Parabeln | Fabeln
Eine kaiserliche Botschaft
| Der Kaiser - so heißt es - hat dir, dem Einzelnen,
dem jämmerlichen Untertanen, dem win-zig vor der kaiserlichen Sonne
in die fernste Ferne geflüchteten Schatten, gerade dir hat der Kaiser
von seinem Sterbebett aus eine Botschaft gesendet. Den Boten hat er beim
Bett nie-derknien lassen und ihm die Botschaft ins Ohr geflüstert;
so sehr war ihm an ihr gelegen, dass er sich sie noch ins Ohr wiedersagen
ließ. Durch Kopfnicken hat er die Richtigkeit des Gesagten bestätigt.
Und vor der ganzen Zuschauerschaft seines Todes - alle hindernden Wände
werden niedergerissen und auf den weit und hoch sich schwingenden Freitreppen
stehen im Ring die Großen des Reichs - vor allen diesen hat er den
Boten abgefertigt. Der Bote hat sich gleich auf den Weg gemacht, ein kräftiger,
ein unermüdlicher Mann; einmal diesen, einmal den andern Arm vorstreckend
schafft er sich Bahn durch die Menge; findet er Widerstand, zeigt er auf
die Brust, wo das Zeichen der Sonne ist, er kommt auch leicht vor-wärts,
wie kein anderer. Aber die Menge ist so groß; ihre Wohnstätten
nehmen kein Ende. Öffnete sich freies Feld, wie würde er fliegen
und bald schon hörtest du das herrliche Schla-gen seiner Fäuste
an deiner Tür. Aber statt dessen, wie nutzlos müht er sich ab;
immer noch zwängt er sich durch die Gemächer des inneren Palastes;
niemals wird er sie überwin-den; und gelänge ihm dies, nichts
wäre gewonnen; die Treppen hinab müsste er sich kämp-fen;
und gelänge ihm dies, nichts wäre gewonnen; die Höfe wären
zu durchmessen; und nach den Höfen der zweite umschließende
Palast; und wieder Treppen und Höfe; und wieder ein Palast; und so
weiter durch Jahrhunderte; und stürzte er endlich aus dem äußersten
Tor - aber niemals, niemals kann es geschehen -, liegt erst die Residenzstadt
vor ihm, die Mitte der Welt, hochgeschüttet voll ihres Bodensatzes.
Niemand dringt hier durch und gar mit der Botschaft eines Toten. - Du aber
sitzt an deinem Fenster und erträumst sie dir, wenn der Abend kommt.
Aus:http://zeus.stud.fh-heilbronn.de/~lainel/geschichten.html |
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