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Fachbereich Deutsch
Sprachreflexion
Victor Klemperer
LTI:
Die Sprache des Dritten Reiches
[Nutzungshinweis]

[Rezensionen]
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Klemperer Victor
Deutscher Autor und Philologe
*9.10.1881 Landsberg/Warthe
†11.2.1960 Dresden
Montesquieu, 2 Bände (1914/15)
Geschichte der französischen Literatur von Napoleon 
bis zur Gegenwart. 4 Teile (1925-31)
Pierre Corneille (1933)
Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. 
Tagebücher 1933-1945
LTI. Notizbuch eines Philologen, 1947
Die unbewältigte Sprache (1966)
Geschichte der französischen Literatur im 
18. Jahrhundert, 2 Bände (1954-66)

S. auch http://www.soziologie.uni-halle.de/unger/halle/klemperer/index.html

Victor Klemperer hat in seinem vorrangig autobiografischen Werk mit philologischem Scharfblick nicht nur die Stimme(n) der Menschen im Nationalsozialismus eingefangen, sondern auch die Stimmung(en). Klemperer, achter Sohn eines Rabbiners, studierte Philosophie und romanische und germanische Philologie, arbeitete als freier Journalist, promovierte sowie habilitierte sich 1914. 1920 wurde Klemperer Professor an der Technischen Hochschule Dresden. Er veröffentlichte Arbeiten zur französischen Literatur(-geschichte) und schrieb noch während des Zweiten Weltkrieges an der Geschichte der französischen Literatur im 18. Jahrhundert (1954-66), obwohl er 1935 aufgrund seiner jüdischen Herkunft seine Professur verlor und ihm 1938 der Zugang zu Bibliotheken verboten wurde. Klemperer, der 1912 zum Protestantismus konvertiert war, und seine evangelische Frau Eva blieben trotz der nationalsozialistischen Gefahr in Leipzig. 1940 mussten sie ins „Judenhaus" ziehen. Beim Bombenangriff auf Dresden im Februar 1945 gelang ihnen kurz vor der drohenden Deportation die Flucht nach Bayern. Nach dem Krieg erhielt Klemperer Lehrstühle u. a. in Dresden und Halle. Er wurde Mitglied der KPD. 1947 erschien L.T.I. Notizbuch eines Philologen, das er mit seinen Tagebuchnotizen vorbereitet hatte. 
Nach Klemperers Tod kam 
• 1989 seine Autobiografie Curriculum Vitae. Erinnerungen eines Philologen. 1881 bis 1918 heraus, 
• 1995 erschienen die Tagebücher Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933-1945 und 
• 1996 Und so ist alles schwankend. Tagebücher Juni bis Dezember 1945 und Leben sammeln, nicht fragen, wozu und warum. Tagebücher 1918-1932
 

LTI. Notizbuch eines Philologen 

Kurzbeschreibung
„LTI" - Lingua Tertii Imperii - nannte der Philologe Victor Klemperer (1881 -1960) sein schwierigstes Buch. Es hat den Autor über die Grenzen Europas hinaus bekannt gemacht. Nicht nur, weil es die erste profunde Kritik der "Sprache des Dritten Reiches" ist, nicht nur, weil es Klemperers glückliche Gabe, schwierige Gegenstände interessant, ja spannend darzustellen, offenbart.
Auf persönliche und dadurch sehr anschauliche Weise setzt sich Victor Klemperer in seinem Notizbuch eines Philologen mit der „Sprache des Dritten Reichs“ (LTI = Lingua Tertii Imperii) auseinander und offenbart gesellschaftliche und politische Wurzeln sprachlicher Gebilde.

Entstehung: 
Klemperer suchte nach dem „Geistigen“ im „Sprachkörper“, nach dem Ganzen im Einzelnen, wie er 1927 in der von ihm mit herausgegebenen Zeitschrift Idealistische Philologie erläuterte. LTI hat eben diese Suche zum Ausgangspunkt. Es geht zurück auf die Tagebuchaufzeichnungen, die Klemperer während der Zeit des Nationalsozialismus unter ständiger Lebensgefahr verfasst hatte. Seine „Geheimformel: LTI, LTI!“ habe ihn stets gemahnt, aufzuschreiben und festzuhalten, was er las und hörte. 
1945 als Professor an der Technischen Universität Dresden wiedereingesetzt, verband Klemperer den intellektuellen Neuanfang nach zwölf Jahren Unterdrückung mit einer genauen Analyse des Geschehenen über den Weg der Sprache. In zahlreichen Vorträgen machte er seine philologischen Untersuchungen publik und veröffentlichte sie 1947 unter dem Titel LTI. Notizbuch eines Philologen.

Inhalt: 
Die „Lingua Tertii Imperii“ ist laut Klemperer eine Sprache des Glaubens. Denn sie gründet sich auf Fanatismus. Abkürzungen (HJ, BDM etc.) tragen verschwörerische Züge – der Name LTI ist als Parodie hierauf gedacht. Das „Geistige“ im „Sprachkörper“ des Nationalsozialismus hat für Klemperer seinen Ursprung in der deutschen Romantik: Hier finde sich bereits der Grundgedanke der Grenzen- oder Maßlosigkeit und die Absage an die Vernunft. 
Inhaltlich und in ihrer Ausdrucksform ist die LTI eine arme Sprache. Sie kennt vor allem Superlative (alles ist „total“) und will Bewegung ausdrücken (es wird „entjudet“ und „aufgenordet“). Die LTI zielt auf die Mechanisierung der Wörter (Aktionen werden groß „aufgezogen“, Organisationen „gleichgeschaltet“, Menschen „laufen zu vollen Touren auf“ ) und entpersönlicht dadurch den Einzelnen. Der Mensch wird zum Automaten. 
Klemperer hat Töne des Alltags aufgezeichnet – Gespräche auf der Straße, mit Freunden, im Judenhaus – und aus ihnen die Konturen der LTI herausgearbeitet. Gleichzeitig analysiert er auch zeitgenössische Veröffentlichungen, Zeitungsartikel und Reden der Nazigrößen. Dabei demaskiert Klemperer die LTI als eine Sprache, die letztlich das Denken durch das Fühlen und dieses wiederum durch die stumpfe Willenlosigkeit zu ersetzen und damit die „Gefolgschaft“ der „Automaten“ zu verstärken sucht.
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DIE NAZISPRACHE 
ist der Gegenstand des Buches. Victor Klemperer beschreibt die Begriffe, die von den Nazis eingeführt oder in einem ganz neuen Zusammenhang gebraucht wurden als bisher.
Zur Nazisprache gehörten neben Begriffen auch Redewendungen. Hermann Göring meinte zum Beispiel einmal, er möge „Meier heißen“, wenn auch nur ein feindlicher Flieger nach Deutschland hereinkäme. Wie sich später herausstellte, kam es aber doch so. „Meier heißen“, das war der sarkastische Ausdruck, den sich die Leute später zuriefen, wenn wieder einmal Fliegeralarm war.
Klemperer vermutet, dass diese Redewendung die Zeit wohl überdauern würde und auch in einer Zeit nach den Nazis ihren Gebrauch im Alltag finden würde. Er hatte Unrecht. Mit dem Begriff „ausradieren“ lag er allerdings richtig.

Merkmale:
Als erstes nennt Klemperer die unbeschreibliche Armut dieser Sprache. Die deutsche Sprache hat von sich aus sehr viele Möglichkeiten, ein und dieselbe Sache zu beschreiben. Mit der Herrschaft der Nationalsozialisten verschwanden viele davon oder wurden nicht mehr benutzt. Alles wurde uniformiert oder wie die Nazis sagen würden „gleichgeschaltet“ – auch die Sprache.
Eine zweite Eigenschaft ist der Hang zum Superlativ. Mit der Häufigkeit des Gebrauches nutzte sich der mit der Zeit auch ab. In der gedruckten Sprache wurden weiterhin übermäßig viele Anführungszeichen, z.B. zum Lächerlichmachen politischer Gegner, bzw. Ausrufezeichen verwendet. Das ist das Übermaß der Interpunktion in der Schriftsprache.
Auch der Wortschatz veränderte sich. Es wurden sehr viele Begriffe aus dem technischen und mechanischen Bereich in die Alltagssprache eingeführt. Wenn eine Lok oder ein Wagen in der Spur läuft, dann „spurt“ er. Leider wird dieser Begriff auch heute noch von Eltern verwendet, die damit das fehlerfreie Verhalten ihrer Kinder ausdrücken wollen. Die sollen gefälligst auch „spuren“.
Neben Wörtern, die von den Nazis mit einem positiven Inhalt belegt waren, gab es auch Begriffe, die von sich aus negativ klangen. Diese negative Bedeutung haben ihnen aber erst die Nazis aufgedrückt. Beispiele sind „jüdisch“ und „System“.
Im weitesten Sinne sind auch Comicfiguren (diesen Begriff gab es damals noch nicht) ein Bestandteil der Sprache. Eine solche Figur war der so genannte Kohlenklau, eine finstere Figur, ein „Volksschädling“, der zu Propagandazwecken erfunden worden war. Klemperer widmet dem Kohlenklau einen eigenen Abschnitt in seinem Buch. Er beschreibt eine Beobachtung von einer Mutter und ihrem Sohn. Keine angedrohte Strafe durch die Mutter konnte den ungezogenen Sohn so beeindrucken wie die Drohung mit dem Kohlenklau, vor dem er panische Angst hatte.

DAS BUCH

besitzt 36 Abschnitte. […] kein Abschnitt umfasst mehr als 10 Seiten. […] Klemperer geht in jedem Abschnitt auf einen ganz bestimmten Sachverhalt ein und untersetzt das mit eigenen Erlebnissen. Ganz interessant ist übrigens die Anmerkung, dass auch er von der Nazisprache infiziert worden ist und damit nicht nur der neutrale Beobachter war. Immer wieder erwischte er sich selber dabei, den einen oder anderen Begriff zu benutzen.

[http://www.ciao.de/LTI_Notizbuch_eines_Philologen_Klemperer_Victor__Test_2370886]
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Wirkung: 
LTI ist eine Arbeit der „ersten Sunde“, wie Klemperer es ausdrückte. Um der Untersuchung ein wissenschaftliches Fundament zu geben – so sah es der Autor voraus –, würde es mehr als ein Menschenleben bedürfen. In der Tat analysiert die Forschung bis heute, ausgehend von Klemperers Studie, die Sprache im Nationalsozialismus. 
Die Wegbereitung der philologischen Forschung ist jedoch nur ein Grund für die durchweg positive Rezeption des Notizbuchs eines Philologen seit 1947. Zu einem Standardwerk der Literatur zum Nationalsozialismus macht es darüber hinaus sein Zeugnischarakter – die persönliche, lebensnahe Schilderung eigener Erfahrungen mit der LTI. B. Br. 

[Aus Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Aus: http://www.amazon.de/Lingua-Tertii-Imperii-Notizbuch-Philologen/dp/3379001252
Identisch in: Das Buch der 1000 Bücher. Ein ADAC Buch, Mannheim 2005 (Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG)]

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