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Gregors Ausbruchsversuche
Insgesamt verlässt Gregor nach seiner Verwandlung dreimal sein
Zimmer.
Die ersten beiden Male tut er dies, weil ihm in der Aufregung die Wirkung
seiner neuen Gestalt auf andere Menschen nicht bewusst ist. In seiner inneren
Identität hat er sich nicht gewandelt, so empfindet er das Ausräumen
seines Zimmers, so praktisch dies auch unter dem Gesichtspunkt seiner körperbedingten
neuen Gewohnheiten wäre, als Versuch ihm seine Identität zu nehmen,
ihn endgültig auf seine isolierte, menschenfremde Existenz als Ungeziefer
zu fixieren.
Den dritten "Ausbruch" unternimmt er jedoch trotz der Anwesenheit anderer,
getrieben von seiner inneren Sehnsucht, die ausgelöst wird durch das
Geigenspiel der Schwester. Vorbereitet wird die Szene durch den Gegensatz
Gregors zu den Zimmerherren, die er beim Essen beobachtet.
Die Zimmerherren gehen nach Gregors Ansicht ganz im Genuss des Essens
auf und scheinen ihm demonstrieren zu wollen, worauf man Appetit haben
und wie man Nahrung zu sich nehmen solle. Die Zimmerherren werden so, zumal
sie in der Mehrzahl auftreten, sich aber kaum voneinander unterscheiden,
zum Vertreter des unkomplizierten Durchschnittsmenschen, der unreflektiert,
aber in Übereinstimmung mit sich selbst, sein vordergründiges
Leben lebt.
Es sei hier daran erinnert, dass Kafka selbst im "Brief an den Vater"
seine Appetitlosigkeit und seine komplizierte Beziehung zum Essen als Mangel
an Vitalität, als Schwäche und Unterlegenheit dem Vater gegenüber
betrachtet.
Gregor geht durch den Kopf, dass er umzukommen droht, während
sich die Zimmerherren so intensiv nähren. Er sucht jedoch eine andere
Nahrung als die Zimmerherren, der Weg zu dieser „ersehnten Nahrung“ scheint
sich ihm durch das Geigenspiel der Schwester aufzutun, weswegen er auch
alle Scheu verliert und die Schwester in sein Zimmer holen will, um zu
zeigen, dass er sich mit ihr nach dieser unbekannten Nahrung sehnt. Das
Wunschbild, das er dabei entwirft, scheint auf eine tiefe gegenseitige
menschliche Beziehung als Hintergrund der Nahrungssuche hinzuweisen. Ist
es, wie häufig angenommen, ein inzestuöser Wunsch (s. Bild der
Dame mit dem Pelz), ist es (s. Musiksanatorium für die Schwester und
ihr Geigenspiel) ein misslungener Sublimationsversuch (s. TRIEBE.*)?
Die Zimmerherren können diese Sehnsucht Gregors überhaupt
nicht teilen und sind deshalb auch nicht in der Lage, das Geigenspiel der
Schwester zu würdigen.
Paradoxerweise zerstört die Reaktion Gregors auf seine Lebenssehnsucht
seine Existenz endgültig. Im Unverständnis über seine wirklichen
Beweggründe beschließt die Familie, allen voran die Schwester,
ihn als Familienmitglied aufzugeben und ihn in die endgültige völlige
Isolation von anderen Menschen und von der Möglichkeit, überhaupt
menschlich zu leben, zu schicken.
Während Gregor nun an "Nahrungsmangel" - er kommt vor Schwäche
kaum noch in sein Zimmer zurück - zugrunde geht, ohne der Familie
auch nur den geringsten Vorwurf zu machen, gibt er mit diesem Tod der Familie
und vor allem der Schwester die Möglichkeit, befreit und mit Zukunftsperspektiven
zu leben.
© H. Kerber 1998 | 2000 | 2005
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