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Interpretation
Für Lukacs ist ein Werk nur dann künstlerisch wertvoll, wenn
es dem Autor gelungen ist, die gesellschaftsgeschichtliche Bedeutung von
individuellen Konflikten aufzuzeigen. Ein hoher Grad von Allgemeingültigkeit
scheint Lukacs in 'Effi Briest' gegeben. "'Effi Briest' gehört in
jene Rei-he der großen bürgerlichen Romane, in denen die einfache
Erzählung einer Ehe und ihres not-wendigen Bruchs zu einer Gestaltung
der allgemeinen Widersprüche der ganzen bürgerlichen Gesellschaft
emporwächst."
(Lukacs: Der alte Fontane, S. 71)
Die dichterische Verallgemeinerung liegt in der Kritik an der preußischen
Moral, die Innstet-ten verpflichtet, den Liebhaber seiner Frau zu töten,
obwohl die Tat verjährt ist und er keine Rachegefühle empfindet
- nur um der Konvention Genüge zu tun.
Effi Briest ist Fontanes liebenswürdigste Gestalt. Sie bleibt nicht
nur geistig, auch moralisch im Grunde innerhalb des anständigen Durchschnitts
eines Mädchens und einer jungen Frau aus dem Adel. Was sie zu einer
unvergesslichen Figur macht, ist die schlichte Vitalität, mit welcher
sie in jeder Lage, sei diese idyllisch, gefährdet oder tragisch, die
ihrem Charakter, ihren Fähig-keiten angemessene menschliche Äußerungsmöglichkeit
sucht und findet. Trotz gesellschaftli-cher Ambitionen sind ihre Ansprüche
mehr als bescheiden. Sie müssen aber in dieser Gesell-schaft doch
zerstampft werden. Und dass diese Vitalität sich dennoch immer wieder,
wenn auch immer schwächer flackernd, aufrichtet, dass Effi nur zu
Boden geworfen, aber nicht menschlich entstellt werden kann, erhebt gerade
in dieser Lautlosigkeit und Anspruchslosigkeit eine harte Anklage gegen
die Gesellschaft, in der nicht einmal ein solcher bescheidener Spiel-raum
der Menschlichkeit möglich ist. Zugleich zeigt jedoch Effis innere
Unverzerrbarkeit jenes menschliche Kräftereservoir auf, das von dieser
Gesellschaft unnütz verbraucht und verdorben wird, das in einer anderen,
in einer die Humanität pflegenden Gesellschaft spontan die Mög-lichkeit
eines schlichten und schönen Lebens entfalten könnte. Wie jeder
echte Menschenge-stalter von dichterischem Rang in der bürgerlichen
Literatur ist Fontane hier - ohne es bewusst zu wollen, ja zu wissen, ein
Ankläger.
Worin liegt aber in diesen Romanen die dichterische Verallgemeinerung,
die Verallgemeine-rung der Kritik am alten Preußen auf die Gegenwart?
Fontane zeigt hier, gerade mit Hilfe der Durchschnittlichkeit seiner Gestalten
und ihrer Schicksale, wie die gesellschaftliche Moral des Bismarckschen
Preußen-Deutschland sich im privaten Alltagsleben auswirkt. Er zeigt,
dass je-der Mensch, in dem sich nur das geringste Bedürfnis nach einem
menschenähnlichen Leben regt, mit dieser Moral in Konflikt geraten
muss. Der Konflikt wird in der von uns bereits darge-legten Weise ausgetragen:
äußerlich durch Einhalten aller Formforderungen der Konvention;
innerlich so, dass jeder Beteiligte ein mehr oder weniger gebrochener Mensch
wird, der nur unter Inanspruchnahme von "Hilfskonstruktionen", wie es in
"Effi Briest" heißt, weiter existie-ren kann. (...)
Warum lebt man und stirbt man, warum tötet man in dieser Welt?
Innstetten, Effis Mann, hat den Liebhaber seiner Frau im Duell erschossen.
Schon vor dem Duell taucht im Gespräch mit seinem Freund Wüllersdorf
die Frage auf: hat es einen Sinn, sich wegen einer Sache, die sechs Jahre
zurückliegt, zu duellieren? Nach dem Duell lässt dieser Gedanke
Innstetten keine Ruhe. (...)
Innstetten weiß also genau, dass er nicht aus Rache, nicht aus
moralischer Empörung, nicht in Erfüllung einer aufrichtig empfundenen
Pflicht getötet hat: "So aber war alles eine Vorstellung, einem Begriff
zuliebe, war eine gemachte Geschichte, halbe Komödie. Und diese Komödie
muss ich nun fortsetzen und muss Effi wegschicken und sie ruinieren und
mich mit ..." Und diese Hohlheit der Ehrenkonvention, die eine ganze Reihe
von Existenzen vernichtet, wird hier von Fontane noch mehr zugespitzt.
Denn der Gedanke der Verjährung taucht, von Wüllersdorf auf-geworfen,
schon vor dem Duell auf; macht auch auf Innstetten gleich einen starken
Eindruck, kann ihn aber nicht mehr umstimmen. Wieder infolge des Automatismus
jener "Moral", die herrscht, ohne eine Macht zu sein. (...)
Und doch geht diese Vernichtung und Selbstvernichtung von Menschenleben
mit unerbittlicher Logik weiter. Die Karriere Innstettens kommt zustande,
sein Leben ist aber morbid, innerlich widerstandsunfähig geworden.
Freilich geht es in seiner menschentötend - automatisierten Weise
weiter. Trotz solcher Reflexionen nach dem Duell, wie wir eben angeführt
haben, führt Innstetten konsequent durch, was er mit dem Duell begonnen
hat. Er entfremdet das einzige Kind der Mutter, und als diese - infolge
der Intervention einer Ministersgattin - doch eine Zu-sammenkunft mit ihrem
Kinde erreicht, kommt auch in dem Kinde der anerzogene Automatis-mus so
krass zum Ausdruck, dass das leidenschaftlich ersehnte Wiedersehen zu einer
tragiko-mischen Katastrophe erwächst, die schließlich Effis
Leben gefährdet. (...)
Und in dieser Welt der maschinenmäßig gewordenen Konvention,
der Zerstörung jeder Menschlichkeit zeigt allein Effis ungebildetes,
abergläubisches Dienstmädchen Roswitha ein menschliches Empfinden
für menschliche Schicksale. In einem sehr naiven Brief bittet sie
Innstetten, dass man Effi doch den alten Hund, ihren einzigen Gefährten,
überlasse. Innstetten hat daraufhin ein sehr bezeichnendes Gespräch
mit seinem Freund Wüllersdorf, und zwar an dem Tage, an dem er wieder
ein höheres Avancement erhält: "Ja", sagte Wüllersdorf,
als er das Papier wieder zusammenfaltete, "die ist uns über." (...)
Es gehört zu ideellen Einheitlichkeit dieses Werkes, zu seiner
künstlerischen Vollendung, dass seine leidende Heldin, Effi, eine
wundervoll lebendige Frauengestalt, ebenfalls nicht über den Horizont
dieser "Moral" hinausblickt. Bei aller menschlich echten Gefühlsspontanität
und Le-bendigkeit, bei aller feinfühligen Klugheit und praktischen
Schlauheit bleibt sie in Glück und Unglück ganz eine Gestalt
dieser Adelswelt. Ihre Gefühlsproteste bei den härtesten Unmensch-lichkeiten
erhöhen sich nie auch nur zur Ahnung einer wirklichen Auflehnung gegen
dieses Sys-tem. Gerade dadurch erhält die Notwendigkeit ihres Zum-Opfer-Werdens
eine so tiefe und er-greifende Wirkung. (...)
Fontane gehörte zu den bedeutenden Realisten der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts, weil er einerseits das Hassenswerte an seiner Gegenwart
so darstellt, wie sie es verdient, weil es andererseits - bei aller Beschränktheit
seines Weltbildes auf das Privat-Persönliche - hier nicht der Versuchung
verfällt, solche notwendigen Kollisionen durch ihr Verschieben ins
Pathologi-sche scheinbar zu "vertiefen" und in Wirklichkeit vom Wesentlichen
abzulenken. Denn jede Kollision kann nur dann gesellschaftlich und darum
menschlich verallgemeinert werden, wenn die normalen gesellschaftlichen
Bestimmungen (sie mögen in noch so extreme Formen er-scheinen) mit
normalen menschlichen Charakteren (mögen diese noch so extreme Vertreter
ihres Typus sein) in Widerspruch geraten. Jeder pathologische Zug einer
Gestalt, wenn er ihr Wesen berührt, nähert eine solche Figur
der bloßen Singularität gesellschaftlicher Exzentrizität
an; das völlig pathologische Individuum ist ein klinischer Einzelfall,
der bestenfalls unter medi-zinische Allgemeingesetze subsumiert werden
kann, nie aber als Typus, als Repräsentant dich-terischer Verallgemeinerung
erscheinen darf. Darum ist jede pathologische Anlage der Charak-tere -
bewusst oder unbewusst - ein Ausweichen vor der Gesellschaftlichkeit der
Literatur, der gesellschaftlichen und darum menschlichen Verallgemeinerung
der Gestalten und ihrer Kollisi-onen.
[Aus: van Rinsum: Interpretationen. Romane.
Erzählungen, München 1979]
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