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Victor Klemperer untersucht in
seinen „Notizen“ die Sprache des Dritten Reichs. Das heißt, er untersucht
die Mittel der politischen Sprachlenkung durch die nationalsozialistische
Führung.
Hierunter darf man nicht allein den Sonderfall der direkten Sprachregelungen
verstehen, wie sie von Goebbels und seinem „Ministerium für Volksaufklärung
und Propaganda“ über die Reichspressekonferenz und sog. Presseparolen
verordnet wurden (siehe die folgenden
Beispiele).
1. Presseparolen des Reichspropagandaministeriums
D/N 26.6.1933
Die deutsche Presse berichtet in der letzten Zeit über die verschiedensten
Veranstaltungen, an denen Mitglieder der Reichsregierung oder führende
Persönlichkeiten der NSDAP oder nationaler Verbände teilnehmen,
in Ausdrücken, die in einer vergangenen Zeit angebracht waren, die
aber in keiner Weise in den heutigen Staat hineinpassen. Es ist durchaus
nicht angebracht, dauernd von „Spitzen der Gesellschaft“, Persönlichkeiten
der ersten Kreise usw. zu sprechen. Diese reaktionäre Art der Berichterstattung
muss im deutschen Volk den Eindruck erwecken, als ob wieder eine Klassen-
oder Kastenschichtung sich vollzöge, was sowohl objektiv wie subjektiv
unrichtig ist. Die deutsche Presse wird deshalb in ihrer Gesamtheit auf
das nachdrücklichste ersucht, künftighin ihre Berichte genau
durchzuprüfen, ob sie nicht etwa zu Beanstandungen der oben erwähnten
Art Anlass geben könnten.
Die Frage der Uniform des Arbeitsdienstes ist noch nicht entschieden.
Erörterungen darüber sind nicht erwünscht.
Bestellungen aus der [Reichs]Pressekonferenz vom 9. 9. 1937
Anweisung Nr. 1200
Der Reichspressechef der NSDAP hat in Nürnberg die Weisung ergehen
lassen, dass ab sofort in Zukunft von der SA, der SS und dem NSKK nicht
mehr als „Kerle" oder „Kerls", etwa in dem Sinne „die SA-Männer sind
ganze Kerle" gesprochen werden soll. Der Ausdruck Kerl darf in diesem Zusammenhang
nicht mehr verwandt werden.
Berlin, den 16. 3. 1939
Bestellung und vertrauliche Information
Die Verwendung des Begriffs „Großdeutsches Weltreich“
ist unerwünscht. Letzteres Wort ist für spätere vorbehalten
(1944)
Das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda
hatte gebeten, das Wort „Katastrophe“ aus dem gesamten Sprachgebrauch
auszumerzen und an Stelle des Wortes „Katastropheneinsatz“ das Wort
„Soforthilfe“ zu verwenden. Es hat nunmehr vorgeschlagen, an Stelle
des Wortes „Katastrophe“ künftig die Bezeichnung „Großnotstände“
und an Stelle von „Katastropheneinsatz“ die Bezeichnung „Luftkriegseinsatz“
zu wählen, die geeigneter erscheinen als das Wort „Soforthilfe“, das
schon anderweitig verwendet werde. Es wird daher bestimmt:
Das Wort „Katastrophe“ wird durch die Bezeichnung „Großnotstände“,
das Wort „Katastropheneinsatz“ durch „Luftkriegseinsatz“ ersetzt.
0.K.W., 16. 3. 44 - 1600/44 - AWA/W Allg. (llc).
Bekanntgegeben. Um Beachtung wird ersucht.
- 13 n 16 - Truppen-Abt. (id).
2. Anweisungen der Reichspressekonferenz zur Berichterstattung anlässlich
des Besuches Chamberlains (1938)26)
[Reichs]Pressekonferenz vom 15. September 1938
Die neuesten Zwischenfälle in der Tschechoslowakei, vor allem die
militärischen Maßnahmen, sind vierspaltig aufzumachen und ganz
scharf zu kommentieren unter dem Motto: Ein neuer 21. Mai? Der Chamberlain-Besuch
steht erst an zweiter Stelle. - Ergänzend wird mitgeteilt: Der Chamberlain-Besuch
ist eine Weltsensation und für den Führer die größte
Genugtuung, die er in seiner politischen Laufbahn erlebt hat. Die Presse
möge nicht überschwänglich werden, Chamberlain darf nicht
als Friedensengel erscheinen, und es ist nicht so, als ob nun bereits alles
geregelt wäre. Ohne die harte und intransigente Politik der letzten
Monate wäre dieser Erfolg nicht erreicht worden. Der Enderfolg ist
nicht gesichert, wenn wir diese Haltung zu früh aufgeben. Zum Ausdruck
bringen, dass Chamberlains Entschluss weitherzig ist und dem Wunsch des
Führers Rechnung trägt, von Mann zu Mann zu verhandeln. Vorschusslorbeeren
nicht angebracht. Man soll keine Zahlen von Toten nennen, da Nachprüfung
unmöglich ist. Stimmung der Tschechen ist stark gesunken. Fotos zum
Tagesthema dringend erwünscht, vor allem Elendsbilder aus dem Sudetenland,
Flüchtlingsbilder, politische Karikaturen aus Benesch. Bei geographischen
und volkstumspolitischen Karten Vorsicht wegen der Konsequenzen.
[Reichs]Pressekonferenz vom 19. September 1938
Das Londoner Kommunique soll nur klein wiedergegeben und nicht kommentiert
werden. Es ist vollkommen überflüssig, dass zahlreiche Sonderkorrespondenten
nach Godesberg (zur zweiten Zusammenkunft Hitler - Chamberlain) fahren.
Dass Chamberlain einen Regenschirm trägt und dass das Hotel hundert
Zimmer hat, kann auch der Lokalberichterstatter melden, sonst kommt außer
einem Kommunique nichts heraus. Im Vordergrund stehen ausschließlich
die Zustände im Sudetengebiet. Die Zeitungen, die bisher nur mit 7,5
– Zentimeter-Geschützen geschossen haben, sollen sich erinnern, dass
es auch 21 – Zentimeter - Geschütze gibt. Die zahlreichen DNB - Meidungen
über neue Gräuel, Mordtaten, Misshandlungen sollen in knapper
und dramatischer Form ohne Beiwerk herausgebracht werden. Es geht darum,
zu zeigen, was für eine barbarische Nation die Tschechen sind, und
dass dieser Staat unmöglich ist. Die Außenpolitik interessiert
weniger, sie gehört auf die dritte Seite. Wichtig auch das Thema:
Moskau hilft Prag, wofür es mehrere Anzeichen gibt: Störung der
sudetendeutschen Rundfunksendungen, Sowjetoffiziere in der tschechischen
Armee, Moskauer Demonstration gegen England. Unter keinen Umständen
dürfen Meldungen über Grenzzwischenfälle aus privaten Quellen
genommen werden, sie sind vorher abzustimmen. Die deutsche Presse hat im
Übrigen glänzend gearbeitet, der Führer hat sich über
die Presse außerordentlich gefreut.
Weitaus mehr Wirkung als solche beiläufige, punktuelle Art von
Sprachlenkung hat die Ausnutzung des in allen natürlichen Sprachen
gültigen Prinzips der Bedeutungsdeterminierung durch ständige
Wiederholung bestimmter Elemente im gleichen oder gleichtypischen Kontext.
Klemperer betont, dass das stärkste Propagandamittel im Dritten
Reich nicht einzelne Reden, Artikel, Flugblätter oder Plakate waren.
Vielmehr ging der Nazismus „in Fleisch und Blut der Menge über durch
die Einzelworte, die Redewendungen, die Satzformen, die er ihr in millionenfachen
Wiederholungen aufzwang und die mechanisch und unbewusst übernommen
wurden“. (Klemperer, a.a.O.,S.26) Die LTI „ändert Wortwerte und Worthäufigkeiten,
sie macht zum Allgemeingut, was früher einem einzelnen oder einer
winzigen Gruppe gehörte“. (Klemperer a.a.O.,S.27)
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