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Das Urvertrauen
Als grundlegend wichtig für die personale Fundierung des Menschen
hat sich besonders durch die Arbeiten E.H. Eriksons die Entwicklung des
Urvertrauens erwiesen. Das Urvertrauen als Ergebnis des ersten oral-sensorischen
Kernkonflikts des Säuglings setzt ihn grundsätzlich in die Lage,
die späteren Kernkonflikte zu lösen. [...] Mit Urvertrauen meint
Erikson ein 'Sich-verlassen-Dürfen in Bezug auf die Glaubwürdigkeit
anderer und die Zuverlässigkeit seiner selbst. Er misst der Religion
eine unmittelbare Funktion beim Aufbau des Urvertrauens zu als 'Glaube
der Eltern, der das im Neugeborenen keimende Vertrauen unterstützt'.
Den ersten kritischen Moment für die Entwicklung der kindlichen
Persönlichkeit, an dem gegebenenfalls ein Ursprungstrauma entstehen
kann, sieht Erikson in der Entwöhnung als einer ersten Erfahrung des
Verlassenseins, der Versagung des bisherigen Nahrungs- und Lebensstroms.
Aus dieser Erfahrung bleibt ein Bodensatz von Urmisstrauen zurück,
ein 'oraler Pessimismus', der sich lebenslang als Furcht des Leerseins
und Zu-nichts-gut-seins auswirken kann, wenn er nicht durch das aus der
Erfahrung der mütterlichen Pflege gewonnene gegenläufige Urvertrauen
kompensiert wird. Das Urvertrauen muss grundsätzlich um einige Grade
stärker sein, um die ersten Frustrationen verarbeiten zu können.
Dieser erste Konflikt der erwachenden Persönlichkeit wird durch
dass Verhalten der Mutter entschieden. Die mütterliche Pflegehaltung
erweckt ein Gefühl des Angenommenseins und der Geborgenheit, das die
negativen Erfahrungen an der Mutter überstrahlt. Es entsteht eine
Vertrauenshaltung, die hinter die gelegentlichen Frustrationen zurückreicht
und die lebensnotwendige Frustrationstoleranz aufbaut. Während der
erste 'Weltentwurf' des Kindes in der Mutter das Gute schlechthin repräsentiert
sieht und alles außerhalb der Mutter als das die Mutterbeziehung
Störende und damit als das Nicht-Gute empfindet, muss nun das Negative,
Sich-Versagende als Teil des guten Objekts erfahren werden und damit die
Fixierung auf ein ursprüngliches Freund-Feind-Schema im Keim korrigiert
werden. Es kann auch dahin führen, dass die Außenwelt grundsätzlich
als gefährlich und negativ, die Innerlichkeit grundsätzlich als
gut erlebt wird [...]. Freud spricht in diesem Zusammenhang von der Konkurrenz
zwischen Realitätsprinzip und Lustprinzip. Während das Kind zuerst
narzisstisch reagiert, d.h. als einzige Norm seines Verhaltens die Befriedigung
seiner Libido kennt, bedarf es nun, um faktisch lebensfähig zu werden,
der allmählichen Anpassung an die Realität; nur in Abstimmung
der beiden Prinzipien auseinander ist ein befriedigendes reales Leben möglich.
Das Urvertrauen muss daher dem Realitätsprinzip gerecht werden können.
Erikson bezeichnet es als Erste 'soziale Leistung des Kindes', wenn es
die Mutter aus seinem Gesichtskreis zu entlassen vermag, ohne in Angst
und Zorn zu geraten, 'weil die Mutter inzwischen außer einer zuverlässig
zu erwartenden äußeren Erscheinung auch zu einer inneren Gewissheit
geworden ist'.
Die Reflexion muss später hinzutreten, um einen personalen Selbst-
und Weltentwurf zu ermöglichen. Deshalb ist das Urvertrauen noch nicht
materiell mit dem Gottvertrauen identisch, wohl aber strukturell. Urvertrauen
setzt die kritische Ablösung, setzt Entwöhnung und den Aufbau
von Frustrationstoleranz voraus, ein vorkritisches Übertragen auf
Gott entspricht der oralen bzw. analen Fixierung. Gerade hier hat die religiöse
Erziehung vielfach Fehler begangen, indem sie ein naives unkritisches Vertrauen
zu Gott intendierte und dann an den Enttäuschungserlebnissen des Kindes
scheiterte.
[...] Kritisches Vertrauen ist nicht das Vertrauen auf das durch Gott
garantierte Wohlergehen, sondern auf das auch im Nicht-Wohlergehen bestehende
und sich bewährende Gottesverhältnis. Bonhoeffers Vers 'Von guten
Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag' ist
Ausdruck dieses Vertrauens in das Ur-Angenommensein, das im Umgang mit
der Mutter zuerst eingeübt wird. Urvertrauen hat mit Illusionismus
nichts zu tun. Entwöhnung, Auseinandersetzung mit dem Realitätsprinzip,
Aufbau von Frustrationstoleranz und spätere religiöse Erziehung
liegen auf einer Linie. Es ist offensichtlich, dass ungemein häufig
ein Glaube an der Erfahrung scheitert, dass Gott dem Lustprinzip zuwiderhandelt.
Ob es sich dabei um ehemals verwöhnte Kinder handelt oder um stark
frustrierte, die in Gott eine Instanz der Ersatzbefriedigung für ihre
Frustrationen zu sehen gelernt haben, lässt sich dabei nicht von vornherein
sagen."
(Hans-Jürgen Fraas, Religiöse Erziehung
und Sozialisation im Kindesalter, Verlag Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen
1973, S. 100-102, 105-107; zit. nach: Konzepte 1, S. 24 f.) |