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Fachbereich Deutsch
Sprachreflexion
Victor Klemperer
LTI:
Die Sprache des Dritten Reiches
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Tritte ins Gesicht

Im Osten kapituliert der Rechtsstaat vor Neonazis, die mit Gewalt "national befreite Zonen" durchsetzen wollen.

Der Wissenschaftler aus Indien war zu Gast in Leipzig, auf Einladung der Universität. Er kannte sich nicht aus, so ist sein Fehler verständlich. Am Abend des Pfingstmontags stand Atiqur Rahman nahe der City in einer Telefonzelle, allein. Als einige Skinheads ihn entdeckten, verprügelten sie ihn und hetzten einen Hund auf den Inder. Blutüberströmt konnte Rahman sich gerade noch in ein Studentenwohnheim flüchten. 
Doch auch Deutsche wie Lutz Richter haben Grund zur Furcht. Der 25-Jährige ist Kreistagsabgeordneter der PDS in der Sächsischen Schweiz. Immer wieder wird er von kurz geschorenen Jungs observiert, verfolgt, und manchmal wird er auch anonym bedroht. In rechten Szene-Postillen wie der „Parole" wird er neben „einigen bunthaarigen Rotznasen" als einer geoutet, der „jetzt wieder versucht, nationale Bürger im Landkreis zu terrorisieren". Und wer gegen rechts protestiert in der Region südöstlich der sächsischen Landeshauptstadt Dresden, ist - das erfährt der „Parole"-Leser auch – ein Fall für die „SSS". 
Das Kürzel steht für die „Skinheads Sächsische Schweiz". Die Rechtsaußentruppe hat etwa hundert Mann, ihre Erkennungszeichen sind schwarze Bomberjacken mit einer weißen geballten Faust als Aufnäher. 
So wie in der landschaftlichen Idylle der Sächsischen Schweiz ist es vielerorts im deutschen Osten. Neonazi-Trupps verbreiten von der Ostsee bis zum Erzgebirge Angst und Schrecken. Sie nennen sich martialisch "Odins Legion" oder „White Warrior". Ihr Ziel im Neonazi-Jargon: "national befreite Zonen" - Regionen, Städte oder Dörfer, in denen vor allem Ausländer sich nachts besser nicht auf die Straße trauen sollten. Allzu oft kapituliert der Rechtsstaat, überforderte Polizisten lassen die Banden gewähren, Lokalpolitiker schauen weg, manche gar mit heimlicher Sympathie. 
Die SSS etwa sieht sich selbst als Elitetruppe im Kampf gegen "Zecken", also Linke und Ausländer. Ihre Kommandos kontrollieren die Jugendclubs auf dem Land und bestimmen, wer beispielsweise an die Tankstelle im Plattenbauviertel Pirna-Sonnenstein fahren darf und wer nicht. Wolgadeutsche gehören zu letzterer Gruppe. SSSler in Zivil prügelten die Aussiedler schon von dem Treffpunkt der Jugendlichen des tristen Neubaugebiets. 
Dass die SSSler es ernst meinen, zeigte auch eine Großrazzia am vorvergangenen Wochenende. Die Ermittler beschlagnahmten unter anderem zwei Kilogramm Sprengstoff und Unterlagen über paramilitärische Übungen in den Wäldern. "Wir haben es hier mit einer Militär-Nationalistischen Vereinigung zu tun", sagt Sachsens Verfassungsschutzchef Reinhard Booß. 
Dass Andersdenkende eingeschüchtert werden, ist Alltag im Beitrittsgebiet und den Lokalzeitungen bestenfalls noch ein paar Zeilen wert. Größeres Interesse finden nur noch spektakuläre Fälle mit Schwerverletzten oder Toten. 
* In den frühen Morgenstunden des 13. Februar vorigen Jahres etwa verblutete der algerische Asylbewerber Omar Ben Noui im Hausflur eines Plattenbaus im brandenburgischen Guben. Gehetzt von Jungschlägern sprang der 28-Jährige durch eine Glastür. Dabei riss er sich die Beinschlagader auf. 
* Im ostsächsischen Löbau schlugen im September vergangenen Jahres Skinheads von Odins Legion eine 17jährige Abiturientin zu Boden und zertraten ihr mit Springerstiefeln das Gesicht, bis der Frau die Wangenknochen brachen. 
* In Dessau traten an Pfingsten drei Rechtsradikale auf den Mosambikaner Alberto Adriano, 39, ein, bis der sich nicht mehr bewegte. Nach drei Tagen im Koma starb Adriano. Die Täter gaben bei einer Vernehmung an, sie hassten Ausländer. 

Die Polizei hat vielerorts einfach aufgegeben. In Guben, einer Stadt an der deutsch-polnischen Grenze, warnten die Beamten schon Ausländer vor dem Besuch einer Aral-Tankstelle an der Straße nach Cottbus. Die "Blaue Lagune", so hatten die Beamten herausgefunden, was kaum zu übersehen ist, gilt als beliebter Treffpunkt von Rechtsradikalen. Doch statt sich ausreichend um die Schläger zu kümmern, ließen die Polizisten wissen, sie könnten dort für die Sicherheit von Ausländern nicht garantieren. 
In manchen der Skinhead-Gruppen versammeln sich keineswegs nur randständige Existenzen. Die SSS etwa steht mitten in der Gesellschaft des Kreises Sächsische Schweiz. Ihre führenden Köpfe gehen ordentlichen Berufen nach, einer ist Erzieher, ein anderer Bankangestellter, manche kommen aus gutbürgerlichen Elternhäusern. Die Väter sind beim Bundesgrenzschutz, der Polizei oder sitzen für die Freien Wähler im Gemeinderat. 
Und rechte Parolen sind populär in der schmucken Ecke des Freistaats Sachsen. "Hier gehen die Uhren anders", freut sich Fahrlehrer Uwe Leichsenring, der für die NPD im Stadtrat von Königstein sitzt. Bei den Kommunalwahlen bekam er 447 Stimmen, das zweitbeste Ergebnis aller Kandidaten. 
Kommunalpolitiker möchten das Thema in vielen Orten am liebsten totschweigen. Davon konnte sich in der vorvergangenen Woche Bundestagspräsident Wolfgang Thierse in Wurzen überzeugen. Der Sozialdemokrat schaute sich auf der Suche nach Zivilcourage gegen rechte Gewalt das "Netzwerk für demokratische Kultur" an. 
Wurzens Oberbürgermeister Anton Pausch (CDU) blieb der Veranstaltung demonstrativ fern, auch sein Stellvertreter Jürgen Schmidt (CDU) ließ den protokollarisch nach dem Bundespräsidenten zweitwichtigsten Mann der Republik stehen - die beiden Kommunalgrößen hätten wichtige Auswärtstermine, erfuhr Thierse. 
ANDREAS WASSERMANN 

http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,84204,00.html
DER SPIEGEL 27/2000

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