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Franz Kafka

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Gib's auf
Interpretation

Der Mann ist ortlos, unbehaust, niemand geht mit ihm, er nennt niemanden, den er verlässt, auch nicht, warum er den Ort verlässt oder wohin er geht. Er ist weder ein Eingeborener noch ein zufälliger, unbeteiligter Besucher der Stadt, er kennt sich in der Stadt „noch nicht sehr gut aus.“
Sein Erscheinen ist durch Negationen bestimmt: er ist namenlos, in der Hauptsache erfahren wir, was er zu tun unterlässt.
Der zweite Absatz ist atemloser als der erste, das letzte Wort „atemlos“ bestimmt seinen Charakter schon vom Beginn her.
Beim Vergleich der persönlichen Uhrzeit mit der des Turmes stellt er fest, dass hier zwei Zeitsysteme auseinander klaffen. Der Mann hatte seiner persönlichen Zeit geglaubt. Er erkennt jetzt die unpersönliche Zeit der Turmuhr als die richtige an, sie könnte doch auch die falsche sein. Für den Mann gibt es aber keine dritte, die er befragen könnte. Er ist bereit, sich dem Außerpersönlichen ohne Frage oder Bedingung zu überantworten.
Der Mann gerät in Schrecken, er ist aufgeschreckt über die panische Erkenntnis, dass sein Schritt mit dem Gang einer höheren Ordnung nicht mehr Schritt hält; deshalb beginnt er zu laufen, der Lauf aber lässt ihn an seinem Weg irre werden. Zu der Angst, zu spät zu kommen, gesellt sich die Furcht, ein Fremder zu sein in dieser Stadt: „Ich kannte mich noch nicht sehr gut aus.“
Der Schutzmann ist in der Nähe, als wäre er von jeher dagewesen; durch seine Stabilität ist er dem Turm verwandt; er repräsentiert, wie dieser eine höhere Ordnung, die außerhalb des Mannes liegt. Er überantwortet sich nun auch dieser außerpersönlichen Autorität des Polizisten, ohne etwa zu fragen, was die Amtsperson zu so früher Stunde hierher geführt habe. 
Die Straße selbst ist leer von Menschen und Verkehr, sie bedarf des Schutzmannes nicht. Das Schicksal selbst scheint den Polizisten zum Schutz des Mannes hierher beordert zu haben.
Einen Augenblick scheint es, als sei das Schicksal dem Irrgänger günstig geneigt: der Schutzmann lächelt; dies ist ein konventionelles Sinnzeichen des Verständnisses, der Zuwendung. Jedoch nimmt das Lächeln eine verhängnisvolle Wendung.
In der Konstruktion des Satzes ist dieses Verhängnis nachgebildet. Das Unbehagen, das er auslöst, steigt erst allmählich in uns auf, es ist zunächst noch vom Lächeln zugedeckt, das sich im Nachhinein als falsch, zumindest als zweideutig erweist: Das Sicherheitsorgan antwortet auf eine Frage mit einer Gegenklage. Der Wegweiser stellt sein Amt selbst in Zweifel. Es klingt in den Nebentönen ein hochmütiges Gestörtsein mit, das in der Syntax ebenfalls zum Ausdruck kommt: Spitzenstellung des eigenen Subjekts: „Von mir willst du den Weg erfahren?“ Der Passant wird mit dem familiären Du bedacht. Man sagt es zu Untergebenen, Kindern, Vertrauten, nicht aber zu einem respektablen Passanten, mit dem man in Amtsverkehr steht. Am Beginn führt sich der Erzähler höflich und bescheiden erst an dritter Stelle ein.
Während des Gesprächs ist ein deutlicher Wechsel eingetreten. Am Anfang wurde nach einem gewöhnlichen Bahnhof gefragt, der Schutzmann kann aber einen solchen Weg nicht im Sinne haben. In seiner Antwort schwingt eine tiefere Bedeutung des Wortes „Weg“ mit. Sie deutet jedoch nur an, ohne Verbindliches zur Aussage zu bringen. Beide reden in derselben Sprache miteinander, können sich jedoch über den Bedeutungsinhalt nicht verständigen. So reden sie aneinander vorbei.
Der Hintergrund hat sich gleichfalls geändert,, ohne dass ein Szenenwechsel stattgefunden hätte. Die Realität der Straße wird fragwürdig. Das Sicherheitsorgan fertigt den Wegsuchenden ab: „Gib’s auf!“ Durch die Wiederholung wird die Endgültigkeit der Aussage unterstrichen. Was soll der Mann aber aufgeben? „s“ = „es“. Rein sprachlich kann der Weg nicht gemeint sein. Es kann sich auf das Hasten, die Ungeduld des Mannes beziehen, kann aber auch sein Reisen und Wandern meinen. Es liegt schließlich nahe, in diesem „s“ „alles“ zu sehen: „Gib alles auf!“, scheint der Schutzmann zu sagen, „lass alle Hoffnung fahren, gib den Weg auf, gib deine Sache auf, deine
Ungeduld und Sehnsucht, dich selbst!“ Obwohl der Mann sein Urteil in vollkommenem Schweigen anhört, hat er es in seiner ganzen Schwere verstanden und auf sich genommen. Er bemerkt den großen Schwung, mit dem der Schutzmann sich abwendet. Diese barocke Gebärde der Amtsperson scheint den Unglücklichen noch rascher und sicherer in die Tiefe zu schleudern. Sie ist völlig mit den Augen des Verurteilten gesehen, schräg aufwärts von unten.
Der Schutzmann selbst entzieht sich der Frage, der Antwort und der Verantwortung. Zum ersten und einzigen Mal gebraucht Kafka hier das Präsens: die Abwendung der Amtsperson dauert bis in die Gegenwart von Erzähler und Leser fort, das letze Wort der Anekdote führt in ein Präsens infinitum, eine nie endende Gegenwart weiter.

Biografische Deutung
Kafka als Ortloser: in Prag, keine Heimat in der österreichisch-monarchischen Stadt, keine im weitverzweigten Beamtentum, keine im traditionellen Judentum
==>  Klaustrophobie

Psychologische Deutung
Die Geschichte als Allegorie auf Kafkas Vater und die Erziehung, die dieser ihm zuteil werden ließ.
==>  Neurasthenie (überspannte Nerven)

Religiöse Deutung
Totale Entfremdung zwischen Oben und Unten, Fremdgefühl, Heimatlosigkeit, Ausweglosigkeit, Ratlosigkeit des Menschen („Jedermann“) in diese Welt; das Sich-Versagen der religiösen Amtsperson, Sich-Abwenden vom Hilfesuchenden in die barocke Geste, die Zeremonie, das Ritual.

Vgl. Joh. 14, 1-7 (JOHANN14.DOC)

Aus: Grundlage der Deutung: H. Politzer, in: Interpretationen, FTb Leibfried, Interpretation, S. 13 f.



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