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Goethe, Johann Wolfgang von

Die Leiden des jungen Werthers
Werther - Rezeption
Erstausgabe des "Werther"
mit der Sturm - und - Drang
bedingten starken Flexion

Da das Publikum über den Wert dieses Werks des Herrn Dr. Goethe 1)  so einstimmig seine Partei eingenommen hat, so würde unsere Anzeige und Kritik hier viel zu spät kommen. Das innige Gefühl, das über all seine Kompositionen ausgebreitet ist, die lebendige Gegenwart, womit die Kunst seiner Darstellung begleitet ist, das bis in allen Teilen gefühlte Detail mit der seltensten Auswahl und Anordnung verbunden, zeigt einen seiner Materie allzeit mächtigen Schriftsteller. 
Inwieferne er die Wahrheit der Geschichte des jungen Werther beibehalten, oder was er aus seinem Horn des Überflusses hinzugetan habe, überlassen wir den jetzigen und künftigen Berichtigern, Verfälschern und Nachstopplern dieser Geschichte auszumachen. Wer da weiß, was Komposition ist, der wird leicht bergreifen, dass keine Begebenheit in der Welt mit allen ihren Umständen wie sie geschehen ist, je ein dramatischer Vorwurf sein kann, sondern dass die Hand des Künstlers wenigstens eine andere Haltung darüber verbreiten muss. Viel Lokales und Individuelles scheint indessen durch das ganze Werk durch, allein das innige Gefühl des Verfassers, womit er die ganze, auch die gemeinste ihn umgebende Natur zu umfassen scheint, hat über alles eine unnachahmliche Poesie gehaucht. 
Er sei und bleibe allen unsern angehenden Dichtern ein Beispiel der Nachfolge und Warnung, dass man nicht den geringsten Gegenstand zu dichten und darzustellen wage, von dessen wahren Gegenwart man nicht irgendwo in der Natur einen festen Punkt erblickt habe, es sei nun außer uns, oder in uns. Wer nicht den epischen und dramatischen Geist in den gemeinsten Szenen des häuslichen Lebens erblickt, und das Darzustellende davon nicht auf sein Blatt zu fassen weiß, der wage sich nicht in die ferne Dämmerung einer idealistischen Welt, wo ihm die Schatten von nie gekannten Helden, Rittern, Feen und Königen nur von weitem vorzittern. Ist er ein Mann, und hat er sich seine eigene Denkart gebildet, so mag er uns die bei gewissen Gelegenheiten in seiner Seele angefachten Funken von Gefühl und Urteilskraft, durch seine Werke durch, wie helle Inschrift vorleuchten lassen, hat er aber nichts dergleichen aus dem Schatze seiner eigenen Erfahrungen aufzutischen, so verschone er uns mit den Schaubroten seiner Maximen und Gemeinplätze. 
Der Verfasser hat seinen Helden wahrscheinlicherweise zum Teil mit seinen eigenen Geistesgaben dotiert. Aus dieser Fülle des Gefühls, vereinbart mit dem natürlichen Trübsinn der Werthern von Jugend auf bezeichnete, entsteht das interessanteste Geschöpf, dessen Fall alle Herzen zerreißt. Die Jugend gefällt sich in diesem sympathischen Schmerz, vergisst über dem Leben die Fiktion, dass es nur eine poetische Wahrheit ist, und verschlingt alle im Gefühl ausgestoßne Sätze als Dogma. Der Selbstmord ist seit Rousseaus Heloise vielleicht nie so sehr auf der guten Seite gezeigt worden; daher kann allerdings eine solche Lektüre für ein Herz bedenklich werden, das den Samen und den Drang zu einer ähnlichen Tat schon lange mit sich herumträgt. 
Werther begegnet erstmals Lotte:
"In dem Vorsaale wimmelten sechs Kinder von 
elf zu zwei Jahren um ein Mädchen von schöner
Gestalt, mittlerer Größe, die ein simples 
weißes Kleid mit blassroten Schleifen an Arm 
und Brust anhatte. sie hielt ein schwarzes Brot
und schnitt ihren Kleinen ringsherum jedem
sein Stück nach Proportion ihres Alters und
Appetits ab, ..." (Brief vom 16. Junius)

Der Verfasser der „Freuden des jungen Werthers" hat die Absicht gehabt, bei jungen unerfahren[en] Leuten dieser Denkart durch eine entgegengesetzte Lektüre Einhalt zu tun. Diese kleine Schrift soll keineswegs eine Parodie der „Leiden des jungen Werthers" sein, sondern eine Satire auf die Hirngespinste unsrer jungen Herrn, Don Quixoten aus den Zeiten des Faust - Rechts, die da immer mit Genie, Kraft und Tat um sich werfen, sich der bürgerlichen Ordnung nicht fügen und mit ihren winzigen Seelen in und außer dieser Ordnung nichts Kluges beginnen würden. Für sie, heißt es (in dem den „Freuden" vorangesetzten Gespräche) mit Recht, hat der Verfasser die „Leiden des jungen Werthers“ nicht geschrieben. 
Wer den Verfasser der „Freuden des jungen Werthers" näher kennt und weiß, dass er alle Geistesgaben, in welcher Form sie erscheinen, zu verehren pflegt, der wird ihm nie schuld geben, dass er einen Luftstreich gegen die allgemein anerkannten poetischen Verdienste des Verfassers der „Leiden des jungen Werthers" habe wagen wollen, er selbst gibt auch gleich im Anfange des „Gesprächs" genugsam zu erkennen, wie hoch er den Wert dieses Werkes schätze. - Da so viele Leute nichts an einem Autor sehen als seine Manier, so hat er die Nachahmungssucht in dem Gebrauch des besonderen Dialekts, die insbesondere in den „Frankfurter gelehrten Zeitungen" auf die ungereimteste Art sichtbar wird, durch den Vortrag seiner Erzählung, hervorzuziehen und lächerlich zu machen gesucht. Witz und Laune, die diesen Verfasser allzeit bezeichnen, werden alle Kenner, besonders in dem „Gespräche" mit Vergnügen bemerkt haben. 
Dieser Meinung ist zwar der Verfasser des „Etwas" nicht, denn ihm ist der Verfasser der „Freuden", „ein Philister, der Nesseln auf Werthers Grab streuen will". Man siehet es wohl, dass er zu dem Geschlecht der Hänse gehört, welchen die „Leiden des jungen Werthers" dienen, wozu sie nicht dienen sollten. Er verteidigt ohne Umstände den Selbstmord (S. 26), sagt (S.25) „Werthers Selbstmord ist keine übereilte rasche Tat; mit der besten Überzeugung, mit der möglichsten Entschlossenheit tat er diesen Schritt. Fast möchte´ ich sagen aus Tugend, mit Überlegung und Abwägung seines irdischen Glücks, gegen das, was er nach diesem Leben gewarten habe." Er will Werthern wegen seiner Tat nicht nur etwan entschuldigen, sondern rechtfertigen (S. 13. S. 26). „Ist es nicht lächerlich: der Mensch soll das zernichten, woraus er bestehet, er soll Leidenschaften dämpfen, entsagen, ausrotten, die der in ihm erschaffen hat, der seine Seele und seinen Körper schuf." (S. 28) Und was sonst des ungereimten Geschwätzes mehr ist. 
Der Verfasser der „Gespräche über die Leiden des jungen Werthers", ist ein kalter Philosoph, der die gewöhnlichen Gründe wider den Selbstmord sehr gut vorträgt. Der vorige Verfasser rechnet alles auf die Pflegung der Leidenschaft, dieser gar nichts. Jener glaubte, Selbstmord sei Tugend und Stärke der Seele, dieser sagt S. 69: „Es ist offenbar, sie (die Seele) ist so klein und schwach, dass sie sich nicht einmal von einer Begierde losmachen will." Nicht einmal? Nun, ich dächte doch, eine solche Kleinigkeit wäre es auch nicht, sich von einer heftigen Liebe loszumachen, das Distrahieren wenigstens möchte nicht hinlänglich sein. 
Der Verfasser der „Briefe" schreibt von den „Leiden Werthers" sehr ungerecht und höchst ungezogen. Werther ist ihm ein brandartiger Schwärmer, - voll der grässlichsten Raserei, - voll der bis zum letzten Grade der Tollheit ausschweifenden Fieberhitze; der Verfasser der „Leiden" ist ein tollsinniger Mensch, der sagt: (S. 17): „Sei in allem, was du bist, ausgelassen, sei ein unerträglicher Nachbar, ein Bösewicht, ein Säufer, ein rasender viehischer Liebhaber." - sein Lieblingssystem, mit dem er die Welt erbauen will, ist kurz: Gott ist ein Tyrann, die Natur ein Ungeheuer, und der Mensch ein Narr, wenn er nicht der ausschweifenden Begierde zu Sinnlichkeiten, die ihn allein groß macht, sich selbst, und das Leben seines Nachbarn aufopfert." So weit geht der Verfasser, der S. 1 seines Traktätchens sagt: „Er könne so wenig stolze richtende Vorwürfe machen; er habe dieses Wort schon so lange aus seiner Sprache verbannt, dass er sich erst habe besinnen müssen, was andere mit diesem Ausdruck sagen wollen." O des sanften Briefschreibers! - 
Freilich wird er von Johann Melchior Goezen, dem Sanftmütigen, noch übertroffen. Etwas aus dessen „Kurzen aber notwendigen Erinnerungen" auszuziehen, trauen wir uns nicht. Es ist alles gar zu original, gar zu zusammenhängend, der Sanftmut Johann Melchior Goezens und des Verstandes der schwarzen Zeitungen, in welchen diese saubere Piece zuerst ist abgedruckt worden, so ganz würdig. Nur, um ein kleines Pröbchen zu geben, wollen wir etwas von der letzten Seite anführen: 

„Da mitten in der evangelisch - lutherischen Kirche Apologien für den Selbstmord erscheinen, und in öffentlichen Zeitungen angepriesen werden - so werden wir bald lautes Sodomiae, wenigstens neue Auflagen, oder gar Übersetzungen der Aloysa Sigäa sehen - es wird für kein Verbrechen gehalten werden, andre, welche uns im Wege stehen, auf eine gute Art aus der Welt zu schaffen. - Die Giftmischerei wird so eingerichtet sein, dass die Bestrafung derselben unmöglich werden wird. Eine neue Chambre ardente  wird diesen Mordgeist nicht ausrotten können. Das Arquetra di Napoli, von welchem der letztverstorbene Papst vielleicht eine hinlängliche Portion bekommen, wird in Deutschland eben den Grad der Reputation erhalten, als in Italien - kurz, wenn nach den semlerischen Grundsätzen die heilige Schrift zu Grunde gerichtet, oder wenn sie nach den Bahrdtigschen modernisiert, das ist lächerlich und stinkend gemacht wird, was wird alsdenn aus der Christenheit werden? ein Sodom und Gomorra." 
Recht getroffen, Meister Goeze! dass Polen geteilt wird, dass in Amerika bürgerlicher Krieg ist, dass die Reformierten mitten in Hamburg beim preußischen und holländischen Gesandten Gemeinen haben, dass in Pirna eine ganze Felsenwand einstürzt, dass das Schloss in Weimar abbrennt, dass die Elbe so oft ihr Bette verändert, dass in Hispaniola ein Erdbeben ist, dass die „Allgemeine deutsche Bibliothek" noch fortdauert, dass die schwarzen Zeitungen aufhören wollen, und an allen andern Unordnungen der Welt, wer ist daran schuld, als der heilige Semler und Bahrdt! 
Johann Heinrich Merck

Quelle: Johann Heinrich Merck: Sammelrezension über „Die Leiden des jungen Werthers" und Werther-Schriften; Aus: Johann Heinrich Merck, Werke. Ausgewählt und herausgegeben von Arthur Henkel; Frankfurt a. M. 1968; S. 586-590

Johann Heinrich Merck, 1741-1791; Dichter, Literaturkritiker und Kunstschriftsteller. Freund und Berater Goethes. Merck hatte wesentlichen Einfluss auf die Entstehung und Veröffentlichung (Er hat den Druck finanziert) des „Werther".
1 ) Goethe hatte in Straßburg zwar nicht die offizielle Prüfung im Fach Jura abgelegt, hatte aber eine Lizentiatsarbeit mit Thesen zur Todesstrafe und Sklaverei (beides ist beizubehalten) geschrieben und daraufhin sein Lizentiat bekommen, so dass er in Frankfurt und in Wetzlar am Reichskammergericht als Rechtsanwalt tätig sein konnte.
"Die Freuden des jungen Werthers. Leiden und Freuden Werthers des Mannes“ eine Parodie von Friedrich Nicolai, (Bln. 1775), in der der Werther - Kult entlarvt wird