Bericht des Politbüros auf der vierten Tagung des ZK der SED,
Dezember 1971
Wenn man von der festen Position des Sozialismus ausgeht, kann es meines
Erachtens auf dem Gebiet von Kunst und Literatur keine Tabus geben. Das
betrifft sowohl die Fragen der inhaltlichen Gestaltung als auch des Stils
- kurz gesagt: die Fragen dessen, was man die künstlerische Meisterschaft
nennt. [...]
Unsere Partei und unser Staat sind daran interessiert, die Lösung
unserer großen gesellschaftlichen Aufgaben in unmittelbarer Tuchfühlung
mit unseren Künstlern zu bewältigen. [...]
Wir begrüßen den offenherzigen, sachlichen und schöpferischen
Meinungsstreit und wünschen, dass er sich noch lebhafter entfaltet.
Das wird der höheren Qualität und Wirksamkeit unserer sozialistischen
Literatur und Kunst zugute kommen. [...]
Wir wollen die Künstler mit dem ganzen Reichtum ihrer Handschriften
und Ausdrucksweisen auf die Fülle der Lebensäußerungen
unserer Zeit orientieren. [...]
Bericht des Politbüros auf der neunten Tagung des ZK der SED,
Mai 1973
Tatsächlich legt unsere gesellschaftliche Entwicklung ein weites
Feld für künstlerisches Schöpfertum frei, das sich von festen
sozialistischen Positionen aus an den verschiedensten Themen, in den verschiedensten
Ausdrucksweisen entfalten kann. Nur von solchen festen Positionen aus -
und dazu gehört bekanntlich auch die sozialistische Ethik - wird es
sich letztlich auch voll entfalten. Nur so ist es den Künstlern möglich,
überzeugende Antworten auf die Fragen des Lebens zu finden, die die
Bürger unserer Republik von ihnen erwarten dürfen.
[...] Nicht in jedem Fall führte auch das berechtigte Bestreben,
echte Probleme der Entwicklung unserer sozialistischen Gesellschaft und
ihrer Menschen aufzuwerfen und zu erfassen, zu einer niveauvollen und gültigen
literarischen und künstlerischen Gestaltung. Manches mutet Bürgern
unserer Republik, die sich mit ihrem sozialistischen Staat fest verbunden
fühlen, Arbeitern, Genossenschaftsbauern und Angehörigen der
Intelligenz, die ihn aufgebaut haben und Hervorragendes für seinen
weiteren Fortschritt leisten, zu viel Selbstverleugnung zu. Sie stellen,
und wir meinen: mit Recht, in Abrede, dass bestimmte Kunstwerke zur weiteren
Herausbildung sozialistischer Denk- und Verhaltensweisen beitragen. [...]
Menschen von Fleisch und Blut, tatkräftige, vorwärtsstrebende,
ihr gesellschaftliches Sein und sich dabei selber verändernde Menschen,
spüren nicht den Atem unserer Epoche des Sieges des Sozialismus, wenn
künstlerische Darstellungen ihre Leistungen herabwürdigen.
[...] Die in verschiedenen Theaterstücken und Filmen dargestellte
Vereinsamung und Isolierung des Menschen von der Gesellschaft, ihre Anonymität
in Bezug auf die gesellschaftlichen Verhältnisse machen schon jetzt
deutlich, dass die Grundhaltung solcher Werke dem Anspruch des Sozialismus
an Kunst und Literatur entgegensteht. Wir würden es begrüßen,
wenn die Künstlerverbände und die Akademie der Künste der
DDR die schöpferische Diskussion über solche Probleme führen
und dass sie dort, wo dies am Platze ist, auch kritisch zu Kunstwerken
Stellung nehmen. Auf der Grundlage unserer marxistisch - leninistischen
Wissenschaft kann im sachlichen, prinzipiellen Meinungsstreit zwischen
Gleichgesinnten und Gleichstrebenden am besten erreicht werden, das Gelungene
zu würdigen, Anregungen für weitere Vorhaben zu vermitteln, das
weniger Gelungene offen zu kritisieren und dem Sozialismus fremden Ideologien
und Verhaltensweisen entgegenzutreten. |