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Der Ödipuskomplex
Der Sohn beginnt schon als kleines Kind eine besondere Zärtlichkeit
für die Mutter zu entwickeln, die er als sein eigen betrachtet, und
den Vater als Konkurrenten zu empfinden, der ihm diesen Alleinbesitz streitig
macht, und ebenso sieht die kleine Tochter in der Mutter eine Person, die
ihre zärtliche Beziehung zum Vater stört und einen Platz einnimmt,
den sie sehr gut selbst ausfüllen könnte. Man muss aus den Beobachtungen
erfahren, in wie frühe Jahre diese Einstellungen zurückreichen,
die wir als Ödipuskomplex bezeichnen, weil diese Sage die beiden extremen
Wünsche, welche sich aus der Situation des Sohnes ergeben, den Vater
zu töten und die Mutter zum Weibe zu nehmen, mit einer ganz geringfügigen
Abschwächung realisiert. Ich will nicht behaupten, dass der Ödipuskomplex
die Beziehung der Kinder zu den Eltern erschöpft; diese kann leicht
viel komplizierter sein. Auch ist der Ödipuskomplex mehr oder weniger
stark ausgebildet, er kann selbst eine Umkehrung erfahren, aber er ist
ein regelmäßiger und sehr bedeutsamer Faktor des kindlichen
Seelenlebens, und man läuft eher Gefahr, seinen Einfluss und den der
aus ihm hervorgehenden Entwicklung zu unterschätzen, als ihn zu überschätzen.
Übrigens reagieren die Kinder mit der Ödipuseinstellung häufig
auf eine Anregung der Eltern, die sich in ihrer Liebeswahl oft genug vom
Geschlechterunterschied leiten lassen, so dass der Vater die Tochter, die
Mutter den Sohn bevorzugt oder im Falle von Erkaltung in der Ehe zum Ersatz
für das entwertete Liebesobjekt nimmt.
[...]
Nun werden Sie darauf gefasst sein, was dieser schreckliche Ödipuskomplex
enthält. Der Name sagt es Ihnen. Sie kennen alle die griechische Sage
vom König Ödipus, der durch das Schicksal dazu bestimmt ist,
seinen Vater zu töten und seine Mutter zum Weibe zu nehmen, der alles
tut, um dem Orakelspruch zu entgehen, und sich dann durch Blendung bestraft,
nachdem er erfährt, dass er diese beiden Verbrechen unwissentlich
doch begangen hat. Ich hoffe, viele von Ihnen haben die erschütternde
Wirkung der Tragödie, in welcher Sophokles diesen Stoff behandelt,
an sich selbst erlebt. Das Werk des attischen Dichters stellt dar, wie
die längst vergangene Tat des Ödipus durch eine kunstvoll verzögerte
und durch immer neue Anzeichen angefachte Untersuchung allmählich
enthüllt wird; es hat insofern eine gewisse Ähnlichkeit mit dem
Fortgang einer Psychoanalyse. Im Verlaufe des Dialogs kommt es vor, dass
die verblendete Mutter-Gattin Jokaste sich der Fortsetzung der Untersuchung
widersetzt. Sie beruft sich darauf, dass vielen Menschen im Traum zuteil
geworden, dass sie der Mutter beiwohnen, aber Träume dürfe man
gering achten. Wir achten Träume nicht gering, am wenigsten typische
Träume, solche, die sich vielen Menschen ereignen, und zweifeln nicht
daran, dass der von Jokaste erwähnte Traum innig mit dem befremdenden
und erschreckenden Inhalt der Sage zusammenhängt.
Es ist zu verwundern, dass die Tragödie des Sophokles nicht vielmehr
empörte Ablehnung beim Zuhörer hervorruft [...] Denn sie ist
im Grunde ein unmoralisches Stück, sie hebt die sittliche Verantwortlichkeit
des Menschen auf, zeigt göttliche Mächte als die Anordner des
Verbrechens und die Ohnmacht der sittlichen Regungen des Menschen, die
sich gegen das Verbrechen wehren. Man könnte leicht glauben, dass
der Sagenstoff eine Anklage der Götter und des Schicksals beabsichtigte,
und in den Händen des kritischen, mit den Göttern zerfallenen
Euripides wäre es wahrscheinlich eine solche Anklage geworden. Aber
beim gläubigen Sophokles ist von dieser Verwendung keine Rede; eine
fromme Spitzfindigkeit, es sei die höchste Sittlichkeit, sich dem
Willen der Götter, auch wenn er Verbrecherisches anordne, zu beugen,
hilft über die Schwierigkeit hinweg.
Ich kann nicht finden, dass diese Moral zu den Stärken des Stückes
gehört, aber sie ist für die Wirkung desselben gleichgültig.
Der Zuhörer reagiert nicht auf sie, sondern auf den geheimen Sinn
und Inhalt der Sage. Er reagiert
so, als hätte er durch Selbstanalyse den Ödipuskomplex in
sich erkannt und den Götterwillen sowie das Orakel als erhöhende
Verkleidungen seines eigenen Unbewussten entlarvt. Als ob er sich der Wünsche,
den Vater zu beseitigen und an seiner Statt die Mutter zum Weibe zu nehmen,
erinnern und sich über sie entsetzen müsste. Er versteht auch
die Stimme des Dichters so, als ob sie ihm sagen wollte: Du sträubst
dich vergebens gegen deine Verantwortlichkeit und beteuerst, was du gegen
diese verbrecherischen Absichten getan hast. Du bist doch schuldig, denn
du hast sie nicht vernichten können; sie bestehen noch unbewusst in
dir. [...] Auch wenn der Mensch seine bösen Regungen ins Unbewusste
verdrängt hat und sich dann sagen möchte, dass er für sie
nicht verantwortlich ist, wird er doch gezwungen, diese Verantwortlichkeit
als ein Schuldgefühl von ihm unbekannter Begründung zu verspüren.
Es ist ganz unzweifelhaft, dass man in dem Ödipuskomplex eine
der wichtigsten Quellen des Schuldbewusstseins sehen darf, von dem die
Neurotiker so oft gepeinigt werden. Aber noch mehr: in einer Studie (Totem
und Tabu) [...] ist mir die Vermutung nahe gekommen, dass vielleicht die
Menschheit als Ganzes ihr Schuldbewusstsein, die letzte Quelle von Religion
und Sittlichkeit, zu Beginn ihrer Geschichte am Ödipuskomplex erworben
hat. [...]
Aus: Vorlesungen zur Einführung in die
Psychoanalyse, XXI. Vorlesung, Gesammelte Werke, Bd. 11, Frankfurt 31961,
S. 211 und 341), zitiert nach: Nebel, G.: Sophokles. König Ödipus.
Dichtung und Wirklichkeit, Frankfurt/M. - Berlin (Ullstein) 1964, S. 151-154
Freud,
Sigmund
* Príbor (Mähren) 6.5.1856,
+ London 23.9.1939, österreichischer Arzt und Psychologe
1874 Medizinstudium in Wien
1885 Besuch in Paris: Beschäftigung mit der Hypnose
1896 Vorlesung über die sexuelle Ätiologie der Hysterie
1897 Entdeckung des Ödipuskomplexes
1911 Demission von Alfred Adler
1913 Bruch mit C.G. Jung
1930 Goethe-Preis
1933 Verbrennung seiner Bücher durch den NS-Staat
1938 Emigration nach London
1939 Intervention Roosevelts und Mussolinis bei Hitler für Freud
Freud entwickelte das psychoanalytische Therapieverfahren (Psychoanalyse),
bei dem er zugleich seine Einsichten in die Triebstruktur menschlichen
Verhaltens gewann. Als Zentraltrieb nahm Freud den Geschlechtstrieb an.
Da gerade die Entfaltung der geschlechtlichen Triebhaftigkeit durch gesellschaftliche
Regeln und Tabus unterdrückt wird, ergeben sich nach Freud hieraus
die Fehlentwicklungen, die zu Neurosen führen, denen auszuweichen
lediglich durch Sublimierung möglich sei.
Werke:
1900 Die Traumdeutung
1901 Zur Psychopathologie des Alltagslebens
1913 Totem und Tabu
1923 Das Ich und das Es
1925 Der Mann Moses und die monotheistische Religion
1927 Die Zukunft einer Illusion
1929 Das Unbehagen in der Kultur |