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Franz Kafka

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Die Verwandlung

Sigmund Freud: 
Normen, Triebe und Kultur

Es, Ich und Über-Ich 

Der Versuch, die verwirrende Zahl von miteinander in Zusammenhang stehenden, im Zuge der psychoanalytischen Forschung gemachten Beobachtungen zu systematisieren, führte zur Entwicklung eines Modells des strukturellen Aufbaus der Psyche. Diese besteht aus drei funktionellen Systemen, die zweckmäßig als Es, Ich und Über-Ich bezeichnet werden.
Das erste System bezieht sich auf die sexuellen und aggressiven Neigungen, die ihren Ur-sprung im Körper haben, der vom Geist unterschieden wird. Freud nannte diese Neigungen Triebe. Sie werden oft ungenau als Instinkte bezeichnet, um auf ihren inneren Ursprung hinzuweisen. Diese dem Körper innewohnenden Triebe verlangen nach sofortiger Befriedi-gung, die als angenehm empfunden wird. Das Es wird daher vom Lustprinzip beherrscht. In seinen späteren Schriften tendierte Freud eher zu einer psychologischen als zu einer biologi-schen Einordnung der Triebe.
Die Aufgabe des zweiten Systems, des Ichs, ist die Gewährleistung der Befriedigung. Das Ich ist das Zentrum von Funktionen wie Wahrnehmung, Denken und motorische Kontrolle, durch die das Ich Umweltbedingungen genau einschätzen kann. Um seine Funktion der An-passung oder des Realitätstestes, zu erfüllen muss das Ich in der Lage sein, die Befriedigung der instinktiven Impulse aus dem Es zurückzustellen. Um sich gegen inakzeptable Impulse zu verteidigen, entwickelt das Ich spezielle psychische Hilfsmittel, die als Abwehrmechanis-men bezeichnet werden. Diese umfassen z.B. Verdrängung (das Aussperren von Impulsen aus der bewussten Wahrnehmung), Projektion (der Prozess, seine eigenen unbewussten Wünsche anderen zuzuschreiben) und Reaktionsbildung (der Aufbau eines Verhaltensmus-ters, das in einem direkten Widerspruch zu einem starken unbewussten Bedürfnis steht). Solche Abwehrmechanismen werden immer dann aktiviert, wenn Angst die Gefahr signali-siert, dass die ursprünglichen inakzeptablen Impulse wieder an die Oberfläche kommen könnten.
Inakzeptabel wird ein Impuls des Es nicht nur durch die zeitweilige Notwendigkeit, seine Befriedigung zurückzustellen, bis das Individuum die geeigneten Umweltbedingungen ge-funden hat. Viel häufiger erfolgt die Einstufung als inakzeptabel infolge eines Verbots, das dem Individuum von anderen auferlegt worden ist, meist von seinen Eltern. Die Gesamtheit dieser Anforderungen und Verbote stellt den wesentlichen Gehalt des dritten Systems, des Über-Ichs, dar. Seine Funktion ist es, das Ich in Übereinstimmung mit den von den Eltern vorgegebenen verinnerlichten (internalisierten) Normen zu kontrollieren. Wenn die Anforde-rungen des Über-Ichs nicht erfüllt werden können, kann es bei der betreffenden Person zu einem Gefühl der Scham und Schuld kommen.
Da das Über-Ich in der Freudschen Theorie aus dem Kampf, den ödipalen Konflikt zu über-winden, hervorgeht, ist seine Macht der eines Triebes vergleichbar. Es ist teilweise unbe-wusst und kann Schuldgefühle aufkommen lassen, die nicht durch irgendeine bewusste Ü-berschreitung gerechtfertigt werden. Das Ich, das zwischen den Anforderungen des Es, de-nen des Über-Ichs und denen der Außenwelt vermitteln muss, ist unter Umständen nicht stark genug, diese miteinander in Konflikt stehenden Kräfte zu versöhnen. Je mehr das Ich in seiner Entwicklung behindert wird, weil es in frühere Konflikte verstrickt ist (Fixierungen oder Komplexe), oder je mehr es auf frühere Befriedigungen und archaische Funktionswei-sen zurückgreift (Regression), desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, diesem Druck zu un-terliegen. Das Individuum ist unfähig, normal zu funktionieren, und kann seine begrenzte Kontrolle und seine Integrität nur aufrechterhalten, indem es neurotische Symptome entwi-ckelt, in denen sich die Spannungen offenbaren.
"Die Macht des Es drückt die eigentliche Lebensabsicht des Einzelwesens aus. Sie besteht darin, seine mitgebrachten Bedürfnisse zu befriedigen. Eine Absicht, sich am Leben zu erhal-ten und sich durch die Angst vor Gefahren zu schützen, kann dem Es nicht zugeschrieben werden. Dies ist die Aufgabe des Ichs, das auch die günstigste und gefahrloseste Art der Befriedigung mit Rücksicht auf die Außenwelt herauszufinden hat. Das Über-Ich mag neue Bedürfnisse geltend machen, seine Hauptleistung bleibt aber die Einschränkung der Befrie-digungen [...].
Die Vorstellung eines Ichs, das zwischen Es und Außenwelt vermittelt, die Triebansprüche des einen übernimmt, um sie zur Befriedigung zu führen, an dem anderen Wahrnehmungen macht, die es als Erinnerungen verwertet, das auf seine Selbsterhaltung bedacht sich gegen überstarke Zumutungen von beiden Seiten her zur Wehr setzt, dabei in all seinen Entschei-dungen von den Weisungen eines modifizierten Lustprinzips geleitet wird, diese Vorstellung trifft eigentlich nur für das Ich bis zum Ende der ersten Kindheitsperiode (um 5 Jahre) zu. Um diese Zeit hat sich eine wichtige Veränderung vollzogen. Ein Stück der Außenwelt ist als Objekt, wenigstens parziell, aufgegeben und dafür (durch Identifizierung) ins Ich aufge-nommen, also ein Bestandteil der Innenwelt geworden. Diese neue psychische Instanz setzt die Funktion fort, die jene Personen der Außenwelt ausgeübt hatten, sie beobachtet das Ich, gibt ihm Befehle, richtet es und droht ihm mit Strafen, ganz wie die Eltern, deren Stelle es eingenommen hat. Wir heißen diese Instanz das Über-Ich, empfinden sie in ihren richterli-chen Funktionen als unser Gewissen. Bemerkenswert bleibt es, dass das Über-Ich häufig eine Strenge entfaltet, zu der die realen Eltern nicht das Vorbild gegeben haben. Auch dass es das Ich nicht nur wegen seiner Taten zur Rechenschaft zieht, sondern ebenso wegen sei-ner Gedanken und unausgeführten Absichten, die ihm bekannt zu sein scheinen."

Aus: S. Freud: Gesammelte Werke im S. Fischer-Verlag, Bd XIV; zit. nach: Konzepte 5, S. 13 f..

© H. Kerber 1998 | 2000 | 2005


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