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Fachbereich Deutsch
Sprachreflexion
Victor Klemperer
LTI:
Die Sprache des Dritten Reiches
[Nutzungshinweis]

[Soldatenbriefe]
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Die Feldpostbriefe (stark gekürzt) umfassen den Zeitraum von 1941 bis ins Jahr 1944 hinein. Sie stammen von unterschiedlichen Schreibern aus dem Krieg im Osten und spiegeln Ansichten und Überzeugungen wider, wie sie bei der kämpfenden Truppe vorkamen. Sie wandeln sich mit dem Verlauf der Kriegshandlungen. Die Hoffnungen auf den Endsieg und der Umgang mit den unterworfenen Völkern, vor allem den Juden, sind die Hauptthemen. Sie ist nicht geeignet, ein differenziertes Bild der Einstellungen in der deutschen Wehrmacht zu geben. Aber sie kann zeigen, was viele Landser erlebten, wie sie es verarbeiteten, was sie wussten und woran sie beteiligt waren. Es sind schreckliche, aber für die Zeit typische (gedankliche und sprachliche) Stereotypen, die hier wiedergegeben werden
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1.8.1940, Donnerstag Gefr. A. M.
Ein Jude ist seit Menschengedenken immer Unglück auf Europas Boden gewesen. Es ist geschichtlich dokumentarisch festgestellt, dass sich seit dem ersten Eindringen der Juden und seiner Religion in Europa Europas Völker bekriegen. Es ist ihnen gelungen, den Weltfrieden zu zerstören, und - heute, erst 2000 Jahre danach, entsteht die wirkliche Gegenaktion, die Europa wieder zu Europa und Deutschland wieder zum Reiche aller Deutschen germanischen Ursprungs macht. Mögen sie, nämlich die Juden, die diese als ihre Vorfahren priesen, einen anderen Erdteil mit ihrem Besuch beehren. In Europa ist es aus, Asien steht ihnen offen, denn da ist ja ihre eigentliche Heimat, da gibt’s nichts mehr zu ergaunern, bleibt also noch Afrika, Australien und Amerika: Afrika wird ihnen zu »barbarisch «, Australien zu klein sein, wäre also nur noch Amerika übrig.
Wenn sie tatsächlich den Weg dahin wählen, können wir uns, und mit uns alle Europäer glücklich preisen, sie so weit vom Halse zu haben. In Amerika dagegen wird man auch bald erkannt haben, was für ein Segen ihnen mit diesem Volk ins Land kommt. Vielleicht dauert’s abermals 2000 Jahre, vielleicht weniger, wahrscheinlich aber mehr. Auf jeden Fall können sie da drüben in Amerika Politik betreiben so viel sie wollen, den Frieden Europas werden sie nie mehr stören. Dafür wird die Idee, von einem Führer in die Welt gerufen, schon weitgehend Sorge tragen; sein Volk hat diese Idee erkannt, geht mit dieser Idee, andere schlossen - und schließen sich ihr noch an. Es ist diese Idee, die Verwirklichung des Gedankens Europas Frieden zu sichern für alle Zeiten. Dieser Gedanke kann nicht eher zur Tat werden, ehe ein England aus Europas Karte als Macht gestrichen ist, seine Kulissenmänner (die Juden) aber unschädlich gemacht sind.

27.4.1941, Sonntag Gefr. G. R.
Hier sind auch alle Juden zusammengepfercht. In den Städten hat man ihnen sogar ein Viertel zugewiesen. Da dürfen sie überhaupt nicht heraus. Die Ausgangsstraßen sind gesperrt für sie durch Drahtverhau, und ein Posten steht davor. Ich möchte kein Jude sein. Zu diesem Kapitel könnte ich Euch noch mehr schreiben.

18.6. 1941, Mittwoch Lt. P. G
Manchmal können die Juden ja einem leid tun. Hier laufen sie noch in rauen Mengen umher. Auf den Dörfern wird dieses Pack zu Schipparbeiten usw. herangezogen. Morgens muss die Bagage antreten und einstimmig im Chor den Morgenspruch aufsagen: »Wir haben keine Ahnung von Deutschlands Macht und Stärke!« Ganz ordentlich, nicht wahr? Wir werden die Bande schon zur Zucht erziehen.

30.6.1941, Montag Uffz. H. Z
Unter Warschau habe ich mir früher was ganz anderes vorgestellt. Es ist eine Stadt mit einem für östliche Begriffe schönen Regierungsviertel, alte, mächtige Bauten mit dicken Säulen, aber alles Übrige dreckig, grau und verkommen. Wir durchfahren mit Stacheldraht abgegrenzte Seuchen- und Judenviertel, deren Zustand und Bewohner man nicht beschreiben kann. Alle Juden sind zwar gekennzeichnet durch eine Armbinde mit einem Zionstern, aber man würde sie auch so erkennen. Wir sahen im Vorbeifahren einen Mann ohne sichtbaren Grund umfallen, es war wohl der Hunger, der ihn umwarf, denn täglich verhungert eine Anzahl dieses Gesindels. Wenige sind noch mit Vorkriegskleidern gut gekleidet, die meisten in Säcken und Lumpen gehüllt, ein furchtbares Bild von Hunger und Elend. Kinder und Frauen laufen uns nach und schreien .Brot, Brot..

21.8. 1941, Donnerstag Mj. C. H. B.
Warschau. Im Ghetto sind die Zustände kaum zu beschreiben. Das kann man nur gesehen haben, um es auch wirklich glauben zu können. Auf der Straße herrscht ein Verkehr wie zur Leipziger Messe. Hier handelt der Jude untereinander mit lautem Geschrei auch alles auf der Straße. An dem Morgen, als ich mit dem Wagen durchfuhr, sah ich mehrere Leichen, darunter Kinderleichen, etwas mit Papier zugedeckt und dieses mit Steinen beschwert. Die anderen Juden gehen achtlos daran vorüber, bis der primitive Leichenkarren kommt und die .Überreste. abholt. Das Ghetto ist mit Mauern, Zäunen usw. abgeschlossen. An den vielen Schlagbäumen stehen SS-, polnische und jüdische Schutzleute und führen eine strenge Kontrolle aus. Schmutz, Gestank und Lärm sind die Hauptzeichen des Ghettos.

18.4.1942, Samstag K.V.-Insp. H. K.
Zu tun gibt es viel, da auch zahlreiche Zivilangestellte und Arbeiter (Russen und Juden) zu betreuen sind. Die Juden, auch Frauen und Mädchen, dürfen nur in Kolonnen, von litauischer Polizei begleitet, aus dem Ghetto auf die Straße zur Arbeit gehen und werden haufenweise erschossen, da man sie los sein will und ihnen vorwirft, mit den Partisanen der Umgebung gemeinsame Sache zu machen.

18.7.1942, Samstag Zahlm. d.R. H. K.
In Bereza-Kartuska, wo ich Mittagsstation machte, hatte man gerade am Tage vorher etwa 1300 Juden erschossen. Sie wurden zu einer Kuhle außerhalb des Ortes gebracht. Männer, Frauen und Kinder mussten sich dort völlig ausziehen und wurden durch Genickschuss erledigt. Die Kleider wurden desinfiziert und wieder verwendet.

7.12.1942, Montag Sold. 5. M.
Hier oben sieht man so viele Strafgefangenenlager, die Bauarbeiten und noch so verschiedenes machen. Juden kommen hier, das heißt in Auschwitz, wöchentlich 7-8000 an, die nach kurzem den .Heldentod. sterben. Es ist doch gut, wenn man einmal in der Welt umher kommt ...

27.6.1943, Sonntag Sold. H. R.
Ich habe schon lange den Glauben an ein gutes Ende verloren. Sollte noch ein wenig Hoffnung sein, dann nur noch drei Monate. Dann glaubt kein Soldat mehr an ein gutes Ende. Die Bevölkerung ist uns Deutschen nicht gut gesinnt. Die Stadt Dünaburg ist zur Hälfte auch nur noch ein Trümmerfeld. Hier lebten bis zu 75% Juden. Es sind zusammen 30000 Juden nicht weit von der Stadt erschossen worden. Außerdem sind an anderen Leuten auch durch uns viele Erschießungen vollstreckt worden über Kleinigkeiten. Der Deutsche ist einmal dadurch nirgends gern gesehen.
 

27.8.1944, Sonntag Gefr. K.B.
Mami ich möchte Dir etwas schreiben, aber nicht lachen. Du weißt doch die ganze Sache steht jetzt auf der Messerspitze. Es geht jetzt doch um die Entscheidung und ich habe das Gefühl, als wenn das Messer abbricht. Der Krieg geht seinem Ende entgegen, aber ich glaube nicht für uns. Du weißt doch der Jude wird eine Blutrache nehmen, hauptsächlich an den Parteileuten. Ich war ja leider auch einer der die Parteiuniform getragen hat. Ich habe es ja schon bereut. Ich bitte Dich bringe die Uniform beiseite, ganz gleich wohin und wenn Du die ganzen Sachen verbrennst. Ich kann schon des nachts nicht mehr schlafen darum. as macht mir solche Sorgen, das glaubst Du gar nicht. Ich komme schließlich gut hier durch, das heißt, wenn ich noch nicht direkt an die Front komme. Auch Du in der Frauenschaft und der Junge in der Hitlerjugend, das sind alles solche Sachen, die ich heute ganz anders ansehe.

15.10.1944, Sonntag Uffz.H.V
Die Behandlung von Juden und Polen - jener schon vor, beider während des Krieges - war nicht nur ein verhängnisvoller politischer Fehler, sondern ein menschliches Unrecht, das in immer steigendem Maße das deutsche Volksgewissen belastete.
Aus dieser Quelle stammt das tief verborgene Misstrauen, das auch der einfache Mann mit einem Rest gesunder Vernunft unserer These vom .gerechten Krieg. und der .heiligen Sache. entgegenbringt. .Wenn die losgelassen werden, die haben eine Rechnung zu begleichen.. .Man hat es zu doll getrieben,
das war ja nicht mehr menschlich.. So etwa lassen sich heute Parteigenossen hören, die vor einem oder zwei Jahren jede derartige Anwandlung weit von sich gewiesen hätten.
Das deutsche Volk ist in dieser Hinsicht trotz einer zehnjährigen Erziehung und aller gegenteiligen Beweise in seiner überwiegenden Mehrzahl noch immer ein moralisch empfindendes Volk geblieben! Es hat einer satanischen Verführungskunst und eines raffinierten Systems der Massenräusche und der nationalen Überhitzung bedurft, um es zu dem fortzureißen, was es getan oder geduldet hat und worin es sich im Augenblick des Unglücks jetzt schaudernd erkennt. Das Gefühl für menschliches Recht und Unrecht ist in seinen besten Gliedern noch immer tief verankert.
Der Deutsche ist von jeher in besonderem Maße ein Mensch des Gewissens gewesen, vor dessen Spruch er seine Schranken fand und das ihm zum ordnenden Maß der Wirklichkeit wurde. Wir können uns auf Luther und manchen anderen berufen. Auch Bismarcks Politik hatte sich vor dem Richterstuhl des eigenen und des nationalen, des religiösen und politischen Gewissens dauernd zu verantworten. An diesem Punkt hat eine spätere Erziehung des deutschen Volkes in der Tiefe einzusetzen.

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