|
Eli A. Bohnen:
Als sich das Blatt gewendet hatte.
Erinnerung eines amerikanischen Militär-Rabbiners an die Befreiung
Dachaus
Ich weiß noch, dass ich nach dem ersten Tag in Dachau an meine
Frau schrieb. Und ich weiß noch, dass ich ihr versicherte, ich hätte
nun genügend Stoff für die Alpträume eines ganzen Lebens.
Es war keine Übertreibung. Die 3. Infanteriedivision hatte, zusammen
mit meiner, der 42. Infanterie-Division, Dachau eingenommen. Es ist schwierig
zu schildern, mit welchen Gefühlen mein Mitarbeiter, Corporal Heimberg,
und ich uns im Jeep dem Konzentrationslager näherten. Das ganze Gebiet
war sofort nach Feuereinstellung abgesperrt worden, vermutlich um dessen
Verseuchung und Infektion durch kranke Lagerinsassen zu verhindern. Ein
Wachtposten verwies uns an einen verstörten Colonel, der Passierscheine
ins Lager ausgab.
„Chaplain, geben Sie an, warum Sie ins Lager wollen. Das hier eignet
sich nicht für die Öffentlichkeit, wissen Sie..“
Wenn ich später an meine Antwort zurückdachte, genierte ich
mich etwas. Ich platzte mit dem ersten heraus, was mir durch den Kopf ging,
nämlich Josephs Worten aus der Bibel: „Ich suche meine Brüder..“
So melodramatisch hatte ich nicht werden wollen. Aber nach allem, was ich
über Dachau gehört hatte, gingen meine Gefühle mit mir durch.
Beim ersten Eindruck des Lagers wünschte ich fast, der Colonel hätte
uns nicht hereingelassen. Dort, auf dem Nebengleis, standen die Güterwagen
mit ihrer grausigen Fracht. Es sah aus, als seien tausende von jüdischen
Leichen zu grotesken Haufen übereinander gestapelt. Jede der Leichen
war in etwas gekleidet, was uns bald als Standardtracht des Konzentrationslagers
geläufig werden sollte: den schmalgestreiften, pyjama-ähnlichen
Häftlingsanzug.
Nicht weit davon lagen ein paar tote SS-Wachen, die im Kampf um das
Lager gefallen waren. Noch heute habe ich die ausgemergelte Gestalt eines
Gefangenen vor Augen, wie er einem dieser Wachtposten, der todesstarr dalag,
ins Gesicht urinierte.
Wir hatten zu einer Kampfeinheit gehört. Wir hatten den Tod monatelang
fast täglich aus nächster Nähe gesehen. Dies aber war etwas
anderes. Aus einem Grunde, der sich schwer beschreiben lässt, dachte
ich im Augenblick weniger an die Opfer dieses unaufhörlichen Massenmordes,
der für die Nazis zur Routine geworden war. Ich dachte an die Henker.
Ich weiß noch, dass ich mich zu meinem Mitarbeiter wandte und sagte,
mir sei, als müsse ich mich bei unserem Hund, der neben uns herlief,
dafür entschuldigen, dass wir der menschlichen Rasse angehörten.
Und als wir weiter ins Lager hineinkamen und die mit Haut überzogenen
Skelette seiner Gefangenen und die Einrichtungen sahen, die es zu einem
Vernichtungslager machten, fühlte ich mich dem Hund immer stärker
unterlegen, denn als Mensch gehörte ich mit zur Spezies derer, die
für Dachau verantwortlich waren.
Mein Glaube an den Menschen wurde ein paar Tage später teilweise
wiederhergestellt. Ich hielt eine Andacht für unsere Einheit auf freiem
Feld, ein paar Kilometer östlich von Dachau. Während des Gottesdienstes
fielen mir drei junge Zivilisten hinter der letzten Reihe Soldaten auf,
die in den hebräischen Teil der Liturgie miteinstimmten. Jüdische
Zivilisten in Deutschland während des Krieges waren etwas so Ungewöhnliches,
dass ich stutzte.
Als ich mich ihnen vorstellte, merkte ich, dass es Teenager oder ungefähr
Zwanzigjährige waren. Sie erzählten mir, auch sie seien Gefangene
in Dachau gewesen. Bei der Befreiung des Lagers hätten sie sich einem
Gefangenentrupp angeschlossen, der durchs Land streifte, Lebensmittel und
Kleidung bei den Bauern stahl, wo immer er sie fand. Er stieß auf
keinen Widerstand. Die verängstigten Deutschen wagten keinen Widerspruch
gegen die ehemaligen Insassen des Lagers, über das so schreckliche
Gerüchte umliefen.
Etwa eine Stunde, bevor sie in unseren Feldgottesdienst gerieten, hatten
die Jungen mit ihren Gefährten einen nahe gelegenen Hof geplündert.
Die Bande von Marodeuren bestand, wie sie mir erzählten, aus Polen,
Russen, Ungarn, Tschechen und ihnen. Bei der Suche nach Beute schrie plötzlich
einer der Männer von der Scheune aus die ganze Rotte herbei. Im Halbdunkel
sahen sie einen Mann in der für die Gegend charakteristischen Bauerntracht,
der in deutlicher Todesangst in einem Verschlag hockte.
„Es ist Müller! Es ist Müller!“ brüllten die Männer
wie aus einem Mund. Und sofort begannen die ihm nächststehenden ihn
mit Faustschlägen zu traktieren und an den Haaren zu reißen.
In Dachau, wo Rohheiten an der Tagesordnung waren, hatte Müller zu
den Sadisten unter den SS-Wachmannschaften gehört. Offenbar hatte
er es genossen, über diese hilflosen, todgeweihten Gefangenen zu herrschen.
Er hatte unzählige Grausamkeiten begangen, aber für eine besondere
war er im ganzen Lager bekannt.
Einem Gefangenen, der ihm unliebsam auffiel – und es gehörte nicht
viel dazu, sein Missfallen zu erregen - ließ er ein Seil umbinden,
dessen anderes Ende an einem riesigen Amboss befestigt war. Eine Peitsche
in der Hand, befahl er dem Opfer, den Amboss über den Lagerhof zu
zerren. Natürlich war es dem verhungerten und entkräfteten Unglücklichen
unmöglich, den Amboss von der Stelle zu rücken. Dann pfiff die
Peitsche wieder und wieder durch die Luft und Schreie hallten zwischen
den Baracken. Niemand wusste zu sagen, wie viele von Müllers Opfern
unter seiner Peitsche gestorben waren.
Man brauchte nicht viel Phantasie, um sich die Szene zu vergegenwärtigen,
die einer der Jungen beschrieb. Seine Gefährten nickten zustimmend,
als er mir von den Folterungen erzählte, die Müller seinen unglücklichen
Schutzbefohlenen angetan hatte.
„Als wir Müller in der Scheune entdeckten, hatten wir alle den
gleichen Gedanken, nämlich: Jetzt hat sich das Blatt gewendet. Jetzt
waren wir obenauf und Müller in unserer Gewalt..
Es hätte mich nicht gewundert, einen Ausdruck hämischer Befriedigung
in den Gesichtern der Jungen zu sehen, als sie von der Möglichkeit
sprachen, Rache zu nehmen an diesem Aufseher, für alles, was er getan
hatte. Bald sollte ich erfahren, warum dieser Ausdruck fehlte.
„Wir hatten alle den gleichen Gedanken“, wiederholte der Junge. Sein
Jiddisch war durchsetzt mit neudeutschen Ausdrücken, die er vermutlich
von den Lagerwachen übernommen hatte. „An einem Haken in der Scheune
fanden wir ein Seil, das banden wir Müller um den Leib. Weil nichts
in der Scheune war, was dem Amboss entsprach, zerrten wir Müller ins
Freie. Er war halb verrückt vor Angst, bettelte um Gnade, Schaum stand
ihm vor dem Mund“.
Der Junge verstummte einen Augenblick und der abwesende Ausdruck in
seinen Augen sagte mir, dass er sich die grausige Szene wieder ins Gedächtnis
rief.
Einer der anderen erzählte weiter. „Wir fanden nichts, was schwer
genug war, nur einen Steinblock, der vor der Scheune lag. Wir schafften
es, das freie Ende des Seils daran zu befestigen. Dann griff sich jeder,
was als Prügel dienen konnte: Axtstiele, Viehketten und was sich sonst
eignete. Wir drei waren die einzigen Juden in der Gruppe und immer zusammengewesen.
Wie die anderen packten wir irgendwas zum Prügeln, und wie die anderen
konnten wir es nicht abwarten, Müller das heimzuzahlen, was er so
vielen von unseren Freunden angetan hatte“.
Dies alles wurde vollkommen sachlich vorgebracht und wieder staunte
ich, kein Anzeichen von Genugtuung auf den Gesichtern der Jungen zu entdecken,
keine Erregung in ihren Stimmen bei der Schilderung, wie sie es diesem
Nazi heimzuzahlen gedachten. „Die Müller am nächsten standen,
fingen an, auf ihn einzuschlagen, und die anderen drängten heran und
umringten ihn. Wir hörten sein grausiges Gebrüll. Wir drei warteten,
bis wir dran waren, auf ihn einzuschlagen. Plötzlich sahen wir uns
an, warfen wortlos unsere Prügel weg und liefen davon. Wir sind immer
weiter gerannt, bis wir die Schreie des geschundenen Mannes nicht mehr
hören konnten. Und dann sind wir hier in den Feldgottesdienst geraten,
haben die vertrauten hebräischen Worte gehört und sind geblieben“.
[Bohnen, Eli A. : Als sich das Blatt gewendet
hatte. In: Die Befreiung, Dachauer Hefte, Bd. 1, (12) 1985 (= Verlag Dachauer
Hefte)].
|