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Die Frau - mehr denn je im Nachteil
Als Frau habe ich zum Jahr der Frau ein ähnliches Verhältnis
wie zum Muttertag: Dieser nutzt fraglos den Blumenhändlern, Pralinenherstellern,
Schürzenfabrikanten und Elektrofirmen - und das Jahr der Frau?
- An der Emanzipationsfront herrscht heute Ruhe .Dies trotz der jetzt
wieder beginnenden Diskussion. um § 2I8, nachdem die Bundesverfassungsrichter
offensichtlich die Fristenregelung verworfen haben. Diese neuerliche Diskussion
kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass nach dem ersten
großen Aufschwung ein Rückschlag eingesetzt hat. Die erhofften
grundsätzlichen Reformen zugunsten der Frauen sind vorsichtigen. Anpassungsreformen
gewichen. Jetzt heißt das neue Schlagwort: Wie realistisch sind Reformen?
Die Grenzen des Wachstums gelten auch für die Frau,
Mich interessiert an diesem UN’ Jahr vor allem die Frage, ab die Chancen
der. Frau in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur deshalb verbessert wurden,
weil ganz allgemein. eine Verbesserung der Lebenschancen eingetreten war.
Den Arbeitern geht es heute ja nicht etwa deshalb besser, weil wir zuungunsten
der Unternehmer umverteilt hätten; sie partizipieren am Zugewinn -
Ist es bei den Frauen nicht ebenso? (...)
Der Abstand zwischen dem, was Männer in der Gesellschaft gelten
und leisten, und dem, was Frauen zugetraut und zugebilligt wird, hat sich
bestenfalls geringfügig verkleinert. In Zeiten wirtschaftlicher Expansion
mag man dies beklagen, kann es aber gerade noch dulden ‚weil sich die Entfaltungsmöglichkeiten
der Frauen laufend verbessern.
Aber wie ist es jetzt in der Krise? Wir haben schon heute mehrere hunderttausend
weibliche Arbeitslose in der Bundesrepublik, von denen mehr als die Hälfte
aus Teilzeitbeschäftigungen entlassen wurden. Die Quote weiblicher
Arbeitsloser liegt prozentual höher als die der Männer, weil
Frauen einerseits oft in besonders krisenanfälligen Berufen arbeiten,
andererseits auf Grund ihrer schlechten. Schul- und Berufsausbildung eher
entbehrt werden können. So kehrt sich der Trend um: Weibliche Entfaltungsmöglichkeiten
schrumpfen, wenn in der Gesellschaft kein Zugewinn, sondern ein Stillstand
oder gar eine. Abnahme des Wachstums zu verzeichnen ist.
Dieser Tatbestand sollte im Jahr der Frau bewusst gemacht werden; er
stört die Weihefestspiele, denn er zementiert Ungerechtigkeit. Bliebe
er in. dieser Form erhalten, so verweigerten wir weltweit Hunderttausenden
von Frauen ihn Recht auf Arbeit. Das Unverschämteste in diesem Zusammenhang:
Frauenarbeitslosigkeit wird wieder und wieder als ‚nicht so schlimm’ bewertet,
weil Frauen doch nur dazuverdienen und. als Ernährer von Familien
nach wie vor selbstverständlich die Männer gelten.
Damit Frauen in Zukunft von allen gegebenen Chancen in der Gesellschaft
endlich ihren gerechten Anteil erhalten und damit dies für Männer
überhaupt akzeptabel wird, müssen neuere sozialpsychologische
Erkenntnisse über die Rollen von Mann und Frau allgemein bewusst gemacht
werden, wie sie sich in der Literatur seit Mitte der sechziger Jahre nach
und nach Geltung verschafft haben.
Bisher gestatten es die gesellschaftlichen Normen kaum, dass Männer
über ihre Rolle in der Gesellschaft nachdenken. Jungen wachsen auch
heute noch heran mit dem Anspruch an sich selbst, in dieser Welt tapfer
allein zurechtzukommen, einen Beruf zu haben und einer Familie als Ernährer
und Beschützer vorzustehen. Dass es auch für Männer gesellschaftliche
Zwänge und Rollenkonflikte gibt, unter denen sie leiden, an denen
manche scheitern, wird selten, am seltensten von den Männern selbst
akzeptiert.
Denn weder Arbeitgeber, die von niedrigen Frauenlöhnen profitieren,
noch jene Führungskräfte, die auf Kosten von Frau und Familie
Karriere machen, können eine Machtumverteilung zugunsten der Frauen
wollen, weil sie selbst dann Vorteile aufgeben müssen. Sie werden
nur zu gern versuchen, in der Gesellschaft liegende Interessenkonflikte
als ‚Privatprobleme' darzustellen private Lösungsmöglichkeiten
im Sinne jener oft bemühten 'Partnerschaft' yorzuschlagen.
Solcherlei manipulative Absichten aufzudecken ist die erklärte
Absicht feministischer Frauengruppen auf der ganzen Welt. Ihre Strategie
läuft darauf hinaus, dass es nur dann gelingen kann, sich als Frau
zu ‚emanzipieren', wenn sich die Frauen solidarisieren und im politischen
Kampf gemeinsam gegen die 'kapitalistische Männerwelt' vorgehen. Einen
besonderen Fortschritt auf dem Wege zur Emanzipation sehen sie darin, die
‚sexuelle Abhängigkeit' der Frauen von den Männern zu überwinden:
Herrschaftsabbau des Menschen über den Menschen, beginnend im Bett.
Das Emanzipationsproblem ist kein Problem für Frauen allein in
der Gesellschaft; denn Emanzipation heißt doch wohl, dass ein Mensch
im Sinne des Grundgesetzes seine Persönlichkeit ungeachtet von Geschlecht,
Religion, Herkunft frei entfalten kann. In diesem Sinne besteht für
Männer und für Frauen einerheblicher Nachholbedarf. Nichts spricht
dafür, für eine Emanzipation der Frauen gegen die Männer
in einer nichtkapitalistischen Welt von noch unbekannter Gesellschaftsordnung
zu kämpfen. Genauso wenig aber spricht dafür, an einer Emanzipationsidee
nach dem ideologieumsäumten Partnerschaftsmuster zu werken, die sich
vornehmlich im privaten Bereich äußert, denn Emanzipation als
pas de deux ist undenkbar, dazu engen die gesellschaftlichen Zwänge
beide Geschlechter in ihren Entfaltungsmöglichkeiten zu stark ein,
und es bedarf dringend solidarischer Aktionen in der Öffentlichkeit,
um diese gesellschaftlichen Zwänge zu verändern.
Anke Riedel - Martiny [Aus: Die ZEIT, März
1975] |