|
||||||||||||
|
|
Stuttgarter
Zeitung
30.8.2000 Für eine Satellitenschüssel und zehn Schafe Man spricht nicht gern
darüber, und das türkische Wort für Brautpreis findet man
nicht einmal in den Wörterbüchern. Aber
Von Jan Keetman, Istanbul |
| Es
ist der Zeitung "Milliyet'' zu verdanken, dass sie den lange Zeit mit Schweigen
zugedeckten Brauch thematisiert hat, dass junge Mädchen vom Lande
für einen Brautpreis verheiratet werden. In der Nähe der kurdischen
Kleinstadt Mus hat eine Mutter der Zeitung kürzlich von diesem Brauch
erzählt. Ihre älteste Tochter war nach Gölcük verheiratet
worden und starb bei dem verheerenden Erdbeben im vergangenen August. Die
Mutter, die selbst mit 15 Jahren verheiratet wurde und elf Kinder hat,
beklagt nun ihre frühere Entscheidung: "Hol der Teufel diesen Brauch,
hol der Teufel Armut und Unerfahrenheit! Wenn es jetzt wäre, ich würde
meine Tochter nicht mehr hergeben.''
Und dann erzählte die Frau, dass an einem Tag Männer aus Istanbul kamen und sagten, dass sie auf der Suche nach einer Frau seien. Und ihr Mann sagte: "Das ist das Schicksal, der Mann ist reich, er ist älter, und sie geben uns eine Zahlung im Voraus - also lasst uns sie hergeben, der Mann soll das Kind haben.'' Also machten die Eltern die Tochter zurecht, und dann verließ sie das Haus. Es war das letzte Kind, das ging; die anderen Töchter waren früher, mit 12, mit 13, mit 15 Jahren zurechtgemacht und vergeben worden. Der Dorfvorsteher bestätigt diesen Brauch: "Wenn ein Mädchen 16 Jahre alt geworden ist - und das Schicksal sie nicht erreicht hat -, wird sie als eine angesehen, die im Hause zurückgeblieben ist.'' Da gebe es, erzählt der Dorfvorsteher, nun unter denen, die früher von den Dörfern in die Stadt gezogen sind, diese Vermittler. Sie kämen im Auftrag ihrer heiratswilligen Nachbarn aus den großen Städten wie Istanbul, Bursa oder Mersin und schauten sich die Mädchen an. Dabei verbreiteten sie die Nachricht, dass sie gekommen seien, um Mädchen mitzunehmen. So machten sie den Handel, zahlten das Brautgeld, nähmen die Mädchen und brächten sie fort. Im Übrigen, sagte der Dorfvorsteher, holten sie die Frauen meist für ältere Männer und solche, die eine Nebenfrau nach islamischem Recht heiraten wollten. Wenn man die Familien fragt, warum sie ihre Töchter hergegeben haben, dann sagen sie Sätze wie: "Was soll ich machen, es war noch kein Bräutigam gekommen. Es gab deshalb im Hause einen Esser mehr.'' Oder: "Sie muss verheiratet werden. Außerdem kommt sie in eine große Stadt, was will sie mehr.'' Die jungen Frauen sind im Allgemeinen nicht so erzogen, dass sie von Problemen in der Familie erzählen, schon gar nicht Fremden gegenüber. Ihren Schmerz vertrauen sie traurigen und sentimentalen Liedern an: "Wenn ich gehe, ist es mein Gang. Die Wege sind mein Grab. Gib deine Hand, ich will sie küssen, Mutter, vielleicht ist es mein letzter Kuss.'' Der Tod, von dem diese Lieder oft sprechen, ist nicht nur eine Metapher. Alleine im Verwaltungsbezirk Mus hat die Presse in den zurückliegenden sechs Monaten 32 tödlich endende Selbstmordversuche junger Frauen gezählt; viele weitere dürften verheimlicht worden sein. Als die PKK, die terroristische kurdische Befreiungsbewegung, noch aktiv war, gingen auch viele junge Frauen, um der Ehe zu entgehen, zu den kurdischen Partisanen in die Berge. Die Kalaschnikow in der Hand und das Bild Öcalans im Gepäck, waren sie vor den Verwandten und der Ehe sicher. Den Mit- gliedern seiner Organisation hatte Öcalan Heiraten und Liebesbeziehungen grundsätzlich verboten. Mit einer Ausnahme: Öcalan selbst hat schon geheiratet. Die PKK ist nach der Festnahme Öcalans weitgehend aus diesem Gebiet abgezogen, und der türkische Staat nimmt sich der Sache nun an. Der Gouverneur von Mus, Aslan Kütük, siehtden Ausweg in einer verbesserten Ausbildung der jungen Frauen und Männer, die sie aus den Fesseln der feudalen kurdischen Stammesgesellschaft lösen soll. Die verkauften Bräute sind nicht immer für ihre Heimat verloren. Da ist das Beispiel von Ayse Karadag, die vor Jahren gegen ein Brautgeld nach Istanbul verheiratet wurde, nach dem Tod ihres Mannes dessen Firma leitete und nach 32 Jahren in ihren staubigen Heimatort Derik an der syrischen Grenze zurückkam und für die prokurdische Partei Hadep die Bürgermeisterwahl gewann; sie war gegen einen Kandidaten angetreten, der seinen Wahlkampf mit der Parole "Gibt es keine Männer mehr in Derik?'' führte. Die Frau ist nun eine von drei Bürgermeisterinnen im kurdischen Südosten, die zeigen, dass sich etwas gegen alle Tradition bewegt. Doch die Tradition ist weiter stark, und das sind auch die Verlockungen, die die Städter anbieten. Für eine Satellitenantenne und zehn Schafe wird schon mal eine von vielen Töchtern getauscht, einen einheitlichen Preis gibt es nicht. Die halbwüchsigen Töchter würden das schweigend hinnehmen und ihre Gedanken in ihre Kelims einweben. So sieht es jedenfalls eine Lehrerin aus Mus. Wenn sie den Stoff aufmerksam betrachtet, sieht sie mehr als nur Ornamente. "Schauen Sie'', sagt sie, "da hat es überall Vögel, denn Vögel bedeuten Freiheit.'' |