| Mit Hilfe der Auswahl und
der Ausgestaltung der Romanfiguren will Anna Seghers „die Struktur des
Volkes aufrollen“, d.h. das Figurenensemble soll die Repräsentanz
der sozialen Klassen und Schichten sowie die ideologischen Strömungen
des faschistischen Deutschland gewährleisten. So vertritt es die gesamte
Bandbreite des ideologischen Bewusstseins und akzentuiert die sozialen,
ökonomischen, politischen und geistigen Hauptströmungen. Die
einzelnen Positionen werden ihren Hauptvertretern jedoch nicht statisch
zugewiesen, sondern in ihrer jeweiligen Herausbildung und Entwicklung -
meist retrospektivisch - gezeigt.
Antifaschisten
Der antifaschistische Teil
der Arbeiterklasse wird von Georg Heisler
und Ernst Wallau (im weiteren von Franz
und Hermann) repräsentiert.
Georg
Heisler entstammt einem proletarischen Elternhaus, von Beruf
ist er Mechaniker. Aufgrund illegaler Tätigkeit in der kommunistischen
Partei wird er im KZ inhaftiert. Die Informationen über seine Mitgliedschaft,
illegale Tätigkeit und Gefangennahme wiesen ihn - ebenso wie Wallau
- bereits als Antifaschisten aus; Standfestigkeit in den Verhören
und Zähigkeit auf der Flucht verdeutlichen diese Gesinnung für
den Leser. Gerade an seiner Familie wird aber auch deutlich, wie der politische
und ideologische Riss mitten durch die Familien geht, wie der Nationalsozialismus
Familien zerreißt: Sein jüngster Bruder, sein Lieblingsbruder,
der ihn „wie eine Klette“ zu Demonstrationen und Versammlungen - auf seinen
Schultern - begleitet hat, ist nun unter seinen eigenen Verfolgern.
Ernst
Wallau ist ebenfalls revolutionärer Arbeiter und aktiver
Antifaschist. Hervorgehoben ist seine klassenkämpferische Erfahrung
in den 20er Jahren, die seinen Widerstand gegen das NS-Regime geradezu
selbstverständlich werden lässt. Gerade im Umgang mit ihm wird
die ganze Brutalität des NS-Apparates gegenüber politischen Feinden
demonstriert, gleichzeitig aber auch die Ohnmacht der NS-Schergen deutlich.
Weil keinerlei Maßnahmen ihn brechen können, muss er am Ende
bestialisch wie ein Vieh von Zillich (im Auftrag von Fahrenberg) erschlagen
werden.
Franz
und Hermann üben Funktionen im
organisierten Widerstand aus. In der weiteren Darstellung von Arbeitern
- etwa im Betrieb von Hermann und Franz - wird deren kritische Gesinnung
herausgestellt. Faschistisch beeinflusste Arbeiter erscheinen eher als
Außenseiter (z.B. Messers, Reiners).
Füllgrabe gehört
als Ladenbesitzer zum Kleinbürgertum. Sein politischer Standort ist
damit beschrieben, dass er die Kommunisten auch während der Illegalität
materiell und politisch unterstützt, was schließlich zu seiner
Verhaftung führt. Er ist Antifaschist, unterscheidet sich jedoch von
Georg und Wallau dadurch, dass seine Kampfbereitschaft und Zähigkeit
begrenzt sind. Er stellt sich während der Flucht der Gestapo - ein
Verhalten, das möglicherweise durch seine Klassenlage erklärt
werden soll.
Paul
Röder als politisch indifferenter Arbeiter und Fritz
Hellwig als Vertreter der faschistisch beeinflussten Arbeiterjugend
entwickeln aufgrund von persönlicher Konfrontation mit dem Schicksal
Georg Heislers eine vor allem moralisch begründete regimekritische
Einstellung, die sich in der Unterstützung von Georgs Flucht äußert
und bei beiden eine Weiterentwicklung ihres Bewusstseins einleitet.
Ernst,
der Schäfer, arbeitet und lebt in einem Quasi gesellschaftsfreien,
vom Faschismus unberührten Raum. Dieser Situation entspricht seine
politisch indifferente Einstellung, eine Uninteressiertheit und Gleichgültigkeit,
die er vor allem in seiner spöttisch - hochmütigen Haltung seiner
Umwelt gegenüber zum Ausdruck bringt. Er ist ein „Teil der Landschaft“,
die bleibt, auch wenn der Faschismus schon lange überwunden sein wird.
Repräsentanten der
faschistischen Staatsmacht
Zillich
ist ehemaliger Bauer, den die drohende soziale Deklassierung in die faschistische
Bewegung getrieben hat.
Fahrenberg
entzieht sich mit seinem Engagement für den Nationalsozialismus der
Eintönigkeit eines kleinbürgerlichen Elternhauses. Sein geradezu
unbegrenzter Machthunger findet in Zillich ein williges Werkzeug.
Die Figuren des Romans repräsentieren
die unterschiedlichen ideologischen Strömungen:
• die antifaschistische,
ohne sie in kommunistische, sozialdemokratische oder bürgerlich-humanistische
zu dividieren (Intention: Volksfront)
• die politisch indifferent
abwartende
• und die faschistische.
Von den sozialen Klassen
und Schichten lassen sich u. a. die folgenden auflisten:
• Arbeiter in Industrie
und Kleinbetrieb
• Handwerker
• Kleinbauern
• Kleinbürger
• Intellektuelle
An der Handlung nicht beteiligt
sind die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entscheidungsinstanzen.
Anna Seghers verfällt
aber, trotz eigener Parteizugehörigkeit, nicht in Schwarzweißmalerei
(„gute“ Antifaschisten und „schlechte“ Nazis), sondern erarbeitet stark
differenzierte, wenngleich gesellschaftlich determinierte Personenprofile. |