Das
Grundanliegen des Romans von Anna Seghers ist die Darstellung und Erklärung
des Epochenphänomens Faschismus, seiner Ursachen, Strukturen sowie
der Möglichkeiten seiner Überwindung. Im Roman finden sowohl
die ideologische als auch die ökonomische und die politische Ebene
der Nazi - Herrschaft Berücksichtigung. Jedoch liefert Anna Seghers
keine Faschismusanalyse im Sinne einer exakten Untersuchung von Wesen,
Erscheinungsformen und Überwindungsmöglichkeiten des Faschismus.
Sie stellt vielmehr dar, wie das Wesen der Menschen und die zwischenmenschlichen
Beziehungen durch den Nationalsozialismus verändert werden. Sie zeigt
auf, wie stark die Macht der Herrschenden ist und wie sich Menschen mit
dem Faschismus auseinander setzen, sich einzurichten versuchen oder ihm
im Kleinen widersprechen.
Der Faschismus ist für
Anna Seghers eine politische Herrschaftsform, die unter bestimm-ten gesellschaftlichen
Verhältnissen immer wiederkehren kann und die in der historischen
Gesamtentwicklung eine bestimmte, wenngleich vorläufige Rolle spielt.
Er wäre vermeidbar gewesen, wenn die Arbeiterklasse eine Volksfront
gebildet und rechtzeitig gehandelt hätte.
Den Schwerpunkt der Beschreibung
von Wesen und Funktion des Faschismus legt Anna Seghers auf die Herrschaftsmethoden
des Faschismus, also besonders des Ter-rors, der eine Verschärfung
der Unterdrückung des Volkes bedeutet. So erscheint der Fa-schismus
als potenzierter Kapitalismus, d.h. als Verschärfung eines schon vorher
beste-henden Zustandes: „Schon die Großväter, hatte man stolz
den Kindern erzählt, waren ein-gesperrt worden, weil sie streikten
und demonstrierten. Freilich: ausgerottet, ermordet war man damals nicht
worden.“ (99 [144])
Als Voraussetzungen für
den Faschismus sind für Anna Seghers ökonomische, soziale, politische,
ideologische und sozial - psychologische Gründe entscheidend, wobei
aber keine Prioritäten gesetzt werden, sondern die verschiedenen Faktoren,
gleichgewichtig und mit-einander verbunden, nebeneinander stehen:
Wirtschaftliche Bedingungen,
die Rolle des Kapitals, die Krisentheorie oder die Ge-setzmäßigkeiten
des Kapitalismus werden nicht in abstrakte Formen einbezogen, sondern nur
insofern, als die Weltwirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und Inflation
das Leben der Menschen beeinflussen. Einer dieser von der Wirtschaftskrise
Betroffenen ist der Scharführer Zillich, und an seinem Beispiel führt
Anna Seghers aus, wie jemand zu einem Nationalsozialisten werden kann (238
[349]).
Die
Frage nach der Massenbasis des Faschismus wird nicht gestellt. Nur von
den einzel-nen Personen, die als Anhänger der Nazis dargestellt werden,
kann man auf die gesell-schaftlichen Gruppen schließen, die vom Faschismus
angesprochen werden. Vor allem ge-hören dazu die Militärs, die
durch den verlorenen Krieg frustriert waren, die sozial deklas-sierten
Bauern, die Kleinbürger, Arbeitslose, die durch die Wirtschaftskrise
ihre Existenz verloren hatten, Intellektuelle und vor allem die Jugend,
die sich von der Propaganda begeistern ließ.
Ein besonderes Augenmerk
gilt deshalb auch der Erziehung der Jugend in der HJ. An Fritz
Helwig, dem jüngsten der Alwin-Brüder und Heini
Heisler wird diese eindrücklich demonstriert:
All
diese Burschen und Mädels da draußen, wenn sie einmal die Hitlerjugend
durchlaufen hatten und den Arbeitsdienst und das Heer, glichen den Kindern
der Sage, die von Tieren aufgezogen werden, bis sie die eigene Mutter zerreißen.“
(116 [170]).
An der Familie Röder
wird aufgezeigt, wie die Nazis versuchen, die Menschen über öko-nomische
Anreize zu gewinnen. Darlehen für junge Familien, kostenlose Eintrittskarten
für Fußballspiele etc. bereiten den Boden für die Akzeptanz
der Nazi-Ideologie.
Die Menschen, die den Faschismus
bewusst oder unbewusst unterstützen, werden als sensationslüstern,
verdummt, gleichgültig und angepasst dargestellt, z.B. als „schwarze
Menge, die den Häuserblock umzäunte“ (76 [111]), während
Belloni abstürzte. Auch bei der Reaktion der Bevölkerung auf
die Einrichtung des KZ Westhofen wird deutlich, dass die meisten sich anpassen
und versuchen, ihren Nutzen daraus zu ziehen:
„Da
man nichts gegen das Leger tun konnte, waren allerlei Aufträge auf
Gemüse und Gurken gekommen und allerlei nützlicher Verkehr [...].“
(61 [90])
Breite Schichten der Bevölkerung
sind so zwangsläufig angepasst: Wer gegen den Grund-satz der Konformität
verstößt, gerät in die Mühlen eines unerbittlichen
Unterdrückungsap-parates, der sich - nachvollziehbar etwa an dem Kommissar,
der Mettenheimer verhört, oder an den Gestapo-Schergen Overkamp
und Fischer - raffinierter Methoden
der Aus-forschung ebenso selbstverständlich bedient wie der unbarmherzigen
Vernichtung von Menschen (vgl. Wallaus Verhör und Ermordung durch
Zillich).
Im Mittelpunkt der Gestaltung
aber steht die faschistische Ordnung als umfassendes System subtiler bis
brachialer Unterdrückungsmechanismen. Die scheinbare Allgegen-wart
der nationalsozialistischen Helfer erfasst Anna Seghers in der Metapher
vom „Fang-netz“ (152 [223]) und von den „lebenden Fallen“ (149 [219]),
die das Gelingen der Flucht so gut wie unmöglich erscheinen lassen.
Als Machtinstrumente der
Herrschenden werden Justiz, Bürokratie und Polizei dar-gestellt, die
durch Verhöre, Verhaftungen, Folterungen, Terror und Mord das Volk
unter-drücken. Dabei spielen außer dem KZ die Gestapo, die SS
und SA eine wesentliche Rolle. Der Machtkampf zwischen den verschiedenen
Führern des KZ und die perfektionistische Bürokratisierung des
Terrors werden von Anna Seghers mehrfach geschildert, am deut-lichsten
bei der Ablösung des Lagerkommandanten Fahrenberg durch seinen Nachfolger:
„Diese
fanden [...], Fahrenberg müsse so schnell wie möglich abgesetzt
werden. [...] Die so urteilten, wollten nicht, dass die Hölle aufhöre
und die Gerechtigkeit beginne, sondern sie wollten, dass auch in der Hölle
Ordnung sei.“ (243 [356])
Diese Methoden werden vor
allem in den relativ ausführlich und mit psychologischem Einfühlungsvermögen
dargestellten Verhörszenen deutlich:
Das Verhör des Malermeisters
Mettenheimer
(63 [92] - 67 [98])
Das Verhör des Heinrich
Kübler, Ellis Freund (102 [149], 104 [152])
Das Verhör von Füllgrabe,
des Flüchtlings, der sich selbst gestellt hat (186 [247])
Das Verhör von Elli,
Georg Heislers erster Frau (224 [329])
Das Verhör Ernst
Wallaus durch Overkamp (128 ff. [188], 241 ff. 354])
Der Frage, was das für
Menschen sind, die dieses System freiwillig aktiv unterstützen, geht
Anna Seghers intensiv in der Darstellung des Lagerkommandanten Fahrenberg
und sei-nes Scharführers Zillich nach. Dabei wird deutlich, dass es
ein Zusammenspiel von
• sozialen,
• ökonomischen und
• psychologischen Faktoren
ist, das diese in die Hände
der Nazi getrieben hat (150). Auch sie wurden nicht als Faschis-ten geboren,
sondern müssen sich auf eigene Weise und stets aufs Neue in ihre Rolle
im System der Gewalt einfinden. Es gibt Täter, denen diese Rolle zur
persönlichen unverzicht-baren Identitätskrücke geworden
ist, weil sie sozialgeschichtlich verursachte und biogra-fisch erfahrene
Beschädigungen nicht mehr anders zu kompensieren vermögen. So
stellt auch für die Funktionäre der faschistischen Macht die
Flucht der Sieben und vor allem die Flucht Heislers ein „unerhörtes
Ereignis“ dar. Die im Anschluss daran gezeigten nackten Brutalitäten
werden nicht verharmlost, aber Anna Seghers will dem das Begreifen dessen
hinzufügen, wie Menschen sich zu solchen Taten bereitfinden können
und welche Binnen-strukturen sich in den Tätergemeinschaften entwickeln.
Aus diesem analytischen Interesse heraus wird eine Typologie nationalsozialistischer
Täter entworfen. Diese umfasst den Personenkreis der ausführenden
Organe des Terrors; die Ebene der obersten Befehlsha-ber wird nicht berührt.
Die Exekutoren
der faschistischen Gewalt teilen sich in drei Tätertypen
mit je ver-schiedenem moralisch-psychologischem Profil:
• die faschistischen
Kämpfer
• die Karrieristen der
etablierten Herrschaft
• die Technokraten der
Macht.
Fahrenberg
entstammt einer Handwerkerfamilie. Ein gescheitertes Jurastudium verletzt
seine Aufsteigermentalität empfindlich. Als ehemaliger wilheminischer
Offizier, der über den ausgehandelten Friedensvertrag enttäuscht
ist, organisiert er sich in der faschistischen Bewegung, weil sie ihm Anteil
an der Ausübung der Macht verspricht. Die Position des La-gerkommandanten
bietet ihm später die Möglichkeit, seine Allmachtsfantasien auszuleben.
Aber nicht nur diese negativen
Aspekte seiner Persönlichkeit werden von Anna Seghers gezeichnet,
Vielmehr vermittelt sie zudem Einsichten in die Innenwelt dieser Figur,
die auch als anfälliges, leidendes Wesen charakterisiert wird. Damit
verdeutlicht sie zugleich, an welchen Stellen dieses scheinbar unverletzliche
und übermächtige System dennoch verwundbar ist.
Zillich
ist ein ehemaliger Bauer, der immer Mühe hatte, seine Familie durchzubringen.
Wie Fahrenberg ist er ein vom verlorenen Krieg frustrierter Militär,
der nach Kriegsende nur widerwillig zur Arbeit auf seinen Hof zurückkehrt.
Nachdem er im Zuge der wirtschaftlichen Krise seinen Hof verloren hat,
sucht er sein Leid in Wut und Hass zu kompensieren. Als „nationaler Mann,
der gegen das „Gesindel (...) gegen das System (...) gegen die Juden“ ist,
findet er in der SA eine neue Heimat. So wird das Verhalten dieses KZ-Schergen
vor allem tiefenpsychologisch begründet (239 f. [351]). Seinem alten
Leutnant Fahrenberg schließt er sich an, weil dieser der erste Mensch
ist, der ihm vertraut (22 [32 f.]). Zillich erweist Fahrenberg seinen Dank,
indem er für ihn zum gnadenlosen Mörder auf Abruf wird, als es
darum geht, Ernst Wallau zu erschlagen.
In der Gestaltung beider
Figuren umreißt Anna Seghers die Biografie zweier Charaktere, die
in ihrer Typik für solche Teile des Mittelstandes und des Kleinbauerntums
stehen, die eine Affinität zum Faschismus entwickeln.
Befasst
man sich mit den
sozialpsychologischen Erklärungsversuchen,
so bestätigt sich die Einschätzung von Fahrenberg und Zillich
als typische Repräsentanten des Fa-schismus. Denn in diesen Untersuchungen
werden die zur damaligen Zeit alles überschat-tende Existenz- und
allgemeine Lebensangst, neurotisches Prestigedenken sowie die im 1. Weltkrieg
hervorgerufene Bereitschaft zu inhumanem Handeln und schließlich
im Versailler Vertrag erlebte Erniedrigung und Schmach als psychologische
Wurzeln für kollektive Rachegelüste, den Hang nach kultisch geprägten
Rauscherlebnissen und Irrationalität sowie die Enthemmung urtümlicher
Triebe in einer sich als Massenwahn gebärdenden Bewegung genannt.
Auch die Widersprüchlichkeit
der nationalsozialistischen Ideologie wird ansatzweise deutlich, wenn Anna
Seghers z.B. von dem Polizeioffizier Overkamp sagt: „Unklar wurden die
Dinge erst, wenn er sich überlegte, für wen er da eigentlich
arbeitete.“ (206 [304])
Das
KZ Westhofen
wird in der Darstellung von Anna Seghers zum Inbegriff des Nazi-Systems.
In seiner Gestaltung als Ort, an dem Willkür und Gewalt herrschen
und der dä-monische Züge (Hölle“) trägt, erweist sich
das KZ als Interim zwischen Diesseits und Jen-seits. Täter wie Opfer
führen ein der normalen, ursprünglichen Existenz enthobenes Da-sein,
das von Hektik und brutaler Betriebsamkeit auf der einen und von Ohnmacht
sowie Todesangst auf der anderen Seite geprägt ist. |