Anna Seghers:Das
siebte Kreuz
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Die
Helfer: Fritz Helwig
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Der
kleine Helwig ging den Feldweg hinauf über eine Erdkrümmung.
Er erblickte den älteren Alwin in den Rüben und rief ihn an.
Alwin, schon rot und verschwitzt von der Arbeit, kam an den Weg. Was der
heute schon hinter sich hat, dachte Helwig, als müsste er den Alwin
verteidigen. Alwin beschrieb ihm alles, wie man eine Jagd beschreibt. Eben
war er bloß ein Bauer gewesen, der früher als andere in seinen
Acker geht. Jetzt im Beschreiben war er der Sturmführer Alwin, ein
Mann, der ein Zillich werden konnte, wenn man ihm dazu Gelegenheit gab.
War doch auch Zillich mal bloß ein Alwin gewesen, ein Bauer droben
bei Wertheim am Main. Auch er war früh aufgestanden, auch er hatte
Blut geschwitzt, wenn auch umsonst, weil sein winziger Hof damals versteigert
wurde. Helwig kannte sogar den Zillich, denn er kam manchmal aus Westhofen,
wenn er Urlaub hatte, setzte sich in die Wirtschaft und sprach über
Dorfsachen - bei der Beschreibung der Jagd senkte Helwig die Augen. „Deine
Jacke“, sagte Alwin zum Schluss, was weiß ich? Nein, das muss ein
anderer Flüchtling gewesen sein, den musst du dir selber fangen, Fritz.
Mein Kerl jedenfalls hat keine angehabt.“ Helwig zuckte die Achseln; eher
erleichtert als enttäuscht, stapfte er gegen die Schule los, deren
Fassade, ockerfarbig gestrichen, über die Felder weg leuchtete.
[Anna
Seghers, Das siebte Kreuz. S. 62 [90] |
An
einem Tisch in der Wirtsstube saßen ein paar Hitlerjungen; darunter
Fritz und sein Führer Albert, derselbe Albert, dem Fritz noch vorige
Woche in allen Stücken blind gehorcht hätte. [...] Seit Zillichs
Eintritt hatte sich Fritz weder an der Aussprache noch am Nüsseknacken
beteiligt. Sein Blick blieb auf Zillichs Rücken gerichtet. Auch er
kannte Zillich vom Sehen. Auch er hatte dies und jenes über ihn munkeln
hören. Er hatte sich darüber nicht den Kopf zerbrochen.
Fritz
war für diesen Morgen nach Westhofen bestellt worden, er war mit rasend
klopfendem herzen hingezogen, nach einer durchwachten Nacht. Da hatte es
eine Überraschung gegeben. Er könnte ruhig wieder heim war ihm
Bescheid geworden, die Kommissare seien abgereist, die restlichen Vorladungen
hätten sich erübrigt. Fritz war unendlich erleichtert in seine
Schule gegangen, ihm fehlte jetzt nichts mehr als die Jacke, die wollte
er gern als Preis zahlen. Wie hatte er sich heute morgen in die Arbeit
geworfen, in den Dienst, in die Kameradschaft! Den Gärtner Gülscher
mied er. Wie hatte er sich bei dem Alten verquatschen können, nein
diesem Pfeifenlutscher. Den ganzen Tag über war der Fritz wie der
Fritz der vorigen Woche. Warum war er überhaupt unruhig gewesen! Was
hatte er denn getan! Ein paar dahingestotterte Worte! Ein schwaches Nein!
Sie hatten gar keine Folgen gehabt. Und was keine Folgen gehabt hat, ist’s
nicht so gut wie ungeschehen? Er war der Munterste an diesem Bubentisch
gewesen, bis vor fünf Minuten. „Guckst du Löcher in die Luft,
Fritz?“ Er zuckte zusammen.
Wer
ist das, der Zillich? Was hat er mit mir zu tun? Was kann ich mit einem
Zillich gemein haben? Was hat er mit uns zu tun! Ist das wahr, was man
von ihm erzählt?
Vielleicht
ist’s wirklich nicht die richtige Jacke gewesen. Es gibt ja Menschen, die
sich zum Verwechseln ähnlich sind, warum denn nicht auch mal Jacken
- vielleicht sind wirklich jetzt alle Flüchtlinge eingefangen - auch
meiner. Er hat die Jacke vielleicht als seine nicht anerkannt. Gehört
dieser Zillich ganz genauso zu uns, wie Albert, ist alles wahr, was man
von ihm erzählt? Wozu brauchen wir ihn? Warum hat man meinen auch
gefangen? Warum ist er denn geflohen? Warum ist er eingesperrt worden?
Er
starrte auf das Warum, auf den braunen mächtigen Rücken. Zillich
trank jetzt sein fünftes Glas. [... Zillich wird von zwei SS-Männern
mit Motorrad abgeholt, um Wallau zu erschlagen]
Alles
in allem hatte das Ganze keine drei Minuten gedauert. Fritz hatte sich
schräg gesetzt, um die Abfahrt zu beobachten. Zillichs Gesicht hatte
ihn erschreckt, und der Blick, den die beiden Männer getauscht hatten.
Ihm wurde kühl. In seinem jungen Herzen regte sich etwas, eine Warnung
oder ein Zweifel, etwas, von dem die einen behaupten, es sei dem Menschen
angeboren, und die anderen wieder behaupten, es sei ihnen nicht angeboren,
sondern entstünde nur nach und nach, und wieder andere behaupten,
so etwas gäbe es überhaupt nicht. Aber es regte sich in dem Jungen
und zitterte weiter, solange er das Motorrad knattern hörte.“
[Anna
Seghers, Das siebte Kreuz. S. 240 f. [352 f.] |
©
H. Kerber 1998 / 2004 / 2006
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