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Fachbereich Deutsch
Prosa
Theodor Fontane
Effi Briest
 
Interpretation 

Für Lukacs ist ein Werk nur dann künstlerisch wertvoll, wenn es dem Autor gelungen ist, die gesellschaftsgeschichtliche Bedeutung von individuellen Konflikten aufzuzeigen. Ein hoher Grad von Allgemeingültigkeit scheint Lukacs in 'Effi Briest' gegeben. "'Effi Briest' gehört in jene Rei-he der großen bürgerlichen Romane, in denen die einfache Erzählung einer Ehe und ihres not-wendigen Bruchs zu einer Gestaltung der allgemeinen Widersprüche der ganzen bürgerlichen Gesellschaft emporwächst."
(Lukacs: Der alte Fontane, S. 71)
Die dichterische Verallgemeinerung liegt in der Kritik an der preußischen Moral, die Innstet-ten verpflichtet, den Liebhaber seiner Frau zu töten, obwohl die Tat verjährt ist und er keine Rachegefühle empfindet - nur um der Konvention Genüge zu tun.

Effi Briest ist Fontanes liebenswürdigste Gestalt. Sie bleibt nicht nur geistig, auch moralisch im Grunde innerhalb des anständigen Durchschnitts eines Mädchens und einer jungen Frau aus dem Adel. Was sie zu einer unvergesslichen Figur macht, ist die schlichte Vitalität, mit welcher sie in jeder Lage, sei diese idyllisch, gefährdet oder tragisch, die ihrem Charakter, ihren Fähig-keiten angemessene menschliche Äußerungsmöglichkeit sucht und findet. Trotz gesellschaftli-cher Ambitionen sind ihre Ansprüche mehr als bescheiden. Sie müssen aber in dieser Gesell-schaft doch zerstampft werden. Und dass diese Vitalität sich dennoch immer wieder, wenn auch immer schwächer flackernd, aufrichtet, dass Effi nur zu Boden geworfen, aber nicht menschlich entstellt werden kann, erhebt gerade in dieser Lautlosigkeit und Anspruchslosigkeit eine harte Anklage gegen die Gesellschaft, in der nicht einmal ein solcher bescheidener Spiel-raum der Menschlichkeit möglich ist. Zugleich zeigt jedoch Effis innere Unverzerrbarkeit jenes menschliche Kräftereservoir auf, das von dieser Gesellschaft unnütz verbraucht und verdorben wird, das in einer anderen, in einer die Humanität pflegenden Gesellschaft spontan die Mög-lichkeit eines schlichten und schönen Lebens entfalten könnte. Wie jeder echte Menschenge-stalter von dichterischem Rang in der bürgerlichen Literatur ist Fontane hier - ohne es bewusst zu wollen, ja zu wissen, ein Ankläger.
 Worin liegt aber in diesen Romanen die dichterische Verallgemeinerung, die Verallgemeine-rung der Kritik am alten Preußen auf die Gegenwart? Fontane zeigt hier, gerade mit Hilfe der Durchschnittlichkeit seiner Gestalten und ihrer Schicksale, wie die gesellschaftliche Moral des Bismarckschen Preußen-Deutschland sich im privaten Alltagsleben auswirkt. Er zeigt, dass je-der Mensch, in dem sich nur das geringste Bedürfnis nach einem menschenähnlichen Leben regt, mit dieser Moral in Konflikt geraten muss. Der Konflikt wird in der von uns bereits darge-legten Weise ausgetragen: äußerlich durch Einhalten aller Formforderungen der Konvention; innerlich so, dass jeder Beteiligte ein mehr oder weniger gebrochener Mensch wird, der nur unter Inanspruchnahme von "Hilfskonstruktionen", wie es in "Effi Briest" heißt, weiter existie-ren kann. (...)
Warum lebt man und stirbt man, warum tötet man in dieser Welt? Innstetten, Effis Mann, hat den Liebhaber seiner Frau im Duell erschossen. Schon vor dem Duell taucht im Gespräch mit seinem Freund Wüllersdorf die Frage auf: hat es einen Sinn, sich wegen einer Sache, die sechs Jahre zurückliegt, zu duellieren? Nach dem Duell lässt dieser Gedanke Innstetten keine Ruhe. (...)
Innstetten weiß also genau, dass er nicht aus Rache, nicht aus moralischer Empörung, nicht in Erfüllung einer aufrichtig empfundenen Pflicht getötet hat: "So aber war alles eine Vorstellung, einem Begriff zuliebe, war eine gemachte Geschichte, halbe Komödie. Und diese Komödie muss ich nun fortsetzen und muss Effi wegschicken und sie ruinieren und mich mit ..." Und diese Hohlheit der Ehrenkonvention, die eine ganze Reihe von Existenzen vernichtet, wird hier von Fontane noch mehr zugespitzt. Denn der Gedanke der Verjährung taucht, von Wüllersdorf auf-geworfen, schon vor dem Duell auf; macht auch auf Innstetten gleich einen starken Eindruck, kann ihn aber nicht mehr umstimmen. Wieder infolge des Automatismus jener "Moral", die herrscht, ohne eine Macht zu sein. (...)
Und doch geht diese Vernichtung und Selbstvernichtung von Menschenleben mit unerbittlicher Logik weiter. Die Karriere Innstettens kommt zustande, sein Leben ist aber morbid, innerlich widerstandsunfähig geworden. Freilich geht es in seiner menschentötend - automatisierten Weise weiter. Trotz solcher Reflexionen nach dem Duell, wie wir eben angeführt haben, führt Innstetten konsequent durch, was er mit dem Duell begonnen hat. Er entfremdet das einzige Kind der Mutter, und als diese - infolge der Intervention einer Ministersgattin - doch eine Zu-sammenkunft mit ihrem Kinde erreicht, kommt auch in dem Kinde der anerzogene Automatis-mus so krass zum Ausdruck, dass das leidenschaftlich ersehnte Wiedersehen zu einer tragiko-mischen Katastrophe erwächst, die schließlich Effis Leben gefährdet. (...)
 Und in dieser Welt der maschinenmäßig gewordenen Konvention, der Zerstörung jeder Menschlichkeit zeigt allein Effis ungebildetes, abergläubisches Dienstmädchen Roswitha ein menschliches Empfinden für menschliche Schicksale. In einem sehr naiven Brief bittet sie Innstetten, dass man Effi doch den alten Hund, ihren einzigen Gefährten, überlasse. Innstetten hat daraufhin ein sehr bezeichnendes Gespräch mit seinem Freund Wüllersdorf, und zwar an dem Tage, an dem er wieder ein höheres Avancement erhält: "Ja", sagte Wüllersdorf, als er das Papier wieder zusammenfaltete, "die ist uns über." (...)
Es gehört zu ideellen Einheitlichkeit dieses Werkes, zu seiner künstlerischen Vollendung, dass seine leidende Heldin, Effi, eine wundervoll lebendige Frauengestalt, ebenfalls nicht über den Horizont dieser "Moral" hinausblickt. Bei aller menschlich echten Gefühlsspontanität und Le-bendigkeit, bei aller feinfühligen Klugheit und praktischen Schlauheit bleibt sie in Glück und Unglück ganz eine Gestalt dieser Adelswelt. Ihre Gefühlsproteste bei den härtesten Unmensch-lichkeiten erhöhen sich nie auch nur zur Ahnung einer wirklichen Auflehnung gegen dieses Sys-tem. Gerade dadurch erhält die Notwendigkeit ihres Zum-Opfer-Werdens eine so tiefe und er-greifende Wirkung. (...)
Fontane gehörte zu den bedeutenden Realisten der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, weil er einerseits das Hassenswerte an seiner Gegenwart so darstellt, wie sie es verdient, weil es andererseits - bei aller Beschränktheit seines Weltbildes auf das Privat-Persönliche - hier nicht der Versuchung verfällt, solche notwendigen Kollisionen durch ihr Verschieben ins Pathologi-sche scheinbar zu "vertiefen" und in Wirklichkeit vom Wesentlichen abzulenken. Denn jede Kollision kann nur dann gesellschaftlich und darum menschlich verallgemeinert werden, wenn die normalen gesellschaftlichen Bestimmungen (sie mögen in noch so extreme Formen er-scheinen) mit normalen menschlichen Charakteren (mögen diese noch so extreme Vertreter ihres Typus sein) in Widerspruch geraten. Jeder pathologische Zug einer Gestalt, wenn er ihr Wesen berührt, nähert eine solche Figur der bloßen Singularität gesellschaftlicher Exzentrizität an; das völlig pathologische Individuum ist ein klinischer Einzelfall, der bestenfalls unter medi-zinische Allgemeingesetze subsumiert werden kann, nie aber als Typus, als Repräsentant dich-terischer Verallgemeinerung erscheinen darf. Darum ist jede pathologische Anlage der Charak-tere - bewusst oder unbewusst - ein Ausweichen vor der Gesellschaftlichkeit der Literatur, der gesellschaftlichen und darum menschlichen Verallgemeinerung der Gestalten und ihrer Kollisi-onen.

[Aus: van Rinsum: Interpretationen. Romane. Erzählungen, München 1979]
 

Bildhintegrund: Brief Fontanes an seine Frau Emilie, London 10. Juni 1857

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