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Fachbereich Deutsch
Sprachreflexion
Victor Klemperer
LTI:
Die Sprache des Dritten Reiches
[Nutzungshinweis]

[Ernst Wiechert]
Vernichtung durch Arbeit

Ernst Wiechert: 
Der Totenwald

Im vorliegenden Text wird aus einer distanzierten Erzähler-Perspektive die Figur Johannes gezeigt. Johannes gehört zu den Zwangsarbeitern im Steinbruch des Lagers Buchenwald. Seine Erlebnisse, seine Stück für Stück zunehmenden Informationen über den Alltag des Lagers und seine Reflexionen darüber, geben auch dem Leser die Möglichkeit, literarisch vermittelt etwas von dieser Wirklichkeit nachzuerleben. Die kurze Momentaufnahme zeigt die Täter und vor allen Dingen die Opfer. 
Das zentrale Gestaltungsmittel ist die sechsmal vorliegende Anapher „Johannes sah“. Dies zeigt einerseits die Absicht, Beispiele des Grauens aus der Sicht eines Augenzeugen zu geben, andererseits das Bemühen um genaue Verarbeitung und sprachliche Gestaltung des Erlebten. 
Der Frage, wie hier Betroffenheit und „Parteilichkeit“ durch die Schreibweise erzeugt wird, könnte eigens nachgegangen werden. Der vorliegende Text verweist auf das NS-Programm „Vernichtung durch Arbeit“. Bezeichnenderweise geht es auch hier um den zynischen „Spaß“, der mit den Häftlingen getrieben wird. 
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Totenwald
[..] Sie standen bis sechs Uhr auf ihren Plätzen und wurden dann durch das Tor geführt, in den Wald hinein bis in die Gegend des Steinbruches, von wo sie dann ihre Lasten einen Kilometer weit bis zur Baustelle einer neuen Straße zu schleppen hatten. Sie wurden von Vorarbeitern beaufsichtigt, Gefangenen wie sie, die ihnen nichts zuleide taten, aber die mit Flüchen und Schlägen über die Schwachen herfielen, sobald ein Posten sich sehen ließ. Das System bestand darin, dass der Vorarbeiter abends „über den Bock ging“, sobald die Arbeitsleistung nicht erfüllt war, und dass er sich natürlich an seine Leute hielt, um dem zu entgehen. Das Los fiel wie immer auf die Schwachen und Kranken.
Johannes lud einen der Kalksteine auf seine Schulter und begann seinen Weg. Die Sonne brannte erbarmungslos auf die nackte Erde, die Luft flimmerte, und schon nach der ersten Stunde stieg die Vision dessen vor den schmerzenden Augen auf, das hier am unerreichbarsten war: des Wassers. Es war bei Prügelstrafe verboten, vor oder während oder nach der Arbeit einen Tropfen Wasser zu trinken, unter dem Vorwand, das Wasser sei choleraverdächtig. Während einer fast dreizehnstündigen erbarmungslosen Arbeitszeit, in der es verboten war, sich aufzurichten und nur eine Minute zu eratmen, bei einer gnadenlosen Sonne und Temperaturen bis zu 35 Grad im Schatten, empfingen sie nichts als um die Mittagszeit einen halben Becher einer lauwarmen Brühe, indes der Körper in jeder Minute Ströme von Schweiß verlor. [...]
Vom ersten Tag an ist durch Johannes´ Träume bei Tag und bei Nacht das Bild des Brunnens in seinem Garten gegangen. Seine Schultern wurden wund von den scharfen Kanten der schweren Last. Zuerst glaubte er, dass es eine Erleichterung sei, als man ihn zu der Gruppe stellte, die auf rohen Holztragen die Steine trug. Aber die Last war nun viel größer, und seine Hände hielten sie gerade immer von Pause zu Pause. Dann zeigte man ihm, wie man mit zwei Taschentüchern sich kurze Schlingen um die Handgelenke band, so dass das Gewicht nun nur zur Hälfte in den Fingern lag. Dafür schnitt die Last in die Haut der Gelenke ein, aber er ertrug es, wie er es die anderen ertragen sah, und niemand sollte ihn schwach sehen, ehe er zusammenbrach. [...]
In diesen wenigen Tagen erfuhr er das meiste von dem, was zu wissen war. Bald nach ihrer ersten Eingewöhnung wurden sie zum Steinbruch heruntergeführt, um ihre Last von dort zu holen. Sie hatten nun den doppelten Weg zurückzulegen, und die erste Hälfte führte dazu steil bergauf, wo auf dem schlüpfrigen Kalkstein die Füße ausglitten. Doch war nicht dies das Schwere. Das Schwere war das, was sie auf diesem Teil des Weges sahen. Hier war gleichsam die Unterwelt, entfernt von dem übrigen Lager, und obwohl sich dicht unter ihren Augen das sommerliche Land ins Endlose breitete, goldene Felder und grüne Wiesen, Waldstücke und rote Dörfer mit dem leuchtenden Helm der Kirchtürme, so erschien ihnen dies immer wie eine Fata Morgana, unwirklich schwebend in einer trügerischen Luft. Denn das Wirkliche, das dicht vor ihren Augen stand, war so, dass es den Augen verbot, sich zu einer fernen Schönheit zu wenden.
Es war nämlich so, dass man hier einen großen Teil der jüdischen Belegschaft und unter ihr anscheinend auch die Schwächsten und Hinfälligsten zusammengetrieben hatte, um sich ihrer am leichtesten entledigen zu können. Hier standen die rohesten Posten, die rohesten Unterführer, die rohesten Vorarbeiter. Hier bekam der Siebzigjährige, der nur noch wie ein Schatten dahinwankte, dieselbe Last auf die Schultern geworfen wie der Siebzehnjährige, und wenn er dreimal zusammenbrach, so wurde sie ihm viermal aufgelegt, und wenn er liegen blieb, so „meuterte“ er eben, und auf Meuterei stand die Todesstrafe.
Was im Steinbruch selbst sich abspielte, konnte Johannes nicht sehen, aber dieses hier musste er sehen, wenn er nicht die Augen schloss, und wenn er die Augen schloss, so hörte er es, und er hatte keine Hand frei, um seine Ohren zuzuhalten. Zunächst sah er jedesmal, wenn sie von der Höhe herabgestiegen kamen, einen oder zwei von ihnen am Boden liegen, unfähig, selbst bei den größten Martern, sich wieder zu erheben. Hier waren eben Körper, aus denen der letzte Hauch des Lebens schon im Entweichen war. Verhungerte, denn die Juden bekamen nur die halbe Brotportion, am Sonntag kein Essen und bei jedem geringen Anlass einen Hungertag.
Verhungerte also, Entkräftete, Misshandelte, Schwerkranke wie solche mit offener Tuberkulose, und vor allem Verzweifelte, die den Willen zum Leben nicht mehr besaßen. Die den Posten um eine Kugel anflehten, wie man um einen Trunk kalten Wassers fleht, und doch nicht bedachten, dass eine Kugel jenen ja den Spaß beendete und zerstörte. Die Kugel war eine Gnade, und das Wort „Gnade“ war ausgestrichen aus dem Wörterbuch dieses Lagers wie aus dem einer „herrischen“ Weltanschauung.
Johannes sah, wie nach einer Weile die Stockschläge auf den entkräfteten niederfuhren. Wie das Opfer sich aufbäumte, um die Qual noch einmal zu beginnen, und wieder zusammenbrach. Und wie nach einer Weile dasselbe von neuem geschah, bis eine Krümmung des Weges ihm den barmherzigen Vorhang vor das Ende schob.
Johannes sah, wie einer von ihnen, taumelnd, schon voller Blut im Gesicht, zum Scharführer gerufen wurde, um sich zu verantworten. Wie er mit eisigem Hohn übergossen wieder zurückwankte und der Scharführer, lächelnd, einen kopfgroßen Stein mit voller Wucht in den Rücken des Nichtsahnenden schleuderte, so dass dieser auf seinem Gesicht liegen blieb.
Johannes sah, während sie auf der oberen Straße ein wenig ausruhen durften, den langen Zug der Verdammten aus der Tiefe den Hang heraufsteigen, mit Lasten, die für die Schultern von Athleten gedacht waren. Er sah die Gesichter, eines nach dem andern, wie sie an ihm vorüberkamen, erloschen, ertötet, bis auf die Knochen eingedörrt. Er sah die gekrümmten Gestalten, Skelette mit gespenstischen Armen und Beinen, von Wunden bedeckt, gefärbt von geronnenem Blut. Und er sah den Blick ihrer Augen.
Nicht nur die Augen eines uralten Volkes, schwer von Wissen und Leid. Sondern die Augen von Sterbenden, abgewandt schon den Dingen dieser Welt, aber nicht getröstet von den Hoffnungen auf eine jenseitige. Augen, aus denen der Sinn des Lebens gewichen war und somit auch der des Todes. Irre, verstörte Augen, die wie leere Linsen in ihren Gesichtern standen. Die wohl die Formen dieser Erde noch spiegelten, aber nur auf eine mechanische, automatenhafte Weise. Die nichts mehr begriffen, weil alles Begreifbare in der Hölle der Qualen untergegangen war: der Begriff des Menschen und auch der Begriff Gottes.
Kinder und Tiere in der letzten Todesangst mochten solche Augen haben, wenn das Dunkel schon über ihnen zusammenschlägt und die Tafeln aller Gesetze, auch der einfachsten, klirrend in Scherben zerbrachen.
Johannes sah, wie einer von ihnen, verkrümmt und mit weißem Haar, geschlagen wurde. Er sah, wie der Scharführer, hinter ihm stehend, abwartete, wie die Schläge des Vorarbeiters fielen, und den Augenblick abpasste, in dem die Arme des Halbbewusstlosen das Gesicht frei ließen. Dann schlug er mit einem fingerstarken Stock zu, auf die Wangen, die Ohren, die Schläfen. Johannes sah, indes sie selbst wieder aufbrachen, wie der Taumelnde von dem Vorarbeiter auf einen Weg gestoßen wurde, der in den Wald hineinführte und an dem Posten standen. Dessen Betreten also verboten war. Und eine halbe Minute später, während ihr eigener Weg nun in das Gebüsch abzweigte, hörte er fast gleichzeitig zwei Schüsse fallen, die dem Ganzen ein Ende machten.
Johannes sah dies alles, während das leere, eiskalte Gefühl in seinem Innern wuchs und wuchs. Er ging unter seiner Last dahin, wortlos, fühllos gegen die eigenen Schmerzen, den Blick vor sich hin auf den schmalen, steinigen Weg gerichtet. Die Sonne schien wohl, und die Wolken zogen wohl über ihnen dahin.
[...]
[Wiechert, Ernst: Der Totenwald. München 1945 (= Kurt Desch), S. 108-116].

Ernst Wiechert wurde 1887 in Kleinort (Masuren) geboren. Nach einer zunächst in seiner Heimat wurzelnden, tief religiösen Natur- und Menschenschilderung wie in „Wälder und Menschen“, „Das einfache Leben“ und „Die Majorin“ gehörte er in der Zeit des Naziregimes zu dessen unerschrockenen Kritikern.
Deshalb wurde Wiechert 1938 für mehrere Monate in das KZ Buchenwald eingeliefert, das er schließlich als einer der wenigen lebend verlassen durfte. Bis zur Befreiung stand er unter strenger Gestapo-Bewachung, war er ständig vom Tode bedroht. Seine Erfahrungen und Beobachtungen im KZ brachte er bereits 1939 heimlich unter dem Titel „Der Totenwald“ zu Papier. Die Veröffentlichung erfolgte erst 1945 im Kurt Desch-Verlag, München.
An seinem verfallenden Geburtshaus in Kleinort (poln. Pierstawek) hängt heute eine Gedenktafel der polnischen Behörden, die u.a. sagt: „Er besang Masuren, war ein ehrenhafter Mensch, Antifaschist und Insasse des KZ Buchenwald“.
In der Bundesrepublik Deutschland hat man ihn fast vergessen.

Mögliche Arbeitsaufgaben:
1. Erläutern Sie die Erzählsituation und -perspektive. Überprüfen Sie ihre Wirkung auf den Leser!
2. Arbeiten Sie den Prozess der zunehmenden Informiertheit der Hauptfigur über das KZ heraus! Stellen Sie dabei die inhaltlichen Aspekte stichwortartig zusammen und zeigen Sie die Entsprechungen auf der Gestaltungsebene auf!
3. Stellen Sie vom Text her Bezüge zum NS-Programm „Vernichtung durch Arbeit“ her. 
4. Legen Sie aus eigener Sicht dar, wie der Text auf Sie wirkt, und stellen Sie Vergleiche mit anderen Informationsmöglichkeiten an! Resümieren Sie, ob der Text es Ihnen ermöglicht hat, einen Zugang zum damaligen Geschehen zu bekommen!
5. Nehmen Sie Sempruns Text über die Befreiung Buchenwalds hinzu! Vergleichen Sie die erzählten Situationen und die Erzählweise! Äußern Sie abschließend Vermutungen, warum Buchenwald im politischen Bewusstsein der DDR - staatlich verordnet - einen hohen Stellenwert eingenommen hat!

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