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Fachbereich Deutsch
Prosa
Theodor Fontane
Effi Briest
 
Interpretation 

Während für Lukacs das Schicksal des Individuums nur von Interesse ist, soweit es zeittypische Missstände aufzeigt und den Willen zur Veränderung weckt, geht Müller-Seidel den umgekehrten Weg. Er glaubt, dass ein Roman, der nur auf Gesellschafts- und Zeitkritik aufbaut, keine Dichtung von Rang und Dauer sein kann, da die zeitgebundene Problematik oft schon für die nächste Gene-ration historisch und uninteressant geworden ist.
Der Bezug zur Zeit muss künstlerisch verarbeitet, der zeitbedingte soziale Missstand muss in all-gemein menschliches Leid überhöht werden, wenn die Dichtung zeitlos sein soll. Er sagt, dass "die im Roman vorhandene Gesellschaftskritik in dem Maße überzeugt, als in ihr ein Allgemeines im Dasein des Menschen sichtbar wird".
"Effi Briest" ist ein Beispiel für den Konflikt zwischen der Gesellschaft - die überall ist - und dem Glück des Natürlichen.“

Das Spannungsverhältnis von Gesellschaft und Menschlichkeit beschäftigt uns hier in besonde-rem Maße. Doch könnte wohl der Eindruck entstehen, als hätten wir es vornehmlich mit zwei un-terschiedlichen Charakteren zu tun, die zueinander nicht passen. Es sieht aus, als ginge es nur um die Psychologie dieser Charaktere. Indes ist bereits der Begriff des Charakters deutlich auf die gesellschaftliche Sphäre bezogen. Als ein Mann von "Charakter, von Stellung und guten Sitten" wird Baron von Innstetten bezeichnet. Er sei ein "Mann von Charakter und Schneid", hören wir. (...)
Dergleichen Äußerungen bestätigen, dass es sich nicht um Urteile der Psychologen, sondern um solche der Gesellschaft handelt. Und von der Gesellschaft her sind diese Urteile eindeutig po-sitiv gemeint. Als Leser dagegen gewahren wir besser ihre Ambivalenz.
Ohne Menschen von Charakter wie Innstetten wäre auf die Dauer eine Gesellschaftsordnung nicht wohl denkbar. Aber im Wert des festen Charakters und der festen Prinzipien, deren die Ge-sellschaft zu ihrer Erhaltung bedarf, ist zugleich ein Zug zum Unmenschlichen enthalten. Anderer-seits gewahrt man verwandte Ambivalenzen auch an der Gestalt des Majors Crampas. Seine Fri-sche, seine Kühnheit und sein Wagemut heben sich wohl tuend von den reifen Manieren und der Pedanterie Innstettens ab. Das weiß Effi zu schätzen. Ohne Gestalten wie Crampas müsste die Gesellschaft im Unmenschlichen erstarren. Aber ohne die Innstettens lösen sich Ordnung und Sit-te auf. Wenn der Baron die starren Prinzipien der Gesellschaft verkörpert und Crampas das Menschlich - Natürliche im Absehen von unnötigen Konventionen, so lässt sich dieses Verhalten bis in einzelne Züge hinein verfolgen. Bezeichnend ist Effis Angst vor der Spukgestalt des Chine-sen. Es ist eine ganz natürliche, eine fast kreatürliche Angst. Aber Verständnis findet sich in die-sem Punkt nicht bei ihrem Gemahl, sondern bei Crampas. Innstetten sieht diese Angst ausschließ-lich im Spiegel der Gesellschaft. Er ist bemüht, ihr in erster Linie mit Erziehungsmaßnahmen zu begegnen und sieht sich aus gesellschaftlichen Rücksichten hierzu genötigt (...).
Dennoch haben beide Ehepartner auf ihre Weise Recht. Innstetten würde sich in der Tat lächer-lich machen, wenn bekannt würde, dass er um einiger Spukgeschichten willen das Haus räumt. Andererseits ist Effis Angst etwas Menschlich-Natürliches. Ihr ist mit gesellschaftlichen Rücksich-ten nicht geholfen. Man gewahrt die gewisse Unvereinbarkeit der Bereiche. Im Lichte der Gesell-schaft verkehrt sich das Menschlich - Natürliche in Lächerlichkeit und Komik. Erst recht aber haf-ten dem Gesellschaftlichen Züge des Komischen an, wenn man es unter dem Blickwinkel des Menschlichen betrachtet. Die doppelte Kritik im Wechsel der Perspektiven bestätigt die vorhande-nen Antinomien.

[Müller-Seidel: Gesellschaft und Menschlichkeit, S. 186-188]

Dem Konflikt des Menschlichen mit dem Gesellschaftlichen haftet etwas Unabänderliches an, und er führt schließlich zur Resignation. Weder Gesetz und Ordnung noch das Natürliche außer-halb jeder Ordnung hat Recht.

Erst von hier aus wird verständlicher, was es auf dem Hintergrund solcher Spannungen mit der Menschlichkeit des Menschen auf sich hat. Um dieser Menschlichkeit willen, die im Prozess des geschichtlichen Lebens immer aufs neue erstickt zu werden in Gefahr steht, wird die Gesell-schaftskritik in den künstlerischen Formen entfaltet, von der mehrfach die Rede war. Diese Kritik ist auf die bestehende Gesellschaftsordnung bezogen. Nirgends aber  wird diese Ordnung völlig negiert - etwa zugunsten einer idealen Gesellschaftsordnung der Zukunft. Dass in gewisser Weise auch die bestehende Ordnung gültig bleibt - trotz aller Kritik an ihr - darf nicht missverstanden wer-den, wie es freilich oft geschieht. Die vorausgegangene Gesellschaftskritik wird damit nicht zurückgenommen, wohl aber wird das Menschlich - Natürliche nicht minder eingeschränkt. Wer sich wie Crampas über die Ordnung hinwegsetzt, bedroht das Menschliche doch auch. Obwohl wir den Schritt vom Wege, in den Effi hineingleitet, niemals nach dem Moralkodex eindeutiger Prinzi-pien verurteilen, bleibt es ein Ehebruch, der die Ordnung gefährdet (...).
Fontanes Skepsis bewahrt ihn davor, einer Natürlichkeit außerhalb jeder gesellschaftlichen Ordnung das Wort zu reden, die es nicht gibt. Sie bewahrt ihn vor der Flucht in die sentimentale Idyllik des "einfachen Lebens". Er behandelt als Erzähler Spannungen und Konflikte der Gesell-schaft. Er stellt sie dar - im Grunde als unvermeidbar. (...)
Erst von hier aus erscheint das Menschliche in der für Fontane charakteristischen Form. Diese Form heißt Resignation. Die Konflikte werden in ihr nicht gelöst, sie bleiben bestehen. Aber weil sie zuletzt unvermeidbar gedacht werden, beruht das Menschliche dieser Resignation wesentlich darin, sich ins Unvermeidliche zu schicken (...).
Effi Briest wächst durch ihre Resignation über ihre Mitmenschen hinaus. Als nach längerer Trennung das von den Erziehungsgrundsätzen Innstettens entstellte Kind in ihrer Wohnung er-scheint, entlädt sich noch einmal das Menschlich - Natürliche ihres Hasses auf die Götzen der Ge-sellschaft. Aber das Tiefste ihres Menschentums bezeugt sich dort, wo sie sich in das letztlich Un-abänderliche schickt, ohne anzuklagen oder sich von der Schuld auszunehmen: "Und dann, womit er mich am tiefsten verletzte, dass er mein eigen Kind in einer Art Abwehr gegen mich erzogen hat, so hart es mir ankommt und so weh es mir tut, er hat auch darin Recht gehabt. Lass ihn das wissen, dass ich in dieser Überzeugung gestorben bin. Es wird ihn trösten, aufrichten, vielleicht versöhnen. Denn er hatte viel Gutes in seiner Natur und war so edel, wie jemand nur sein kann, der ohne rechte Liebe ist." Man lasse die Klischees aus dem Spiel und spreche nicht vom heiteren Darüberstehen; denn es ist ein physisch gebrochener Mensch, der solches sagt. Dennoch geht es im Positiven darum, die humanen Züge dieser Resignation zu vernehmen. "Ist nicht auch Resig-nation ein Sieg?", heißt es bei Fontane gelegentlich.
Vor Missverständnissen zumal ideologischer Art ist diese Resignation zu bewahren - nicht an-ders als die für Fontane charakteristische Skepsis. Resignation und Skepsis sind auf dem Hinter-grund der gesellschaftlichen Spannungen die Züge jener Menschlichkeit, die seiner Erzählkunst das Gepräge geben. Im Grunde ist die Resignation ohne ein bestimmtes Maß an Skepsis nicht denkbar. Von hier aus versteht sich das eigentümlich Unheldische und Unkämpferische so vieler Figuren. Alle diese Gestalten sind nicht von dem Wunsche beseelt, das Übel an der Wurzel zu pa-cken, aus dem die Konflikte resultieren. Sie misstrauen und resignieren. Aber ihr Misstrauen ist zugleich dasjenige Fontanes. Seine Kritik an der bestehenden Gesellschaftsordnung ist nicht zu trennen von der Skepsis gegenüber jeder Gesellschaftsordnung; die solche Konflikte als vermeid-bar in Aussicht stellt. In solchem Verzicht liegt das in vieler Hinsicht Unbequeme seiner Erzähl-kunst. (...)
Indessen ist hier auch der Punkt, an dem die auf Parteirichtungen eingeschworenen Leser dem Schriftsteller Fontane die Gefolgschaft verweigern. Sie sind unvermögend, die Humanität dieser Skepsis zu würdigen. Sie vermissen das "Positive", das eindeutige Weltbild, die klar fixierte Welt-anschauung. Womöglich reden sie in radikaler Verkennung der eigentlich dichterischen Leistung gar noch vom Nihilismus Fontanes, wie es Georg Lukacs in bestürzender Kurzsichtigkeit tut. Er bedauert, dass Fontane zu einer schwankenden Gestalt wird - "zu einem Menschen und Schrift-steller, der für keine der kämpfenden Klassen oder Parteien zuverlässig ist". Und in der Tat: we-der die Konservation noch die Sozialdemokraten, weder die Bismarckgegner noch die Bismarck-freunde können sich auf ihn verlassen. Aber der "unzuverlässige" Fontane ist der Dichter Fontane. Im "Unzuverlässigen" liegt ein gut Teil seiner dichterischen wie menschlichen Substanz. Seine Gesellschaftskritik erfolgt nicht von einem Standort aus, der das Bild einer neuen, einer künftigen und besseren Gesellschaftsordnung impliziert. Dieser Dichter blickt über die Illusionen jeder Uto-pie hinweg. (...)
Und weil sich zuletzt die Menschen nicht wesentlich ändern, werden auch die aus der Gesell-schaft je und je hervorgehenden Konflikte nicht zu vermeiden sein. Nicht auf sie kommt es daher im Letzten an, sondern darauf, wie die Menschen auf sie antworten. Das ist nicht die Frage eines besseren politischen Konzepts, sondern die Frage des Dichters Fontane.
In der Menschlichkeit des Menschen, in der Gesinnung des Humanen beruht die Antwort, die Fontane als Erzähler gibt.

[Müller-Seidel: Gesellschaft und Menschlichkeit, S. 194-197
Aus: van Rinsum: Interpretationen. Romane. Erzählungen, München 1979]

 

Bildhintegrund: Brief Fontanes an seine Frau Emilie, London 10. Juni 1857

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