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Ernst Wiechert:
Der Totenwald
Im vorliegenden Text wird aus einer distanzierten Erzähler-Perspektive
die Figur Johannes gezeigt. Johannes
gehört zu den Zwangsarbeitern im Steinbruch des Lagers Buchenwald.
Seine Erlebnisse, seine Stück für Stück zunehmenden Informationen
über den Alltag des Lagers und seine Reflexionen darüber, geben
auch dem Leser die Möglichkeit, literarisch vermittelt etwas von dieser
Wirklichkeit nachzuerleben. Die kurze Momentaufnahme zeigt die Täter
und vor allen Dingen die Opfer.
Das zentrale Gestaltungsmittel ist die sechsmal vorliegende
Anapher „Johannes sah“. Dies zeigt einerseits die Absicht, Beispiele des
Grauens aus der Sicht eines Augenzeugen zu geben, andererseits das Bemühen
um genaue Verarbeitung und sprachliche Gestaltung des Erlebten.
Der Frage, wie hier Betroffenheit und „Parteilichkeit“ durch die Schreibweise
erzeugt wird, könnte eigens nachgegangen werden. Der vorliegende Text
verweist auf das NS-Programm „Vernichtung durch Arbeit“. Bezeichnenderweise
geht es auch hier um den zynischen „Spaß“, der mit den Häftlingen
getrieben wird.
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Totenwald
[..] Sie standen bis sechs Uhr auf ihren Plätzen und wurden dann
durch das Tor geführt, in den Wald hinein bis in die Gegend des Steinbruches,
von wo sie dann ihre Lasten einen Kilometer weit bis zur Baustelle einer
neuen Straße zu schleppen hatten. Sie wurden von Vorarbeitern beaufsichtigt,
Gefangenen wie sie, die ihnen nichts zuleide taten, aber die mit Flüchen
und Schlägen über die Schwachen herfielen, sobald ein Posten
sich sehen ließ. Das System bestand darin, dass der Vorarbeiter abends
„über den Bock ging“, sobald die Arbeitsleistung nicht erfüllt
war, und dass er sich natürlich an seine Leute hielt, um dem zu entgehen.
Das Los fiel wie immer auf die Schwachen und Kranken.
Johannes lud einen der Kalksteine auf seine Schulter und begann seinen
Weg. Die Sonne brannte erbarmungslos auf die nackte Erde, die Luft flimmerte,
und schon nach der ersten Stunde stieg die Vision dessen vor den schmerzenden
Augen auf, das hier am unerreichbarsten war: des Wassers. Es war bei Prügelstrafe
verboten, vor oder während oder nach der Arbeit einen Tropfen Wasser
zu trinken, unter dem Vorwand, das Wasser sei choleraverdächtig. Während
einer fast dreizehnstündigen erbarmungslosen Arbeitszeit, in der es
verboten war, sich aufzurichten und nur eine Minute zu eratmen, bei einer
gnadenlosen Sonne und Temperaturen bis zu 35 Grad im Schatten, empfingen
sie nichts als um die Mittagszeit einen halben Becher einer lauwarmen Brühe,
indes der Körper in jeder Minute Ströme von Schweiß verlor.
[...]
Vom ersten Tag an ist durch Johannes´ Träume bei Tag und
bei Nacht das Bild des Brunnens in seinem Garten gegangen. Seine Schultern
wurden wund von den scharfen Kanten der schweren Last. Zuerst glaubte er,
dass es eine Erleichterung sei, als man ihn zu der Gruppe stellte, die
auf rohen Holztragen die Steine trug. Aber die Last war nun viel größer,
und seine Hände hielten sie gerade immer von Pause zu Pause. Dann
zeigte man ihm, wie man mit zwei Taschentüchern sich kurze Schlingen
um die Handgelenke band, so dass das Gewicht nun nur zur Hälfte in
den Fingern lag. Dafür schnitt die Last in die Haut der Gelenke ein,
aber er ertrug es, wie er es die anderen ertragen sah, und niemand sollte
ihn schwach sehen, ehe er zusammenbrach. [...]
In diesen wenigen Tagen erfuhr er das meiste von dem, was zu wissen
war. Bald nach ihrer ersten Eingewöhnung wurden sie zum Steinbruch
heruntergeführt, um ihre Last von dort zu holen. Sie hatten nun den
doppelten Weg zurückzulegen, und die erste Hälfte führte
dazu steil bergauf, wo auf dem schlüpfrigen Kalkstein die Füße
ausglitten. Doch war nicht dies das Schwere. Das Schwere war das, was sie
auf diesem Teil des Weges sahen. Hier war gleichsam die Unterwelt, entfernt
von dem übrigen Lager, und obwohl sich dicht unter ihren Augen das
sommerliche Land ins Endlose breitete, goldene Felder und grüne Wiesen,
Waldstücke und rote Dörfer mit dem leuchtenden Helm der Kirchtürme,
so erschien ihnen dies immer wie eine Fata Morgana, unwirklich schwebend
in einer trügerischen Luft. Denn das Wirkliche, das dicht vor ihren
Augen stand, war so, dass es den Augen verbot, sich zu einer fernen Schönheit
zu wenden.
Es war nämlich so, dass man hier einen großen Teil der jüdischen
Belegschaft und unter ihr anscheinend auch die Schwächsten und Hinfälligsten
zusammengetrieben hatte, um sich ihrer am leichtesten entledigen zu können.
Hier standen die rohesten Posten, die rohesten Unterführer, die rohesten
Vorarbeiter. Hier bekam der Siebzigjährige, der nur noch wie ein Schatten
dahinwankte, dieselbe Last auf die Schultern geworfen wie der Siebzehnjährige,
und wenn er dreimal zusammenbrach, so wurde sie ihm viermal aufgelegt,
und wenn er liegen blieb, so „meuterte“ er eben, und auf Meuterei stand
die Todesstrafe.
Was im Steinbruch selbst sich abspielte, konnte Johannes nicht sehen,
aber dieses hier musste er sehen, wenn er nicht die Augen schloss, und
wenn er die Augen schloss, so hörte er es, und er hatte keine Hand
frei, um seine Ohren zuzuhalten. Zunächst sah er jedesmal, wenn sie
von der Höhe herabgestiegen kamen, einen oder zwei von ihnen am Boden
liegen, unfähig, selbst bei den größten Martern, sich wieder
zu erheben. Hier waren eben Körper, aus denen der letzte Hauch des
Lebens schon im Entweichen war. Verhungerte, denn die Juden bekamen nur
die halbe Brotportion, am Sonntag kein Essen und bei jedem geringen Anlass
einen Hungertag.
Verhungerte also, Entkräftete, Misshandelte, Schwerkranke wie
solche mit offener Tuberkulose, und vor allem Verzweifelte, die den Willen
zum Leben nicht mehr besaßen. Die den Posten um eine Kugel anflehten,
wie man um einen Trunk kalten Wassers fleht, und doch nicht bedachten,
dass eine Kugel jenen ja den Spaß beendete und zerstörte. Die
Kugel war eine Gnade, und das Wort „Gnade“ war ausgestrichen aus dem Wörterbuch
dieses Lagers wie aus dem einer „herrischen“ Weltanschauung.
Johannes sah, wie nach einer Weile die Stockschläge auf den entkräfteten
niederfuhren. Wie das Opfer sich aufbäumte, um die Qual noch einmal
zu beginnen, und wieder zusammenbrach. Und wie nach einer Weile dasselbe
von neuem geschah, bis eine Krümmung des Weges ihm den barmherzigen
Vorhang vor das Ende schob.
Johannes sah, wie einer von ihnen, taumelnd, schon voller Blut im Gesicht,
zum Scharführer gerufen wurde, um sich zu verantworten. Wie er mit
eisigem Hohn übergossen wieder zurückwankte und der Scharführer,
lächelnd, einen kopfgroßen Stein mit voller Wucht in den Rücken
des Nichtsahnenden schleuderte, so dass dieser auf seinem Gesicht liegen
blieb.
Johannes sah, während sie auf der oberen Straße ein wenig
ausruhen durften, den langen Zug der Verdammten aus der Tiefe den Hang
heraufsteigen, mit Lasten, die für die Schultern von Athleten gedacht
waren. Er sah die Gesichter, eines nach dem andern, wie sie an ihm vorüberkamen,
erloschen, ertötet, bis auf die Knochen eingedörrt. Er sah die
gekrümmten Gestalten, Skelette mit gespenstischen Armen und Beinen,
von Wunden bedeckt, gefärbt von geronnenem Blut. Und er sah den Blick
ihrer Augen.
Nicht nur die Augen eines uralten Volkes, schwer von Wissen und Leid.
Sondern die Augen von Sterbenden, abgewandt schon den Dingen dieser Welt,
aber nicht getröstet von den Hoffnungen auf eine jenseitige. Augen,
aus denen der Sinn des Lebens gewichen war und somit auch der des Todes.
Irre, verstörte Augen, die wie leere Linsen in ihren Gesichtern standen.
Die wohl die Formen dieser Erde noch spiegelten, aber nur auf eine mechanische,
automatenhafte Weise. Die nichts mehr begriffen, weil alles Begreifbare
in der Hölle der Qualen untergegangen war: der Begriff des Menschen
und auch der Begriff Gottes.
Kinder und Tiere in der letzten Todesangst mochten solche Augen haben,
wenn das Dunkel schon über ihnen zusammenschlägt und die Tafeln
aller Gesetze, auch der einfachsten, klirrend in Scherben zerbrachen.
Johannes sah, wie einer von ihnen, verkrümmt und mit weißem
Haar, geschlagen wurde. Er sah, wie der Scharführer, hinter ihm stehend,
abwartete, wie die Schläge des Vorarbeiters fielen, und den Augenblick
abpasste, in dem die Arme des Halbbewusstlosen das Gesicht frei ließen.
Dann schlug er mit einem fingerstarken Stock zu, auf die Wangen, die Ohren,
die Schläfen. Johannes sah, indes sie selbst wieder aufbrachen, wie
der Taumelnde von dem Vorarbeiter auf einen Weg gestoßen wurde, der
in den Wald hineinführte und an dem Posten standen. Dessen Betreten
also verboten war. Und eine halbe Minute später, während ihr
eigener Weg nun in das Gebüsch abzweigte, hörte er fast gleichzeitig
zwei Schüsse fallen, die dem Ganzen ein Ende machten.
Johannes sah dies alles, während das leere, eiskalte Gefühl
in seinem Innern wuchs und wuchs. Er ging unter seiner Last dahin, wortlos,
fühllos gegen die eigenen Schmerzen, den Blick vor sich hin auf den
schmalen, steinigen Weg gerichtet. Die Sonne schien wohl, und die Wolken
zogen wohl über ihnen dahin.
[...]
[Wiechert, Ernst: Der Totenwald. München
1945 (= Kurt Desch), S. 108-116].
Ernst Wiechert wurde 1887 in Kleinort
(Masuren) geboren. Nach einer zunächst in seiner Heimat wurzelnden,
tief religiösen Natur- und Menschenschilderung wie in „Wälder
und Menschen“, „Das einfache Leben“ und „Die Majorin“ gehörte er in
der Zeit des Naziregimes zu dessen unerschrockenen Kritikern.
Deshalb wurde Wiechert 1938 für mehrere Monate in das KZ
Buchenwald eingeliefert, das er schließlich als einer der wenigen
lebend verlassen durfte. Bis zur Befreiung stand er unter strenger Gestapo-Bewachung,
war er ständig vom Tode bedroht. Seine Erfahrungen und Beobachtungen
im KZ brachte er bereits 1939 heimlich unter dem Titel „Der Totenwald“
zu Papier. Die Veröffentlichung erfolgte erst 1945 im Kurt Desch-Verlag,
München.
An seinem verfallenden Geburtshaus in Kleinort (poln. Pierstawek) hängt
heute eine Gedenktafel der polnischen Behörden, die u.a. sagt: „Er
besang Masuren, war ein ehrenhafter Mensch, Antifaschist und Insasse des
KZ Buchenwald“.
In der Bundesrepublik Deutschland hat man ihn fast vergessen.
Mögliche Arbeitsaufgaben:
1. Erläutern Sie die Erzählsituation und -perspektive. Überprüfen
Sie ihre Wirkung auf den Leser!
2. Arbeiten Sie den Prozess der zunehmenden Informiertheit der Hauptfigur
über das KZ heraus! Stellen Sie dabei die inhaltlichen Aspekte stichwortartig
zusammen und zeigen Sie die Entsprechungen auf der Gestaltungsebene auf!
3. Stellen Sie vom Text her Bezüge zum NS-Programm „Vernichtung
durch Arbeit“ her.
4. Legen Sie aus eigener Sicht dar, wie der Text auf Sie wirkt, und
stellen Sie Vergleiche mit anderen Informationsmöglichkeiten an! Resümieren
Sie, ob der Text es Ihnen ermöglicht hat, einen Zugang zum damaligen
Geschehen zu bekommen!
5. Nehmen Sie Sempruns Text über die Befreiung Buchenwalds hinzu!
Vergleichen Sie die erzählten Situationen und die Erzählweise!
Äußern Sie abschließend Vermutungen, warum Buchenwald
im politischen Bewusstsein der DDR - staatlich verordnet - einen hohen
Stellenwert eingenommen hat!
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