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Franz Kafka

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Die Verwandlung

Gregors Ausbruchsversuche

Insgesamt verlässt Gregor nach seiner Verwandlung dreimal sein Zimmer. 
Die ersten beiden Male tut er dies, weil ihm in der Aufregung die Wirkung seiner neuen Gestalt auf andere Menschen nicht bewusst ist. In seiner inneren Identität hat er sich nicht gewandelt, so empfindet er das Ausräumen seines Zimmers, so praktisch dies auch unter dem Gesichtspunkt seiner körperbedingten neuen Gewohnheiten wäre, als Versuch ihm seine Identität zu nehmen, ihn endgültig auf seine isolierte, menschenfremde Existenz als Ungeziefer zu fixieren.
Den dritten "Ausbruch" unternimmt er jedoch trotz der Anwesenheit anderer, getrieben von seiner inneren Sehnsucht, die ausgelöst wird durch das Geigenspiel der Schwester. Vorbereitet wird die Szene durch den Gegensatz Gregors zu den Zimmerherren, die er beim Essen beobachtet. 
Die Zimmerherren gehen nach Gregors Ansicht ganz im Genuss des Essens auf und scheinen ihm demonstrieren zu wollen, worauf man Appetit haben und wie man Nahrung zu sich nehmen solle. Die Zimmerherren werden so, zumal sie in der Mehrzahl auftreten, sich aber kaum voneinander unterscheiden, zum Vertreter des unkomplizierten Durchschnittsmenschen, der unreflektiert, aber in Übereinstimmung mit sich selbst, sein vordergründiges Leben lebt. 
Es sei hier daran erinnert, dass Kafka selbst im "Brief an den Vater" seine Appetitlosigkeit und seine komplizierte Beziehung zum Essen als Mangel an Vitalität, als Schwäche und Unterlegenheit dem Vater gegenüber betrachtet.
Gregor geht durch den Kopf, dass er umzukommen droht, während sich die Zimmerherren so intensiv nähren. Er sucht jedoch eine andere Nahrung als die Zimmerherren, der Weg zu dieser „ersehnten Nahrung“ scheint sich ihm durch das Geigenspiel der Schwester aufzutun, weswegen er auch alle Scheu verliert und die Schwester in sein Zimmer holen will, um zu zeigen, dass er sich mit ihr nach dieser unbekannten Nahrung sehnt. Das Wunschbild, das er dabei entwirft, scheint auf eine tiefe gegenseitige menschliche Beziehung als Hintergrund der Nahrungssuche hinzuweisen. Ist es, wie häufig angenommen, ein inzestuöser Wunsch (s. Bild der Dame mit dem Pelz), ist es (s. Musiksanatorium für die Schwester und ihr Geigenspiel) ein misslungener Sublimationsversuch (s. TRIEBE.*)?
Die Zimmerherren können diese Sehnsucht Gregors überhaupt nicht teilen und sind deshalb auch nicht in der Lage, das Geigenspiel der Schwester zu würdigen.
Paradoxerweise zerstört die Reaktion Gregors auf seine Lebenssehnsucht seine Existenz endgültig. Im Unverständnis über seine wirklichen Beweggründe beschließt die Familie, allen voran die Schwester, ihn als Familienmitglied aufzugeben und ihn in die endgültige völlige Isolation von anderen Menschen und von der Möglichkeit, überhaupt menschlich zu leben, zu schicken.
Während Gregor nun an "Nahrungsmangel" - er kommt vor Schwäche kaum noch in sein Zimmer zurück - zugrunde geht, ohne der Familie auch nur den geringsten Vorwurf zu machen, gibt er mit diesem Tod der Familie und vor allem der Schwester die Möglichkeit, befreit und mit Zukunftsperspektiven zu leben.

© H. Kerber 1998 | 2000 | 2005


Intervall 30 Minuten