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Erstausgabe des "Werther"
mit der Sturm - und - Drang
bedingten starken Flexion |
Goethe, Johann Wolfgang von
Die Leiden des jungen Werthers
Werther -Rezensionen
Der bürgerlich - revolutionäre Humanismus im "Werther"
Im Mittelpunkt des "Werther" steht das große Problem des bürgerlich-revolutionären
Humanismus, das Problem der freien und allseitigen Entfaltung der menschlichen
Persönlichkeit.
Die Tiefe und Vielseitigkeit in der Problemstellung des jungen Goethe
beruht darauf, dass er den Gegensatz zwischen Persönlichkeit und bürgerlicher
Gesellschaft nicht nur in Bezug auf den halbfeudalen Duodez-Absolutismus
Deutschlands seiner Zeit sieht, sondern in Bezug auf die bürgerliche
Gesellschaft im allgemeinen. Selbstverständlich richtet sich der Kampf
des jungen Goethe gegen jene konkreten Formen der Unterdrückung und
der Verkümmerung der menschlichen Persönlichkeit, die das Deutschland
seiner Tage hervorbringt. Aber die Tiefe seiner Auffassung zeigt sich darin,
dass er nicht bei einer Kritik der bloßen Symptome, bei einer polemischen
Darstellung der augenfälligen Erscheinungsweisen stehenbleibt. Er
gestaltet vielmehr das Alltagsleben seiner Zeit mit einem so tiefen Verständnis
der bewegenden Kräfte, der grundlegenden Widersprüche, dass die
Bedeutung seiner Kritik weit über eine Kritik der Zustände des
zurückgebliebenen Deutschlands hinausgeht. Die begeisterte Aufnahme,
die der "Werther" in ganz Europa fand, zeigt, dass die Menschen der kapitalistisch
entwickelteren Länder im Schicksal Werthers sofort erleben mussten:
tua res agitur.
In der feudalen,
konservativen Adelsge-
sellschaft
stößt Werther als Bürgerlicher
auf intrigante
Ablehnung. Er muss aus
der "Gesellschaft"
verschwinden.
[Szene aus
E. Günthers
Werther -
Verfilmung] |
[ ... ] Goethe sieht in der feudalen Standesschichtung, in der feudalen
Abschließung der Stände voneinander, ein unmittelbares und wesentliches
Hindernis der Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit und kritisiert
dementsprechend die Gesellschaftsordnung mit bitterer Satire.
Er sieht aber zugleich, dass die bürgerliche Gesellschaft, deren
Entwicklung eigentlich das Problem der Persönlichkeitsentfaltung mit
solcher Vehemenz in den Vordergrund gestellt hat, ihr selbst ununterbrochen
Hindernisse entgegensetzt. Die kapitalistische Arbeitsteilung, auf deren
Grundlage erst jene Entwicklung der Produktivkräfte vor sich gehen
kann, die die materielle Basis der entfalteten Persönlichkeit bilden,
unterwirft sich zugleich den Menschen, zerstückelt seine Persönlichkeit
zu einem leblosen Spezialistentum usw.. Es ist klar, dass dem jungen Goethe
die ökonomische Einsicht in diese Zusammenhänge fehlen musste.
Um so höher muss seine dichterische Genialität eingeschätzt
werden, mit der er an menschlichen Schicksalen die wirkliche
Dialektik
dieser Entwicklung darstellen konnte. [ ... ]
Noch energischer und leidenschaftlicher ist die Rebellion gegen die
Regeln der Ethik. [ ... ] Die ethischen Probleme des "Werther" spielen
sich alle im Zeichen dieser Rebellion ab, einer Rebellion, in der sich
zum erstenmal in der Weltliteratur die inneren Widersprüche des revolutionären
bürgerlichen Humanismus in großer dichterischer Darstellung
zeigen. Goethe legt die Handlung in diesem Roman außerordentlich
sparsam an. Aber er wählt fast ausnahmslos solche Figuren und solche
Geschehnisse aus, in denen diese Widersprüche, die Widersprüche
zwischen menschlicher Leidenschaft und gesellschaftlicher Gesetzlichkeit,
zutage treten. Und zwar ausnahmslos zwischen Leidenschaften, in denen an
und für sich nichts Niedriges, nichts Asoziales oder Antisoziales
enthalten ist, und Gesetzen, die nicht an und für sich als sinnlos
und die Entwicklung hemmend verworfen werden (wie die Ständescheidungen
der feudalen Gesellschaft), sondern die nur die allgemeinen Beschränktheiten
aller Gesetze der bürgerlichen Gesellschaft an sich tragen. [ ...
]
Der Fürst bedeutet Werther, dass man
ungehalten ist über seine Anwesenheit
und dass er (leider) verschwinden
müsse.
[Szene aus E.
Günthers
Werther -
Verfilmung] |
Der "Werther" wird allgemein als ein Liebesroman
aufgefasst. Und das zu Recht: der "Werther" ist einer der bedeutendsten
Liebesromane der Weltliteratur. [ ... ] Er zeigt in der Gestaltung der
leidenschaftlichen Liebe den unlösbaren Widerspruch zwischen Persönlichkeitsentwicklung
und bürgerlicher Gesellschaft. Und dazu war notwendig, dass wir diesen
Konflikt auf allen Gebieten der menschlichen Tätigkeit miterleben
können. [ ... ]
[ ... ] Lotte ist eine bürgerliche
Frau, die an ihrer Ehe mit dem tüchtigen und geachteten Mann instinktiv
festhält und vor der eigenen Leidenschaft erschreckt zurück taumelt.
Die Werthertragödie ist also nicht nur die Tragödie der unglücklichen
Liebesleidenschaft, sondern die vollendete Gestaltung des inneren Widerspruchs
der bürgerlichen Ehe: sie ist auf individuelle Liebe basiert, mit
ihr entsteht historisch die individuelle Liebe - ihr ökonomisch-soziales
Dasein steht aber in unlösbarem Widerspruch zur individuellen Liebe.
[ ... ]
Georg Lukás
Quelle: Georg Lukács:
Goethe und seine Zeit. In: Ders.: Deutsche Literatur in zwei Jahrhunderten,
Neuwied/Berlin (Hermann Luchterhand) 1964; S. 57-60; 65f.
Georg Lukács, Dr.
rer. pol., Dr. phil., ungarischer Literaturhistoriker und Kulturphilosoph,
1885-1971 |