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Franz Kafka

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Sigmund Freud:

Der Ödipuskomplex

Der Sohn beginnt schon als kleines Kind eine besondere Zärtlichkeit für die Mutter zu entwickeln, die er als sein eigen betrachtet, und den Vater als Konkurrenten zu empfinden, der ihm diesen Alleinbesitz streitig macht, und ebenso sieht die kleine Tochter in der Mutter eine Person, die ihre zärtliche Beziehung zum Vater stört und einen Platz einnimmt, den sie sehr gut selbst ausfüllen könnte. Man muss aus den Beobachtungen erfahren, in wie frühe Jahre diese Einstellungen zurückreichen, die wir als Ödipuskomplex bezeichnen, weil diese Sage die beiden extremen Wünsche, welche sich aus der Situation des Sohnes ergeben, den Vater zu töten und die Mutter zum Weibe zu nehmen, mit einer ganz geringfügigen Abschwächung realisiert. Ich will nicht behaupten, dass der Ödipuskomplex die Beziehung der Kinder zu den Eltern erschöpft; diese kann leicht viel komplizierter sein. Auch ist der Ödipuskomplex mehr oder weniger stark ausgebildet, er kann selbst eine Umkehrung erfahren, aber er ist ein regelmäßiger und sehr bedeutsamer Faktor des kindlichen Seelenlebens, und man läuft eher Gefahr, seinen Einfluss und den der aus ihm hervorgehenden Entwicklung zu unterschätzen, als ihn zu überschätzen. Übrigens reagieren die Kinder mit der Ödipuseinstellung häufig auf eine Anregung der Eltern, die sich in ihrer Liebeswahl oft genug vom Geschlechterunterschied leiten lassen, so dass der Vater die Tochter, die Mutter den Sohn bevorzugt oder im Falle von Erkaltung in der Ehe zum Ersatz für das entwertete Liebesobjekt nimmt.
[...]
Nun werden Sie darauf gefasst sein, was dieser schreckliche Ödipuskomplex enthält. Der Name sagt es Ihnen. Sie kennen alle die griechische Sage vom König Ödipus, der durch das Schicksal dazu bestimmt ist, seinen Vater zu töten und seine Mutter zum Weibe zu nehmen, der alles tut, um dem Orakelspruch zu entgehen, und sich dann durch Blendung bestraft, nachdem er erfährt, dass er diese beiden Verbrechen unwissentlich doch begangen hat. Ich hoffe, viele von Ihnen haben die erschütternde Wirkung der Tragödie, in welcher Sophokles diesen Stoff behandelt, an sich selbst erlebt. Das Werk des attischen Dichters stellt dar, wie die längst vergangene Tat des Ödipus durch eine kunstvoll verzögerte und durch immer neue Anzeichen angefachte Untersuchung allmählich enthüllt wird; es hat insofern eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Fortgang einer Psychoanalyse. Im Verlaufe des Dialogs kommt es vor, dass die verblendete Mutter-Gattin Jokaste sich der Fortsetzung der Untersuchung widersetzt. Sie beruft sich darauf, dass vielen Menschen im Traum zuteil geworden, dass sie der Mutter beiwohnen, aber Träume dürfe man gering achten. Wir achten Träume nicht gering, am wenigsten typische Träume, solche, die sich vielen Menschen ereignen, und zweifeln nicht daran, dass der von Jokaste erwähnte Traum innig mit dem befremdenden und erschreckenden Inhalt der Sage zusammenhängt.
Es ist zu verwundern, dass die Tragödie des Sophokles nicht vielmehr empörte Ablehnung beim Zuhörer hervorruft [...] Denn sie ist im Grunde ein unmoralisches Stück, sie hebt die sittliche Verantwortlichkeit des Menschen auf, zeigt göttliche Mächte als die Anordner des Verbrechens und die Ohnmacht der sittlichen Regungen des Menschen, die sich gegen das Verbrechen wehren. Man könnte leicht glauben, dass der Sagenstoff eine Anklage der Götter und des Schicksals beabsichtigte, und in den Händen des kritischen, mit den Göttern zerfallenen Euripides wäre es wahrscheinlich eine solche Anklage geworden. Aber beim gläubigen Sophokles ist von dieser Verwendung keine Rede; eine fromme Spitzfindigkeit, es sei die höchste Sittlichkeit, sich dem Willen der Götter, auch wenn er Verbrecherisches anordne, zu beugen, hilft über die Schwierigkeit hinweg. 
Ich kann nicht finden, dass diese Moral zu den Stärken des Stückes gehört, aber sie ist für die Wirkung desselben gleichgültig. Der Zuhörer reagiert nicht auf sie, sondern auf den geheimen Sinn und Inhalt der Sage. Er reagiert
so, als hätte er durch Selbstanalyse den Ödipuskomplex in sich erkannt und den Götterwillen sowie das Orakel als erhöhende Verkleidungen seines eigenen Unbewussten entlarvt. Als ob er sich der Wünsche, den Vater zu beseitigen und an seiner Statt die Mutter zum Weibe zu nehmen, erinnern und sich über sie entsetzen müsste. Er versteht auch die Stimme des Dichters so, als ob sie ihm sagen wollte: Du sträubst dich vergebens gegen deine Verantwortlichkeit und beteuerst, was du gegen diese verbrecherischen Absichten getan hast. Du bist doch schuldig, denn du hast sie nicht vernichten können; sie bestehen noch unbewusst in dir. [...] Auch wenn der Mensch seine bösen Regungen ins Unbewusste verdrängt hat und sich dann sagen möchte, dass er für sie nicht verantwortlich ist, wird er doch gezwungen, diese Verantwortlichkeit als ein Schuldgefühl von ihm unbekannter Begründung zu verspüren.
Es ist ganz unzweifelhaft, dass man in dem Ödipuskomplex eine der wichtigsten Quellen des Schuldbewusstseins sehen darf, von dem die Neurotiker so oft gepeinigt werden. Aber noch mehr: in einer Studie (Totem und Tabu) [...] ist mir die Vermutung nahe gekommen, dass vielleicht die Menschheit als Ganzes ihr Schuldbewusstsein, die letzte Quelle von Religion und Sittlichkeit, zu Beginn ihrer Geschichte am Ödipuskomplex erworben hat. [...]

Aus: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, XXI. Vorlesung, Gesammelte Werke, Bd. 11, Frankfurt 31961, S. 211 und 341), zitiert nach: Nebel, G.: Sophokles. König Ödipus. Dichtung und Wirklichkeit, Frankfurt/M. - Berlin (Ullstein) 1964, S. 151-154

 
Freud, Sigmund
* Príbor (Mähren) 6.5.1856, 
+ London 23.9.1939, österreichischer Arzt und Psychologe
1874 Medizinstudium in Wien
1885 Besuch in Paris: Beschäftigung mit der Hypnose
1896 Vorlesung über die sexuelle Ätiologie der Hysterie
1897 Entdeckung des Ödipuskomplexes
1911 Demission von Alfred Adler
1913 Bruch mit C.G. Jung
1930 Goethe-Preis
1933 Verbrennung seiner Bücher durch den NS-Staat
1938 Emigration nach London
1939 Intervention Roosevelts und Mussolinis bei Hitler für Freud
Freud entwickelte das psychoanalytische Therapieverfahren (Psychoanalyse), bei dem er zugleich seine Einsichten in die Triebstruktur menschlichen Verhaltens gewann. Als Zentraltrieb nahm Freud den Geschlechtstrieb an. Da gerade die Entfaltung der geschlechtlichen Triebhaftigkeit durch gesellschaftliche Regeln und Tabus unterdrückt wird, ergeben sich nach Freud hieraus die Fehlentwicklungen, die zu Neurosen führen, denen auszuweichen lediglich durch Sublimierung möglich sei. 

Werke:
1900 Die Traumdeutung
1901  Zur Psychopathologie des Alltagslebens
1913 Totem und Tabu
1923 Das Ich und das Es
1925  Der Mann Moses und die monotheistische Religion
1927  Die Zukunft einer Illusion
1929  Das Unbehagen in der Kultur



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