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Fachbereich Deutsch
Prosa
Theodor Fontane
Effi Briest
 
Die Frau - mehr denn je im Nachteil 

Als Frau habe ich zum Jahr der Frau ein ähnliches Verhältnis wie zum Muttertag: Dieser nutzt fraglos den Blumenhändlern, Pralinenherstellern, Schürzenfabrikanten und Elektrofirmen - und das Jahr der Frau?
- An der Emanzipationsfront herrscht heute Ruhe .Dies trotz der jetzt wieder beginnenden  Diskussion. um § 2I8, nachdem die Bundesverfassungsrichter offensichtlich die Fristenregelung verworfen haben. Diese neuerliche Diskussion kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass nach dem ersten großen Aufschwung ein Rückschlag eingesetzt hat. Die erhofften grundsätzlichen Reformen zugunsten der Frauen sind vorsichtigen. Anpassungsreformen gewichen. Jetzt heißt das neue Schlagwort: Wie realistisch sind Reformen? Die Grenzen des Wachstums gelten auch für die Frau,
Mich interessiert an diesem UN’ Jahr vor allem die Frage, ab die Chancen der. Frau in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur deshalb verbessert wurden, weil ganz allgemein. eine Verbesserung der Lebenschancen eingetreten war. Den Arbeitern geht es heute ja nicht etwa deshalb besser, weil wir zuungunsten der Unternehmer umverteilt hätten; sie partizipieren am Zugewinn - Ist es bei den Frauen nicht ebenso? (...)
Der Abstand zwischen dem, was Männer in der Gesellschaft gelten und leisten, und dem, was Frauen zugetraut und zugebilligt wird, hat sich bestenfalls geringfügig verkleinert. In Zeiten wirtschaftlicher Expansion mag man dies beklagen, kann es aber gerade noch dulden ‚weil sich die Entfaltungsmöglichkeiten der Frauen laufend verbessern.
Aber wie ist es jetzt in der Krise? Wir haben schon heute mehrere hunderttausend weibliche Arbeitslose in der Bundesrepublik, von denen mehr als die Hälfte aus Teilzeitbeschäftigungen entlassen wurden. Die Quote weiblicher Arbeitsloser liegt prozentual höher als die der Männer, weil Frauen einerseits oft in besonders krisenanfälligen Berufen arbeiten, andererseits auf Grund ihrer schlechten. Schul- und Berufsausbildung eher entbehrt werden können. So kehrt sich der Trend um: Weibliche Entfaltungsmöglichkeiten schrumpfen, wenn in der Gesellschaft kein Zugewinn, sondern ein Stillstand oder gar eine. Abnahme des Wachstums zu verzeichnen ist.
Dieser Tatbestand sollte im Jahr der Frau bewusst gemacht werden; er stört die Weihefestspiele, denn er zementiert Ungerechtigkeit. Bliebe er in. dieser Form erhalten, so verweigerten wir weltweit Hunderttausenden von Frauen ihn Recht auf Arbeit. Das Unverschämteste in diesem Zusammenhang: Frauenarbeitslosigkeit wird wieder und wieder als ‚nicht so schlimm’ bewertet, weil Frauen doch nur dazuverdienen und. als Ernährer von Familien nach wie vor selbstverständlich die Männer gelten.
Damit Frauen in Zukunft von allen gegebenen Chancen in der Gesellschaft endlich ihren gerechten Anteil erhalten und damit dies für Männer überhaupt akzeptabel wird, müssen neuere sozialpsychologische Erkenntnisse über die Rollen von Mann und Frau allgemein bewusst gemacht werden, wie sie sich in der Literatur seit Mitte der sechziger Jahre nach und nach Geltung verschafft haben.

Bisher gestatten es die gesellschaftlichen Normen kaum, dass Männer über ihre Rolle in der Gesellschaft nachdenken. Jungen wachsen auch heute noch heran mit dem Anspruch an sich selbst, in dieser Welt tapfer allein zurechtzukommen, einen Beruf zu haben und einer Familie als Ernährer und Beschützer vorzustehen. Dass es auch für Männer gesellschaftliche Zwänge und Rollenkonflikte gibt, unter denen sie leiden, an denen manche scheitern, wird selten, am seltensten von den Männern selbst akzeptiert.
Denn weder Arbeitgeber, die von niedrigen Frauenlöhnen profitieren, noch jene Führungskräfte, die auf Kosten von Frau und Familie Karriere machen, können eine Machtumverteilung zugunsten der Frauen wollen, weil sie selbst dann Vorteile aufgeben müssen. Sie werden nur zu gern versuchen, in der Gesellschaft liegende Interessenkonflikte als ‚Privatprobleme' darzustellen private Lösungsmöglichkeiten im Sinne jener oft bemühten 'Partnerschaft' yorzuschlagen.
Solcherlei manipulative Absichten aufzudecken ist die erklärte Absicht feministischer Frauengruppen auf der ganzen Welt. Ihre Strategie läuft darauf hinaus, dass es nur dann gelingen kann, sich als Frau zu ‚emanzipieren', wenn sich die Frauen solidarisieren und im politischen Kampf gemeinsam gegen die 'kapitalistische Männerwelt' vorgehen. Einen besonderen Fortschritt auf dem Wege zur Emanzipation sehen sie darin, die ‚sexuelle Abhängigkeit' der Frauen von den Männern zu überwinden: Herrschaftsabbau des Menschen über den Menschen, beginnend im Bett.
Das Emanzipationsproblem ist kein Problem für Frauen allein in der Gesellschaft; denn Emanzipation heißt doch wohl, dass ein Mensch im Sinne des Grundgesetzes seine Persönlichkeit ungeachtet von Geschlecht, Religion, Herkunft frei entfalten kann. In diesem Sinne besteht für Männer und für Frauen einerheblicher Nachholbedarf. Nichts spricht dafür, für eine Emanzipation der Frauen gegen die Männer in einer nichtkapitalistischen Welt von noch unbekannter Gesellschaftsordnung zu kämpfen. Genauso wenig aber spricht dafür, an einer Emanzipationsidee nach dem ideologieumsäumten Partnerschaftsmuster zu werken, die sich vornehmlich im privaten Bereich äußert, denn Emanzipation als pas de deux ist undenkbar, dazu engen die gesellschaftlichen Zwänge beide Geschlechter in ihren Entfaltungsmöglichkeiten zu stark ein, und es bedarf dringend solidarischer Aktionen in der Öffentlichkeit, um diese gesellschaftlichen Zwänge zu verändern.

Anke Riedel - Martiny [Aus: Die ZEIT, März 1975]

Bildhintegrund: Brief Fontanes an seine Frau Emilie, London 10. Juni 1857


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