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Franz Kafka

Parabeln | Fabeln

Hans-Jürgen Fraas:

 Das Urvertrauen

Als grundlegend wichtig für die personale Fundierung des Menschen hat sich besonders durch die Arbeiten E.H. Eriksons die Entwicklung des Urvertrauens erwiesen. Das Urvertrauen als Ergebnis des ersten oral-sensorischen Kernkonflikts des Säuglings setzt ihn grundsätzlich in die Lage, die späteren Kernkonflikte zu lösen. [...] Mit Urvertrauen meint Erikson ein 'Sich-verlassen-Dürfen in Bezug auf die Glaubwürdigkeit anderer und die Zuverlässigkeit seiner selbst. Er misst der Religion eine unmittelbare Funktion beim Aufbau des Urvertrauens zu als 'Glaube der Eltern, der das im Neugeborenen keimende Vertrauen unterstützt'.
Den ersten kritischen Moment für die Entwicklung der kindlichen Persönlichkeit, an dem gegebenenfalls ein Ursprungstrauma entstehen kann, sieht Erikson in der Entwöhnung als einer ersten Erfahrung des Verlassenseins, der Versagung des bisherigen Nahrungs- und Lebensstroms. Aus dieser Erfahrung bleibt ein Bodensatz von Urmisstrauen zurück, ein 'oraler Pessimismus', der sich lebenslang als Furcht des Leerseins und Zu-nichts-gut-seins auswirken kann, wenn er nicht durch das aus der Erfahrung der mütterlichen Pflege gewonnene gegenläufige Urvertrauen kompensiert wird. Das Urvertrauen muss grundsätzlich um einige Grade stärker sein, um die ersten Frustrationen verarbeiten zu können.
Dieser erste Konflikt der erwachenden Persönlichkeit wird durch dass Verhalten der Mutter entschieden. Die mütterliche Pflegehaltung erweckt ein Gefühl des Angenommenseins und der Geborgenheit, das die negativen Erfahrungen an der Mutter überstrahlt. Es entsteht eine Vertrauenshaltung, die hinter die gelegentlichen Frustrationen zurückreicht und die lebensnotwendige Frustrationstoleranz aufbaut. Während der erste 'Weltentwurf' des Kindes in der Mutter das Gute schlechthin repräsentiert sieht und alles außerhalb der Mutter als das die Mutterbeziehung Störende und damit als das Nicht-Gute empfindet, muss nun das Negative, Sich-Versagende als Teil des guten Objekts erfahren werden und damit die Fixierung auf ein ursprüngliches Freund-Feind-Schema im Keim korrigiert werden. Es kann auch dahin führen, dass die Außenwelt grundsätzlich als gefährlich und negativ, die Innerlichkeit grundsätzlich als gut erlebt wird [...]. Freud spricht in diesem Zusammenhang von der Konkurrenz zwischen Realitätsprinzip und Lustprinzip. Während das Kind zuerst narzisstisch reagiert, d.h. als einzige Norm seines Verhaltens die Befriedigung seiner Libido kennt, bedarf es nun, um faktisch lebensfähig zu werden, der allmählichen Anpassung an die Realität; nur in Abstimmung der beiden Prinzipien auseinander ist ein befriedigendes reales Leben möglich. Das Urvertrauen muss daher dem Realitätsprinzip gerecht werden können. Erikson bezeichnet es als Erste 'soziale Leistung des Kindes', wenn es die Mutter aus seinem Gesichtskreis zu entlassen vermag, ohne in Angst und Zorn zu geraten, 'weil die Mutter inzwischen außer einer zuverlässig zu erwartenden äußeren Erscheinung auch zu einer inneren Gewissheit geworden ist'.
Die Reflexion muss später hinzutreten, um einen personalen Selbst- und Weltentwurf zu ermöglichen. Deshalb ist das Urvertrauen noch nicht materiell mit dem Gottvertrauen identisch, wohl aber strukturell. Urvertrauen setzt die kritische Ablösung, setzt Entwöhnung und den Aufbau von Frustrationstoleranz voraus, ein vorkritisches Übertragen auf Gott entspricht der oralen bzw. analen Fixierung. Gerade hier hat die religiöse Erziehung vielfach Fehler begangen, indem sie ein naives unkritisches Vertrauen zu Gott intendierte und dann an den Enttäuschungserlebnissen des Kindes scheiterte.
[...] Kritisches Vertrauen ist nicht das Vertrauen auf das durch Gott garantierte Wohlergehen, sondern auf das auch im Nicht-Wohlergehen bestehende und sich bewährende Gottesverhältnis. Bonhoeffers Vers 'Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag' ist Ausdruck dieses Vertrauens in das Ur-Angenommensein, das im Umgang mit der Mutter zuerst eingeübt wird. Urvertrauen hat mit Illusionismus nichts zu tun. Entwöhnung, Auseinandersetzung mit dem Realitätsprinzip, Aufbau von Frustrationstoleranz und spätere religiöse Erziehung liegen auf einer Linie. Es ist offensichtlich, dass ungemein häufig ein Glaube an der Erfahrung scheitert, dass Gott dem Lustprinzip zuwiderhandelt. Ob es sich dabei um ehemals verwöhnte Kinder handelt oder um stark frustrierte, die in Gott eine Instanz der Ersatzbefriedigung für ihre Frustrationen zu sehen gelernt haben, lässt sich dabei nicht von vornherein sagen."

(Hans-Jürgen Fraas, Religiöse Erziehung und Sozialisation im Kindesalter, Verlag Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1973, S. 100-102, 105-107; zit. nach: Konzepte 1, S. 24 f.)



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