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Franz Kafka

Parabeln | Fabeln [ Nutzungshinweis ]

Kleine Fabel
Interpretatorische Hinweise

Die Auseinandersetzung mit diesem kurzen Text füllt Bücher. Sie befasst sich mit formalen Aspekten, mit der Gattungszuweisung (der Titel stammt ja nicht von Kafka selbst, sondern ist von Max Brod so gewählt) und inhaltlich mit der bis in die einzelnen Satzelemente gehenden Rätselhaftigkeit.
Wilhelm Emrich greift vor allem die Funktion der Tiere in den drei Erzählungen „Forschungen eines Hundes“, „Josefine, die Sängerin“ und „Der Bau“ heraus.
Nach Emrich wäre es falsch, diese Tiere einfach mit Menschen zu identifizieren, in ihnen eine Weiterbildung der Äsopschen Fabeln zu sehen, in denen Tiere menschliche Zustände spiegeln und moralische Weisheitslehren in Tierverkleidung ausgesprochen werden. Vielmehr „manifestieren diese Tiere einen Zustand, in dem die verdeckenden Hüllen der begrenzten empirischen Vorstellungswelt des Menschen veranlasst sind, in dem also die Ganzheit des menschlichen Daseins unverhüllt ausbricht und damit zugleich die grundsätzlichen Antinomien dieses Daseins gelebt und durchreflektiert werden. Indem Kafka Tiergestalten zum Gegenstand seiner Darstellung wählt, versetzt er den Leser sofort auf eine andere Bewusstseins- und Daseinsstufe, in der die normale menschliche Welt überschritten ist, ähnlich wie in den Gerichts- und Schlossbehörden oder in den rätselhaften Vorgängen der Erzählung „Beim Bau der chinesischen Mauer.“ 

Emrich, Kafka, S. 151)

Klaus Doderer wendet sich gegen den Kafka-Biografen Wilhelm Emrich und sieht in der Geschichte von Katze und Maus eine aus „pointierter Handlung, dem Einsatz von surrealistischen Textfiguren und einer mitgeteilten Lebensweisheit“ entstandene Fabel. Die Fabel dieser „Fabel“ erfährt der Leser aus dem kurzen Dialog zwischen den beiden Kontrahenten Maus und Katze. Der auf ein Minimum reduzierte epische Teil steckt in den zwei Wörtern „fraß sie“. Während die erzählte Zeit also das ganze Leben der Maus umfasst, beträgt die Erzählzeit die kurze Wechselrede im ausweglosen Zimmer und den Akt des Fressens. Die Form der Wechselrede ist dazu angelegt, die gegeneinander gerichteten Gedanken verschiedener Figuren zum Ausdruck zu bringen. Hier erteilt die Katze als Gesprächspartner der Maus den Rat, die Laufrichtung zu ändern. Jedoch zwischen verbalem Helfen und existenzialem Verschlingen ist eine schlechthin unüberbrückbare Spanne, die „der Dichter bis zum Äußersten artifiziell ausnützt, indem er beides in einen Satz zusammenrückt“. Die Sinnlosigkeit am Ende der Geschichte provoziere den Leser, nach dem Sinn des Gesagten zu suchen. Bedeutsam an der Fabel sei Folgendes:

„Die Maus hatte Angst, als es um sie weit war, sie suchte nach Begrenzung. Deshalb war sie glücklich, da sie Mauern sah. Aber diese Grenzen engten ihre Freiheit immer mehr ein, sie führten, zunächst das Gefühl von Sicherheit gebend, zu immer größerer Fesselung. Die Maus wendet sich in ihrer Not an den Nächsten, den Einzigen neben ihr, den uns die Fabel präsentiert. Dieser Andere macht ihr den Ausweg einsichtig, aber offeriert ihr zugleich auch die Unbegehbarkeit. Der Ausweg ist nur denkbar, nicht aber begehbar. Die Angst der Maus ist im Bilde gesehene menschliche Angst, die Angst vor der richtungslosen Welt, die Angst vor der uns in Sackgassen führenden Welt, aus denen uns Helfer herausleuchten wollen, diese aber sind wiederum ‘Sackgassen’ beziehungsweise Mausefallen. Es gibt hier keinen Weg zurück und keinen nach vorwärts. Überall stehen Fallen; wohin wir uns auch wenden, wir bewegen uns auf den Abgrund zu. Das Großartige dieser Fabel ist nun, dass sie diesen Gedanken der letzthinnigen Ausweglosigkeit in den letzten beiden Worten nicht vordiskutiert, sondern beweist. Allerdings nur im Bild. Aber für Kafka ist das Reden in Bildern Teil der Wirklichkeit, und insofern existiert der Mensch erst im Entwurf seiner Sinnbilder.“

(Doderer, Fabeln, S. 35)

Auf einen anderen Aspekt der Fabel weist Nayhauss hin. Er hebt hervor, dass die Aussagen der Maus typisch monologische Aussagen sind, da wir im ersten Teil nichts von einem Dialogpartner erfahren oder davon, dass die Maus sich an jemanden wende, wie es in der Fabel sonst üblich ist. Die Maus referiere und reflektiere also ihre eigene Situation. Deren Kennzeichen sind Orientierungslosigkeit und Angst. Beide sind aber als bedrängende Fixierung nur aus der subjektiven Sichtweise der Maus verständlich. Daher sei die Klage letztlich monologisch, Selbstgespräch mit dem fixierten und sich permanent fixierenden eigenen Bewusstsein:
„Aus der Notwendigkeit, eine persönliche Wahrheit produzieren zu müssen, um überhaupt leben zu können, sucht die Maus nach richtungsgebenden Mauern. Sie produziert die Mauern selbst, sie sind Produkte ihres Wunschdenkens. Als Ausstrahlung ihres individuellen Bewusstseins gewinnt jedoch dieser Schein der Dinge zugleich etwas Vernichtendes, die Maus tödlich Fixierendes. Kafka bezeichnet daher diesen Schein der Dinge als das Böse. Da das Bewusstsein der Fabelfigur immer nur Ansichten von den Dingen besitzt, kann noch will es letztlich die wahre Situation erkennen. Objektiv gibt es also keine Weite und keine Mauern, sondern diese sind subjektive Wahrheiten, die sich das Bewusstsein selber von seiner Situation geschaffen hat. Kafka entlarvt hier den verinnerlichten, seit der Romantik als selbstschöpferisch gepriesenen Subjektivismus in seiner ganzen Gefährlichkeit.

Nayhauss, Kleine Fabel, S. 245

© H. Kerber 1998 | 2000 | 2005


Intervall 30 Minuten