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Franz Kafka

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Gib's auf

1. Die biografische Interpretation

Heinz Politzer, aus Wien stammender Professor für deutsche Literatur in Kalifornien, beginnt sein Buch über Franz Kafka, indem er den Text spielerisch nach mehreren Methoden durchinterpretiert, zunächst nach der biografischen. Sie versucht, mit Hilfe biografischer Daten aus Kafkas Leben einen Sinnbezug herzustellen.

Historisch gesehen leidet der Mann, der die Stadt um jeden Preis verlassen will, an jener akuten Klaustrophobie, von der Kafka fast während seines ganzen Lebens besessen war. „Weg von hier - das ist mein Ziel“ [...], heißt es in der Nachbargeschichte unserer Anekdote ‘Der Aufbruch’. Als deutscher Jude im tschechischen Prag lebte Kafka in einem dreifachen Getto, dem jüdischen zuerst, das seinerseits von aufsässigen Slawen umgeben war, um die als ein dritter Wall die Verwaltung der altösterreichischen Beamtenschaft gezogen war, die bis 1918 im Namen Habsburgs Prag regierte. Auch Kafka „kannte sich in dieser Stadt noch nicht sehr gut aus“, obgleich er, zum Unterschied von dem Mann in unserer Geschichte, dort geboren war; die deutsche Sprache trennt ihn von den Tschechen, aus denen sich die Bediensteten und Angestellten seines Vaters rekrutierten; sein Judentum hielt ihn der österreichischen Oberschicht entfremdet, welche die Stadt nach den Grundsätzen und Vorurteilen der überalterten Monarchie verwaltete. Kafka war sich dieser Historizität seines persönlichen Lebens gelegentlich selbst bewusst geworden. So schreibt er am 13. Januar 1921 an Max Brod über seine „augenblickliche innere Situation“: „Sie erinnert ein wenig an das alte Österreich. Es ging ja manchmal ganz gut, man lag am Abend auf dem Kanapee im schön geheizten Zimmer, das Thermometer im Mund, den Milchtopf neben sich und genoss irgendeinen Frieden, aber es war nur irgendeiner, der eigene war es nicht. Eine Kleinigkeit nur, ich weiß nicht, die Frage des Trautenauer Kreisgerichtes war nötig und der Thron in Wien fing zu schwanken an, ein Zahntechniker studiert halblaut auf dem oberen Balkon und das ganze Reich, aber wirklich das ganze, brennt mit einem Mal.“ 
Aus dieser Sphäre erschütterter Autorität tritt dann auch unser Schutzmann hervor als das Sinnbild eines Staatswesens, das sich zwar in der äußeren Form seiner Ämter noch aufrecht erhielt, in allem Wesentlichen aber außerstande war, dem einfachen Untertanen Auskunft, geschweige denn Schutz zu gewähren. Des Polizisten Überraschung über die Frage des Mannes liest sich als das Eingeständnis der Ausweglosigkeit von Österreichs politischem Schicksal, sein „Gib’s auf!“ als das Todesurteil, das ein zu „farbenvollem Untergang (Stefan George) bestimmtes Imperium über sich selbst und seinen Bürger verhängte. Doch lässt Kafka das Verhältnis von Mann und Schutzmann, Hauptfigur und Amtsperson, von Mensch und Gesellschaft durchaus bewusst so offen, dass eine historische Deutung Kafkas Helden als Protofaschisten, eine andere sie als Protokommunisten bezeichnen konnte. Eine These, die sich so leicht ins Extrem verzerren lässt, bleibt wohl auch in ihrem Zentrum unhaltbar und stellt mehr Fragen, als sie beantworten kann.

[Aus: Politzer Heinz: Franz Kafka, der Dichter. Frankfurt (S. Fischer) 1965, S. 17]

2. Die psychologische Interpretation

Auch mit Hilfe psychologischer Kategorien versucht Politzer eine Aufschlüsselung des Sinnes durchzuführen.

Psychologisch interpretiert ist diese Geschichte zunächst eine Studie der Neurasthenie. Dreimal versagen unserem Mann die Nerven: wenn er sein Zuspätkommen entdeckt, wenn ihn der Schutzmann mit seiner Gegenfrage mystifiziert und wenn er am Ende in die Ohnmacht völligen Schweigens zurücksinkt. Uralte Ängste liefern ihn Situationen aus, die er gar nicht erst zu meistern versucht: die Angst, es sei zu spät, eine Angst, die ja nur eine Form der Furcht vor dem Tode ist, der dem Leben ein Ziel setzt, ehe noch der Weg ans Ende gegangen und die Frucht geerntet ist, und die sich in Kafkas Fall auch bewahrheitete, da er mit einundvierzig Jahren starb und sein Werk als Fragment zurückließ.
Dazu tritt die Angst vor dem Schutzmann, der ihm den Weg versperrt, den er ihm hätte weisen sollen. Auf der Ebene der Psychologie ist dies eine Allegorie von Kafkas Vater und der Erziehung, die dieser ihm zuteil werden ließ. Der lange Brief, in dem Kafka im Jahre 1919 seinem Vater gegenüber Rechenschaft ablegte, bietet Lebensmaterial genug für unsere Geschichte. „Du bekamst für mich“, heißt es da etwa, „das Rätselhafte, das alle Tyrannen haben, deren Recht auf ihrer Person, nicht auf dem Denken begründet ist“, und der Schutzmann erhebt sich zu einer Größe, die unserem Manne das Denken verschlägt. Oder: „Es konnte auch vorkommen, dass du in einer Sache gar keine Meinung hattest und infolgedessen alle Meinungen, die hinsichtlich der Sache überhaupt möglich waren, ohne Ausnahme falsch sein mussten“ [...], und der Schutzmann antwortet dem Wegsuchenden erst mit einer Gegenfrage und dann mit dem vernichtenden Endurteil seiner letzten Worte.

[Aus: Politzer Heinz: Franz Kafka, der Dichter. Frankfurt (S. Fischer) 1965, S. 31]

3. Die weltanschauliche (ideologische) Interpretation

Der mitteldeutsche marxistische Autor Helmut Richter versucht, den Inhalt der Erzählung mit bestimmten Einstellungen zur Welt zu verbinden.

Brach im „Schlag ans Hoftor“ die latente Unmenschlichkeit der Umwelt aus einem an sich unbedeutenden Erlebnis hervor, so manifestiert sich in diesem Stück aus ähnlichem Anlass die untergründige Sinnlosigkeit des Lebens. Der Schutzmann, der auf die unbefangene Frage nach dem Weg zum Bahnhof ein höhnisches „Gib’s auf!“, zur Antwort gibt, wird zum Propheten der Vergeblichkeit alles Suchens überhaupt. Hier ist nur ganz persönliches Weltgefühl gestaltet, der Komplex eines Menschen, dem das Leben infolge seiner spezifischen Betrachtungsweise des Daseins - die natürlich letzten Endes durch gesellschaftliche Erfahrungen bedingt ist - nichts mehr zu bieten hat. Auch dieses Stück hat den Charakter einer Traumepisode. Es könnte im Landarzt-Zyklus vor „Ein Traum“ stehen und den Wunsch nach dem Tode vorbereiten. Im Grunde ist das Stück nur die schlaglichtartige Inkarnation eines falschen Dogmas und vermag auch in der Gestaltung nicht zu überzeugen. Es ist bezeichnend, dass Kafka immer auch künstlerisch scheitert, sobald er zu gestalten versucht, dass es grundsätzlich unmöglich sei, mit der Welt fertig zu werden. Ein weiteres Beispiel dafür ist das ebenso rein artifizielle Stück „Eine alltägliche Verwirrung“, das ein zufälliges Verfehlen zweier Menschen so monströs systematisiert, bis nur absoluter Unsinn übrig bleibt. Hier liegt nur noch eine sehr indirekte Widerspiegelung vor: Nicht eine durch Widersprüche entstellte Wirklichkeit wird dargestellt, sondern eine Wirklichkeit, die infolge der Betrachtungsweise eines durch diese Widersprüche entscheidend beeinflussten Beobachters abermals entstellt worden ist. Künstlerische Erkenntnis und Gestaltung von Realität ist auf diese Basis nicht möglich. Die Realität wird durchgängig mystifiziert.

[Aus: Richter, Helmut: Franz Kafka. Werk und Entwurf. Berlin (Ost), Rütten und Loenig, 1962, S. 219]



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