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Tritte
ins Gesicht
Im Osten kapituliert der Rechtsstaat vor Neonazis, die mit Gewalt "national
befreite Zonen" durchsetzen wollen.
Der Wissenschaftler aus Indien war zu Gast in Leipzig, auf Einladung
der Universität. Er kannte sich nicht aus, so ist sein Fehler verständlich.
Am Abend des Pfingstmontags stand Atiqur Rahman nahe der City in einer
Telefonzelle, allein. Als einige Skinheads ihn entdeckten, verprügelten
sie ihn und hetzten einen Hund auf den Inder. Blutüberströmt
konnte Rahman sich gerade noch in ein Studentenwohnheim flüchten.
Doch auch Deutsche wie Lutz Richter haben Grund zur Furcht. Der 25-Jährige
ist Kreistagsabgeordneter der PDS in der Sächsischen Schweiz. Immer
wieder wird er von kurz geschorenen Jungs observiert, verfolgt, und manchmal
wird er auch anonym bedroht. In rechten Szene-Postillen wie der „Parole"
wird er neben „einigen bunthaarigen Rotznasen" als einer geoutet, der „jetzt
wieder versucht, nationale Bürger im Landkreis zu terrorisieren".
Und wer gegen rechts protestiert in der Region südöstlich der
sächsischen Landeshauptstadt Dresden, ist - das erfährt der „Parole"-Leser
auch – ein Fall für die „SSS".
Das Kürzel steht für die „Skinheads Sächsische Schweiz".
Die Rechtsaußentruppe hat etwa hundert Mann, ihre Erkennungszeichen
sind schwarze Bomberjacken mit einer weißen geballten Faust als Aufnäher.
So wie in der landschaftlichen Idylle der Sächsischen Schweiz
ist es vielerorts im deutschen Osten. Neonazi-Trupps verbreiten von der
Ostsee bis zum Erzgebirge Angst und Schrecken. Sie nennen sich martialisch
"Odins Legion" oder „White Warrior". Ihr Ziel im Neonazi-Jargon: "national
befreite Zonen" - Regionen, Städte oder Dörfer, in denen vor
allem Ausländer sich nachts besser nicht auf die Straße trauen
sollten. Allzu oft kapituliert der Rechtsstaat, überforderte Polizisten
lassen die Banden gewähren, Lokalpolitiker schauen weg, manche gar
mit heimlicher Sympathie.
Die SSS etwa sieht sich selbst als Elitetruppe im Kampf gegen "Zecken",
also Linke und Ausländer. Ihre Kommandos kontrollieren die Jugendclubs
auf dem Land und bestimmen, wer beispielsweise an die Tankstelle im Plattenbauviertel
Pirna-Sonnenstein fahren darf und wer nicht. Wolgadeutsche gehören
zu letzterer Gruppe. SSSler in Zivil prügelten die Aussiedler schon
von dem Treffpunkt der Jugendlichen des tristen Neubaugebiets.
Dass die SSSler es ernst meinen, zeigte auch eine Großrazzia
am vorvergangenen Wochenende. Die Ermittler beschlagnahmten unter anderem
zwei Kilogramm Sprengstoff und Unterlagen über paramilitärische
Übungen in den Wäldern. "Wir haben es hier mit einer Militär-Nationalistischen
Vereinigung zu tun", sagt Sachsens Verfassungsschutzchef Reinhard Booß.
Dass Andersdenkende eingeschüchtert werden, ist Alltag im Beitrittsgebiet
und den Lokalzeitungen bestenfalls noch ein paar Zeilen wert. Größeres
Interesse finden nur noch spektakuläre Fälle mit Schwerverletzten
oder Toten.
* In den frühen Morgenstunden des 13. Februar vorigen Jahres etwa
verblutete der algerische Asylbewerber Omar Ben Noui im Hausflur eines
Plattenbaus im brandenburgischen Guben. Gehetzt von Jungschlägern
sprang der 28-Jährige durch eine Glastür. Dabei riss er sich
die Beinschlagader auf.
* Im ostsächsischen Löbau schlugen im September vergangenen
Jahres Skinheads von Odins Legion eine 17jährige Abiturientin zu Boden
und zertraten ihr mit Springerstiefeln das Gesicht, bis der Frau die Wangenknochen
brachen.
* In Dessau traten an Pfingsten drei Rechtsradikale auf den Mosambikaner
Alberto Adriano, 39, ein, bis der sich nicht mehr bewegte. Nach drei Tagen
im Koma starb Adriano. Die Täter gaben bei einer Vernehmung an, sie
hassten Ausländer.
Die Polizei hat vielerorts einfach aufgegeben. In Guben, einer Stadt
an der deutsch-polnischen Grenze, warnten die Beamten schon Ausländer
vor dem Besuch einer Aral-Tankstelle an der Straße nach Cottbus.
Die "Blaue Lagune", so hatten die Beamten herausgefunden, was kaum zu übersehen
ist, gilt als beliebter Treffpunkt von Rechtsradikalen. Doch statt sich
ausreichend um die Schläger zu kümmern, ließen die Polizisten
wissen, sie könnten dort für die Sicherheit von Ausländern
nicht garantieren.
In manchen der Skinhead-Gruppen versammeln sich keineswegs nur randständige
Existenzen. Die SSS etwa steht mitten in der Gesellschaft des Kreises Sächsische
Schweiz. Ihre führenden Köpfe gehen ordentlichen Berufen nach,
einer ist Erzieher, ein anderer Bankangestellter, manche kommen aus gutbürgerlichen
Elternhäusern. Die Väter sind beim Bundesgrenzschutz, der Polizei
oder sitzen für die Freien Wähler im Gemeinderat.
Und rechte Parolen sind populär in der schmucken Ecke des Freistaats
Sachsen. "Hier gehen die Uhren anders", freut sich Fahrlehrer Uwe Leichsenring,
der für die NPD im Stadtrat von Königstein sitzt. Bei den Kommunalwahlen
bekam er 447 Stimmen, das zweitbeste Ergebnis aller Kandidaten.
Kommunalpolitiker möchten das Thema in vielen Orten am liebsten
totschweigen. Davon konnte sich in der vorvergangenen Woche Bundestagspräsident
Wolfgang Thierse in Wurzen überzeugen. Der Sozialdemokrat schaute
sich auf der Suche nach Zivilcourage gegen rechte Gewalt das "Netzwerk
für demokratische Kultur" an.
Wurzens Oberbürgermeister Anton Pausch (CDU) blieb der Veranstaltung
demonstrativ fern, auch sein Stellvertreter Jürgen Schmidt (CDU) ließ
den protokollarisch nach dem Bundespräsidenten zweitwichtigsten Mann
der Republik stehen - die beiden Kommunalgrößen hätten
wichtige Auswärtstermine, erfuhr Thierse.
ANDREAS WASSERMANN
http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,84204,00.html
DER SPIEGEL 27/2000 |