Anna Seghers:Das
siebte Kreuz
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Personenprofil Zillichs
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| Durch die Zillich-Figur
wird die Psychologie des faschistischen Gewalttäters um eine sozialpsychologische
Komponente ergänzt. Diese wird am deutlichsten in einer Passage, in
der Zillich, das Scheitern seiner SA-Existenz vor Augen, sich in die Gastwirtschaft
des nächstliegenden Dorfes begibt. Seine innere Reaktion auf die sinnliche
Konfrontation mit seiner eigenen ländlichen Herkunft zeigt sein eigenes
Psychogramm: |
„Ich
- ich soll nochmal mit den Kühen rumbumbeln, dachte Zillich. Bei dem
bloßen Anblick der Dorfgasse, die ihn an seine eigene erinnerte,
füllte sich sein Inneres mit dumpfer Angst. [...] Er kannte diese
Angst von klein auf. Sie hatte ihn schon zu den furchtbarsten, scheinbar
verwegensten Dingen angestiftet. Sie war die allergewöhnlichste Menschenangst,
wie tierisch sie sich gebärden möchte. Sein angeborener Verstand,
seine Riesenkräfte waren von klein auf eingezwängt, unberaten,
unerlöst, unverwendbar.
Er
hatte im Krieg das eine gefunden, was ihn erleichterte. Er wurde nicht
wild beim Anblick des Blutes, wie man es den Mördern nachsagt. Das
wäre noch eine Art Rausch gewesen, noch heilbar, vielleicht durch
andere Räusche. Der Anblick des Blutes beruhigte ihn. Er wurde so
ruhig, als strömte sein eigenes Blut aus der tödlichen Wunde,
wie ein eigener Aderlass. Er sah hin, wurde ruhig und ging weg, und er
schlief dann auch ruhig.“
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Das Psychogramm führt
einen gescheiterten Kleinbauern vor, dem alle soziale Bedrängnis in
eine abstrakte Angst zusammenläuft; deren Gründe sind ihm unzugänglich,
so dass er diese Angst mit Gewalttätigkeit abwehrt. Zillichs Gewaltbereitschaft
wird mithin als eine psychologische Reaktion auf soziale Bedrängnis
und Perspektivelosigkeit aufgefasst. Diese psychologische Reaktion der
Gewalttätigkeit schaltet die äußeren und inneren Zwänge
keineswegs aus, sondern reproduziert sie und vernichtet am Ende den Gewalttäter
selbst. Damit wird der faschistische Terror als einer gedeutet, der nicht
nur seine Opfer vernichtet, sondern auch seine eigenen Täter. Es ergeht
damit kein moralischer Freispruch, wohl aber wird der Vorwurf, der die
Täter auf der untersten Ebene trifft, weitergereicht an die sozialen
und politischen Verhältnisse, die sie „eingezwängt, unberaten,
unerlöst“ ließen. Die Charakterisierung von Zillich als „unberaten“
gibt nicht an, welcher Ratgeber ihn worüber hätte beraten können;
sie deutet aber darauf hin, dass der Übergang vom sozialen Elend zur
faschistischen Praxis keineswegs unabdingbar ist. Zudem bringt das Anführen
der intellektuellen und physischen Potenzen Zillichs, die durch die faschistische
Wendung „unbrauchbar“ werden, den Gedanken ins Spiel, dass in der Entwicklung
zum Faschisten eine menschliche Potenz pervertiert wird, die auch zu anderen,
konstruktiven Äußerungen fähig wäre (s. die Schilderung
Bunsens als eines gefallenen Erzengels).
Der Figurenreichtum des
Romans bringt es mit sich, dass auch andere Figuren von dem moralischen
und psychologischen Zuschnitt Zillichs im Umkreis des Lagers und in Aldingers
Heimatdorf, also vorwiegend im ländlichen Milieu, vorgeführt
werden. Sie sind allerdings nicht so eindringlich durchleuchtet wie Zillich.
In den Dörfern rekrutieren sich die militanten Nazis aus den materiell
Gescheiterten und moralisch Beschädigten, die es vor dem Faschismus
schon gegeben hat, die aber nunmehr den Ton angeben. Sie ergreifen die
Chance, mit der Bereitschaft zu persönlicher Gewaltanwendung und zur
Bespitzelung ihrer Mitmenschen ein wenig Teilhabe an der allgemeinen Gewalt
zu gewinnen. Auf dem Lande werden sie zuweilen zu lokal bedeutenden Figuren,
die die Gelegenheit erhalten, private Rechnungen zu begleichen. Auch bei
der Zeichnung dieser Figuren legt der Roman Wert darauf zu zeigen, dass
die kleinen Faschisten über das Elend, das sie zum Nationalsozialismus
gebracht hat, nirgendwo wirklich hinauskommen (der Bauer Binder, der Georg
verrät; Bürgermeister Wurz und seine Söhne, die den Bauer
Aldinger ins KZ gebracht haben), sondern nur die physische oder materielle
Misere durch die moralische ablösen und z.T. noch ergänzen.
[Bearbeitet auf der Grundlage von : Bernhard Spies, Grundlagen und Gedanken, Erzählende Literatur, Das siebte Kreuz, Diesterweg 1993]
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©
H. Kerber 1998 / 2004 / 2006
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