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Interpretation
Während für Lukacs das Schicksal des Individuums nur von Interesse
ist, soweit es zeittypische Missstände aufzeigt und den Willen zur
Veränderung weckt, geht Müller-Seidel den umgekehrten Weg. Er
glaubt, dass ein Roman, der nur auf Gesellschafts- und Zeitkritik aufbaut,
keine Dichtung von Rang und Dauer sein kann, da die zeitgebundene Problematik
oft schon für die nächste Gene-ration historisch und uninteressant
geworden ist.
Der Bezug zur Zeit muss künstlerisch verarbeitet, der zeitbedingte
soziale Missstand muss in all-gemein menschliches Leid überhöht
werden, wenn die Dichtung zeitlos sein soll. Er sagt, dass "die im Roman
vorhandene Gesellschaftskritik in dem Maße überzeugt, als in
ihr ein Allgemeines im Dasein des Menschen sichtbar wird".
"Effi Briest" ist ein Beispiel für den Konflikt zwischen der Gesellschaft
- die überall ist - und dem Glück des Natürlichen.“
Das Spannungsverhältnis von Gesellschaft und Menschlichkeit beschäftigt
uns hier in besonde-rem Maße. Doch könnte wohl der Eindruck
entstehen, als hätten wir es vornehmlich mit zwei un-terschiedlichen
Charakteren zu tun, die zueinander nicht passen. Es sieht aus, als ginge
es nur um die Psychologie dieser Charaktere. Indes ist bereits der Begriff
des Charakters deutlich auf die gesellschaftliche Sphäre bezogen.
Als ein Mann von "Charakter, von Stellung und guten Sitten" wird Baron
von Innstetten bezeichnet. Er sei ein "Mann von Charakter und Schneid",
hören wir. (...)
Dergleichen Äußerungen bestätigen, dass es sich nicht
um Urteile der Psychologen, sondern um solche der Gesellschaft handelt.
Und von der Gesellschaft her sind diese Urteile eindeutig po-sitiv gemeint.
Als Leser dagegen gewahren wir besser ihre Ambivalenz.
Ohne Menschen von Charakter wie Innstetten wäre auf die Dauer
eine Gesellschaftsordnung nicht wohl denkbar. Aber im Wert des festen Charakters
und der festen Prinzipien, deren die Ge-sellschaft zu ihrer Erhaltung bedarf,
ist zugleich ein Zug zum Unmenschlichen enthalten. Anderer-seits gewahrt
man verwandte Ambivalenzen auch an der Gestalt des Majors Crampas. Seine
Fri-sche, seine Kühnheit und sein Wagemut heben sich wohl tuend von
den reifen Manieren und der Pedanterie Innstettens ab. Das weiß Effi
zu schätzen. Ohne Gestalten wie Crampas müsste die Gesellschaft
im Unmenschlichen erstarren. Aber ohne die Innstettens lösen sich
Ordnung und Sit-te auf. Wenn der Baron die starren Prinzipien der Gesellschaft
verkörpert und Crampas das Menschlich - Natürliche im Absehen
von unnötigen Konventionen, so lässt sich dieses Verhalten bis
in einzelne Züge hinein verfolgen. Bezeichnend ist Effis Angst vor
der Spukgestalt des Chine-sen. Es ist eine ganz natürliche, eine fast
kreatürliche Angst. Aber Verständnis findet sich in die-sem Punkt
nicht bei ihrem Gemahl, sondern bei Crampas. Innstetten sieht diese Angst
ausschließ-lich im Spiegel der Gesellschaft. Er ist bemüht,
ihr in erster Linie mit Erziehungsmaßnahmen zu begegnen und sieht
sich aus gesellschaftlichen Rücksichten hierzu genötigt (...).
Dennoch haben beide Ehepartner auf ihre Weise Recht. Innstetten würde
sich in der Tat lächer-lich machen, wenn bekannt würde, dass
er um einiger Spukgeschichten willen das Haus räumt. Andererseits
ist Effis Angst etwas Menschlich-Natürliches. Ihr ist mit gesellschaftlichen
Rücksich-ten nicht geholfen. Man gewahrt die gewisse Unvereinbarkeit
der Bereiche. Im Lichte der Gesell-schaft verkehrt sich das Menschlich
- Natürliche in Lächerlichkeit und Komik. Erst recht aber haf-ten
dem Gesellschaftlichen Züge des Komischen an, wenn man es unter dem
Blickwinkel des Menschlichen betrachtet. Die doppelte Kritik im Wechsel
der Perspektiven bestätigt die vorhande-nen Antinomien.
[Müller-Seidel: Gesellschaft und Menschlichkeit,
S. 186-188]
Dem Konflikt des Menschlichen mit dem Gesellschaftlichen haftet etwas
Unabänderliches an, und er führt schließlich zur Resignation.
Weder Gesetz und Ordnung noch das Natürliche außer-halb jeder
Ordnung hat Recht.
Erst von hier aus wird verständlicher, was es auf dem Hintergrund
solcher Spannungen mit der Menschlichkeit des Menschen auf sich hat. Um
dieser Menschlichkeit willen, die im Prozess des geschichtlichen Lebens
immer aufs neue erstickt zu werden in Gefahr steht, wird die Gesell-schaftskritik
in den künstlerischen Formen entfaltet, von der mehrfach die Rede
war. Diese Kritik ist auf die bestehende Gesellschaftsordnung bezogen.
Nirgends aber wird diese Ordnung völlig negiert - etwa zugunsten
einer idealen Gesellschaftsordnung der Zukunft. Dass in gewisser Weise
auch die bestehende Ordnung gültig bleibt - trotz aller Kritik an
ihr - darf nicht missverstanden wer-den, wie es freilich oft geschieht.
Die vorausgegangene Gesellschaftskritik wird damit nicht zurückgenommen,
wohl aber wird das Menschlich - Natürliche nicht minder eingeschränkt.
Wer sich wie Crampas über die Ordnung hinwegsetzt, bedroht das Menschliche
doch auch. Obwohl wir den Schritt vom Wege, in den Effi hineingleitet,
niemals nach dem Moralkodex eindeutiger Prinzi-pien verurteilen, bleibt
es ein Ehebruch, der die Ordnung gefährdet (...).
Fontanes Skepsis bewahrt ihn davor, einer Natürlichkeit außerhalb
jeder gesellschaftlichen Ordnung das Wort zu reden, die es nicht gibt.
Sie bewahrt ihn vor der Flucht in die sentimentale Idyllik des "einfachen
Lebens". Er behandelt als Erzähler Spannungen und Konflikte der Gesell-schaft.
Er stellt sie dar - im Grunde als unvermeidbar. (...)
Erst von hier aus erscheint das Menschliche in der für Fontane
charakteristischen Form. Diese Form heißt Resignation. Die Konflikte
werden in ihr nicht gelöst, sie bleiben bestehen. Aber weil sie zuletzt
unvermeidbar gedacht werden, beruht das Menschliche dieser Resignation
wesentlich darin, sich ins Unvermeidliche zu schicken (...).
Effi Briest wächst durch ihre Resignation über ihre Mitmenschen
hinaus. Als nach längerer Trennung das von den Erziehungsgrundsätzen
Innstettens entstellte Kind in ihrer Wohnung er-scheint, entlädt sich
noch einmal das Menschlich - Natürliche ihres Hasses auf die Götzen
der Ge-sellschaft. Aber das Tiefste ihres Menschentums bezeugt sich dort,
wo sie sich in das letztlich Un-abänderliche schickt, ohne anzuklagen
oder sich von der Schuld auszunehmen: "Und dann, womit er mich am tiefsten
verletzte, dass er mein eigen Kind in einer Art Abwehr gegen mich erzogen
hat, so hart es mir ankommt und so weh es mir tut, er hat auch darin Recht
gehabt. Lass ihn das wissen, dass ich in dieser Überzeugung gestorben
bin. Es wird ihn trösten, aufrichten, vielleicht versöhnen. Denn
er hatte viel Gutes in seiner Natur und war so edel, wie jemand nur sein
kann, der ohne rechte Liebe ist." Man lasse die Klischees aus dem Spiel
und spreche nicht vom heiteren Darüberstehen; denn es ist ein physisch
gebrochener Mensch, der solches sagt. Dennoch geht es im Positiven darum,
die humanen Züge dieser Resignation zu vernehmen. "Ist nicht auch
Resig-nation ein Sieg?", heißt es bei Fontane gelegentlich.
Vor Missverständnissen zumal ideologischer Art ist diese Resignation
zu bewahren - nicht an-ders als die für Fontane charakteristische
Skepsis. Resignation und Skepsis sind auf dem Hinter-grund der gesellschaftlichen
Spannungen die Züge jener Menschlichkeit, die seiner Erzählkunst
das Gepräge geben. Im Grunde ist die Resignation ohne ein bestimmtes
Maß an Skepsis nicht denkbar. Von hier aus versteht sich das eigentümlich
Unheldische und Unkämpferische so vieler Figuren. Alle diese Gestalten
sind nicht von dem Wunsche beseelt, das Übel an der Wurzel zu pa-cken,
aus dem die Konflikte resultieren. Sie misstrauen und resignieren. Aber
ihr Misstrauen ist zugleich dasjenige Fontanes. Seine Kritik an der bestehenden
Gesellschaftsordnung ist nicht zu trennen von der Skepsis gegenüber
jeder Gesellschaftsordnung; die solche Konflikte als vermeid-bar in Aussicht
stellt. In solchem Verzicht liegt das in vieler Hinsicht Unbequeme seiner
Erzähl-kunst. (...)
Indessen ist hier auch der Punkt, an dem die auf Parteirichtungen eingeschworenen
Leser dem Schriftsteller Fontane die Gefolgschaft verweigern. Sie sind
unvermögend, die Humanität dieser Skepsis zu würdigen. Sie
vermissen das "Positive", das eindeutige Weltbild, die klar fixierte Welt-anschauung.
Womöglich reden sie in radikaler Verkennung der eigentlich dichterischen
Leistung gar noch vom Nihilismus Fontanes, wie es Georg Lukacs in bestürzender
Kurzsichtigkeit tut. Er bedauert, dass Fontane zu einer schwankenden Gestalt
wird - "zu einem Menschen und Schrift-steller, der für keine der kämpfenden
Klassen oder Parteien zuverlässig ist". Und in der Tat: we-der die
Konservation noch die Sozialdemokraten, weder die Bismarckgegner noch die
Bismarck-freunde können sich auf ihn verlassen. Aber der "unzuverlässige"
Fontane ist der Dichter Fontane. Im "Unzuverlässigen" liegt ein gut
Teil seiner dichterischen wie menschlichen Substanz. Seine Gesellschaftskritik
erfolgt nicht von einem Standort aus, der das Bild einer neuen, einer künftigen
und besseren Gesellschaftsordnung impliziert. Dieser Dichter blickt über
die Illusionen jeder Uto-pie hinweg. (...)
Und weil sich zuletzt die Menschen nicht wesentlich ändern, werden
auch die aus der Gesell-schaft je und je hervorgehenden Konflikte nicht
zu vermeiden sein. Nicht auf sie kommt es daher im Letzten an, sondern
darauf, wie die Menschen auf sie antworten. Das ist nicht die Frage eines
besseren politischen Konzepts, sondern die Frage des Dichters Fontane.
In der Menschlichkeit des Menschen, in der Gesinnung des Humanen beruht
die Antwort, die Fontane als Erzähler gibt.
[Müller-Seidel: Gesellschaft und Menschlichkeit,
S. 194-197
Aus: van Rinsum: Interpretationen. Romane. Erzählungen, München
1979]
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