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Fachbereich Deutsch
Prosa

Anna Seghers
Das siebte Kreuz

Anna Seghers:Das siebte Kreuz
 Rahmen und Binnenhandlung des Romans
Das wichtigste Strukturelement des Siebten Kreuzes ist die Fluchtgeschichte der sieben Häftlinge. Dadurch wird eine Fabel konstruiert, die den Leser beständig in Spannung hält, und eine erzählerische Logik entsteht, in der die wichtigsten Vorentscheidungen über die faschistisch formierte Gesellschaft schon eingeschlossen sind.
Der Konflikt, der jeder Fluchtgeschichte zugrunde liegt, ist im Siebten Kreuz auf das Äußerste zugespitzt. Sieben KZ-Häftlinge stellen die eindeutig gegen sie entschiedene Machtfrage neu. Mit ihrer Flucht unterlaufen sie ihre Ohnmacht und nehmen eine äußerste Bewährungsprobe ihrer physischen und psychischen Kräfte auf sich. 
Anna Seghers wendet im Siebten Kreuz ein populäres Erzählmuster an. Die Autorin hat das selbst ausgesprochen und dabei auf einen Roman der Weltliteratur hingewiesen, der ihr bei der Abfassung des Siebten Kreuzes vor Augen schwebte, nämlich Allessandro Manzonis Die Verlobten:
„Es wird nämlich in diesem Roman an einem Ereignis die ganze Struktur des Volkes aufgerollt, und da hab ich mir gedacht, diese Flucht ist das Ereignis, an dem ich die Struktur des Volkes aufrollen kann.“
Zitiert nach Steinbach, 1981. In: Wilhelm Girnus: Gespräch mit Anna Seghers. In: Anna Seghers: Glauben an Irdisches. Essays aus vier Jahrzehnten. Leipzig 1974. S. 366-368. Aufbau Verlag, Berlin und Weimar 1980
 

Die Fabel der Flucht legt einen Weg frei durch die sozialen Verflechtungen einer Gesellschaft, die der Faschismus teils vorgefunden hat und benützt, teils aber auch selber erst eingerichtet hat, und sie gibt auch die Sichtweise vor, durch die diese Gesellschaft betrachtet wird.
Anders als viele andere Fluchtgeschichten legt diejenige des Siebten Kreuzes den Leser nicht auf ein gutes Ende fest. Der Ausgang der Flucht - von den sieben geflohenen Häftlingen entkommt nur einer - ist das Erste, worüber er unterrichtet wird.
Das erste Kapitel beginnt mit einem knapp formulierten Bericht, der aus der zeitlichen Retrospektive die Bedeutung der Ereignisse für die Opfer des Nationalsozialismus erläutert:

 „Ein kleiner Triumph, gewiss, gemessen an unserer Ohnmacht, an unseren Sträflingskleidern. Und doch ein Triumph, der uns die eigene Kraft plötzlich fühlen ließ nach wer weiß wie langer Zeit [...].“ (9 f.)
Das Gegenstück zu dieser Eingangspassage bildet der Schluss des letzten Kapitels, das das glückliche Entkommen eines Einzelnen wieder auf die vielen zurückbezieht, die weiter dem Terror des KZs unterliegen:
„Wir ahnten, was für Nächte uns jetzt bevorstanden. Die nasse Herbstkälte drang durch die Decken, durch unsere Hemden, durch die Haut. Wir fühlten alle, wie tief und furchtbar die äußeren Mächte in den Menschen hineingreifen können, bis in sein Innerstes, aber wir fühlten auch, dass es im Innersten etwas gab, was unangreifbar war und unverletzbar.“ (425)
So bilden Anfang und Schluss des Romans den epischen Rahmen, der die selbstständigen Episoden ordnet und die einzelnen Geschichten auf den Anlass des Romans zurückbezieht. Das Siebte Kreuz umfasst ja in der Tat eine Vielzahl von novellistischen Einzelhandlungen, die für sich erzählt bzw. zu selbstständigen Handlungen ausgebaut werden könnten. Den strukturellen Rahmen dieser Handlungen und Geschehnisse bildet außer diesem Rahmen auch der Rhythmus der Fluchtgeschichte: Vom Ausbruch der Sieben bis zu Heislers Entkommen vergehen sieben Tage. Jedem dieser Tage ist ein Kapitel gewidmet. Die Ereignisse eines jeden Tages weisen unverkennbare Parallelen auf.
Am ersten Tag werden zwei Flüchtlinge - Beutler und Pelzer - gefasst, an den folgenden vier Tagen wieder jeweils ein Geflohener gestellt: am zweiten Fluchttag Belloni, am dritten Wallau, am vierten gibt Füllgrabe auf. Bis dahin bestätigt sich jeden Tag die Unausweichlichkeit von Auflehnung gegen die Gewalt und erneuter Unterwerfung unter sie. Am fünften Tag kommt Aldingers Flucht zum Ende, aber dieses Ende enthält keinen Sieg der Verfolger mehr: Aldinger stirbt, sein Heimatdorf vor Augen. Mit seiner Flucht hat der alte Mann dem Machtapparat wenigstens seinen eigenen Tod abgetrotzt, und dieser Tod ist wie eine Heimkehr geschildert. Mit ihm ist die Erfolgsserie der Verfolger gebrochen.
Nur die Flucht Georg Heislers wird lückenlos verfolgt. In ihrem räumlichen Voranschreiten wiederholt auch diese Flucht zunächst nur den Kreis von Erfolg und Misserfolg, dem die anderen Flüchtlinge erliegen: 
von Westhofen nach Mainz, 
am nächsten Tag am linken Ufer des Rheins flussabwärts und 
schließlich über den Fluss und nach Frankfurt. [s. Fluchtweg]
Dieser Kreis besteht darin, dass jede erfolgreich bewältigte Etappe der Flucht Spuren hinterlässt und Zeugen schafft, die Verfolger wieder heranführt und damit die Ausgangssituation erneuert. An jedem dieser ersten Fluchttage trifft Heisler auf Menschen, die wissen oder ahnen, was es mit ihm auf sich hat, und an jedem Tag widerfährt ihm beides: Einige unterstützen ihn durch Schweigen und bewusstes Verwischen der Spur, andere denunzieren ihn. So umfasst das Geschehen der ersten drei Tage jeweils eine spektakuläre Verfolgungsjagd, bei der Georg nur um Haaresbreite entkommt.
Mit der nächtlichen Jagd in Frankfurt endet die Phase der direkten Konfrontation zwischen Gejagtem und Jägern. Sie wird abgelöst durch eine komplexere Situation: 
Paul Röder, der Georg versteckt, sucht die Verbindung zu Mitgliedern der verbotenen Kommunistischen Partei. Die letzten Überreste der KP-Organisation versuchen ihrerseits, Kontakt zu ihrem bedrohten Genossen aufzunehmen und treten mit diesem Versuch an die Stelle von Franz Marnet, der beständig im Hintergrund - aber ohne Erfolg - versucht, den alten Freund aufzuspüren. In dieser zweiten Phase der Fluchtgeschichte geht die Initiative von Heisler auf Paul Röder und die anderen, ihm verborgenen Fluchthelfer über. Damit ist Heisler den Verfolgern nur noch indirekt ausgesetzt. Zugleich aber exponiert sich eine ganze Gruppe weiterer Personen. Wenn jetzt auch die Spuren stärker verdeckt sind, so werden sie doch immer mehr. Die Vorladung Paul Röders zur Gestapo - gerade hat Heisler beim Chemiker Dr. Kreß Unterschlupf gefunden - zeigt, wie nah die Verfolger dem Flüchtling sind: Ob die konspirative Helfergemeinde Erfolg hat, hängt völlig davon ab, ob Röder im Gestapo-Verhör zusammenbricht: Er bricht, wie der Leser vom Rahmen her weiß, nicht zusammen, und Georg ist gerettet. [s. "Der Weg der Flucht"]
© H. Kerber 1998 / 2004 / 2006
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