliches."
Nr. 487: "Es ist komisch, aber ich kann eigentlich von vielem in meinem
Leben sagen, beinah."
Der Leser Fassbinder, so wird deutlich, notiert vornehmlich Effis Beobachtungen
und "Er-kenntnisse", ihre Einsicht in einen gesellschaftlich sanktionierten
"Angstapparat aus Kalkül", aber auch ihre Ausreden gegenüber
dieser Einsicht. Fassbinder macht damit die Fontane-sche Figur der Effi
aber auch zum Medium seiner eigenen Mitteilung.
Effis Erkenntnis, dass Innstetten sich des Spuks als Erziehungsmittel
bediene, und dass das, was damit gemeint sei, "viel, viel mehr" sei, wird
für Fassbinder zu einer zentralen Ein-sicht in den, das Geschehen
bestimmenden gesellschaftlichen Kontext. Schon rein von der sprachlichen
Formulierung her geht diese Einsicht über die "Person" der Effi hinaus;
sie liegt jenseits des üblichen Konversationstons, der den Roman auf
der Oberfläche beherrscht. Fassbinder hat hier in der Tat einen Interpretationsansatz
gefunden, der das "Romantische" an diesem Roman in eine überraschende
Modernität überführt.
Dass es ihm dabei sowohl auf "Effi Briest", als auch auf "Fontane"
ankommt, auf bewuss-te Nutzung der literarischen Tradition, zeigt ein Vergleich
des Romantitels, mit dem des Drehbuchs (und des Films). Fontane formuliert
seinen Titel, indem er den Namen der "Hel-din" wählt, ein literarisch
durchaus traditionelles Verfahren. Die Doppelbödigkeit dieser Ti-telwahl
ist erst ex post, nach Lektüre des Romans, erkennbar: ein "richtigerer"
Titel "Elfriede von Innstetten" wiese auf Marlitt - Niveau. Kosenamen,
Weglassen des Adelsprädikats, Wahl des Geburtsnamens weisen auf eine
inhaltliche Seite des Romans hin und konstituieren in der Spannung zum
"richtigeren", gesellschaftlich anerkannten Namen die Romanhandlung.
Fassbinder riskiert bei der Titelwahl die einzige, aber gewichtige
eigene Zutat. Sein Titel wirkt gegenüber der Fontaneschen Lakonik
und Doppelbödigkeit redselig, fast barock lehr-haft:
„Fontane / Effi Briest / oder / viele, die eine / Ahnung haben / von
ihren Mög- / lichkeiten und / ihren Bedürf- / nissen und trotz-
/ dem das herr- / schende System / in ihrem Kopf / akzeptieren / durch
ihre Ta- / ten und es so- / mit festigen / und durchaus bestätigen."
"Fontane Effi Briest" von Fassbinder zitiert eine Tradition, die durch
die historischen Pole "Barockdrama" und "Episches Theater" andeutungsweise
fixiert ist. Die Emblemstruktur des Titels macht deutlich, dass hier im
Rahmen eines fixierten Normsystems ein "Bild" gefunden ist ("pictura"),
dem eine lehrhafte "subscriptio" beigefügt werden kann.
In diesem Zusammenhang ist zu fragen, ob mit "Fontane Effi Briest"
in historisch plausibler Weise eine solche Fixierung vorgenommen werden
kann. Fassbinder nimmt sich dieses Recht und interpretiert den Roman, historisch
gesehen, als einen Text im Übergang von der programmatischen Symbolstruktur
(im Sinne des alten Goethe) zu einer neuen Struktur des "Lehrstück".
Systemkritische Textelemente, verwoben in der Textur des Romans, dechiffrierbar
für den Fontane-Kenner, werden im Prozess des Medienwechsels (vom
"Roman" zum "Film"), zu "Sätzen", die offen lehrhaften Charakter tragen.
Ob Fass-binder Brechts Kunst ergeben ist, sei dahingestellt, zumal Vergleichbarkeit
auch insofern nicht gegeben ist, als Brecht die "filmischen" Elemente ins
Medium des Theaters zurückspielt. In solchen literarhistorischen Bezügen
ließe sich aber die pragmatische Dimension des Medienwechsels vorläufig
bestimmen.
Fassbinders „Fontane Effi Briest" bleibt trotz, und gerade wegen seines
komplizierten Traditionsbezugs, trotz seines "lehrhaften" Interpretationsschemas
in sich widersprüchlich. Zählte er sich zu den im Titel seines
Films vorausgesetzten "wenigen", die den zitierten "vielen" den richtigen
Weg zeigen wollen, so geriete sein Argument an den Rand banaler Besserwisserei.
Es genügte der Lehrsatz, und der Film wäre schlicht überflüssig.
"Rückwärts" gelesen führen die poetologischen Überlegungen
zu diesem Film aber ebenfalls in einen fatalen Zirkel; es hätten sich
dann die Möglichkeiten der Aussage seit Fontane nicht verändert.
Fassbinders Titel würde zum Selbstvorwurf. Das Sujet "Fontane Effi
Briest" hätte bei dem ewigen, durchaus aber erfolgreichen Jungfilmer
Einsicht in seine eigene Situation provoziert. Als ein neuer Werther spielte
er sich immer wieder seine "Entsagungen" vor, in eben dem Zirkel befangen
wie die Effi Fontanes. Seine Geschichten, so weiß er, werden eigentlich
nie so "schlimm" genommen. Er darf von seinem Film sagen wie Effi von ihrem
Leben: "beinah".
[HELMUT SCHANZE]
[Aus: G. Adam: Literaturverfilmung, München 1984, S. 17-21]
Internet:
http://www.deutsches-filmhaus.de/filme_einzeln/f_einzeln/fassbinder/fassbinder_f-g/fontane_effi.htm
http://www.einhorn-film.at/frm_main.htm
http://www.new-video.de/film-fontane-effi-briest/
http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/FassbinderRainerWerner/
http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/specials/33603/ |
Bildhintegrund: Brief Fontanes an seine
Frau Emilie, London 10. Juni 1857
Intervall 30 Minuten |
|