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Fachbereich Deutsch
Prosa
Theodor Fontane
Effi Briest
 
Das Motiv der Schaukel

In der Chrakterisierung Effi Briests erscheint das Motiv des Fluges, gesteigert durch die Konstellation gegenständlicher Korrelate, zum wesentlichen Elemente erhoben; offenbar deutet es, wenn man ein vom frühen Fontane oft zitiertes Wort des achtzehnten Jahrhunderts nachsprechen darf, auf den hervorstechenden Charakterzug (faculté maitresse) ihrer Natur. Verräterisch wieder das Heftige, Fliegende, Jugendhafte ihrer Gestik, das mit der konventionellen Jungmädchensitte ihrer adeligen Kreise kontrastiert: „rasch, rasch, ich fliege aus“ [S.12], ruft sie ihren Gespielinnen entgegen; wenige Augenblicke noch vor der Verlobung beobachtet sie der Leser in der Heftigkeit des Spieles. Der ihr geneigter Erzähler muss gestehen: „sie flog [da]hin“ [S.13] [...]
Die ironische Variation des Bildes von der „Tochter der Luft“ bestätigt auf ihre Weise, wie intim Effis Vorliebe für das Klettern und ihre Leidenschaft für das Schaukeln zusammengehören. Beide entspringen dem gleichen drängenden Impuls; beide entfalten sich, indem sie die Jahre der Kindheit überdauern, jenseits des eigentlich Schicklichen, des Dekorums, der vorgeschriebenen Mädchensitte. Merkwürdig, wie Effi ihre geliebte Schaukel aus den Jahren der Kindheit in die spätere Epoche ihres Mädchen- und Frauentums hinüberrettet: Es ist, als wollte Fontane in ihrer Starrköpfigkeit das eigentlich Unwandelbare ihres Charakters betonen. Bedeutungsvoll, wie der Autor die altersschwache Schaukel, die so lange Dienst getan, schon auf der ersten Seite des Romans auf das Genaueste lokalisiert. Dicht an jenem Rondell, in dem wir Effis zum ersten Male ansichtig werden, steht die „Schaukel ..., deren horizontal gelegte Brett zu Häupten und Füßen an je zwei Stricken hing - die Pfosten der Balkenlage schon etwas schief stehend“ [3]. dieses Rondell aber ist der gleiche Ort, an dem der Leser Effi zuletzt verlässt: ihre Grabstätte. Unaufdringlich, so scheint es, hat Fontane von allem Anfang an das Zeichen ihres Verlangens nach dem schwerelosen Glück emblematisch an den Rand ihres künftigen Grabes gestellt. Ja noch mehr: Fontane hat es sich [...] angelegen sein lassen, das Bild der Schaukel dreimal - gleichsam als Effis eigentliches Schicksals- und Todesmotiv - aufscheinen zu lassen: einmal kurz vor ihrer Eheschließung; ein zweites Mal während ihrer Ehe; zuletzt, kurz vor ihrem Tode. [...]
[Peter Demetz: Formen des Realismus: Theodor Fontane. Kritische Untersuchungen. Carl Hanser Verlag, München 1964, S. 210-215. Ausschnitt. Zitiert nach Theodor Fontane, Effi Briest, Klett Editionen Pegasus, S. 337 f.]
 

Bildhintegrund: Brief Fontanes an seine Frau Emilie, London 10. Juni 1857


Intervall 30 Minuten