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Frauen
im SudanBarbara Ibrahim Die Lebenswelten von Frauen in der Republik Sudan sind so heterogen wie dieses größte Land Afrikas selbst. Als im September 1983 die Scharia (islamisches Recht) im Sudan eingeführt wurde und 1986 der Islamische Staat errichtet wurde, bedeutete dies für praktisch alle Frauen einschneidende Veränderungen. Es wurde keine Rücksicht darauf genommen, dass nur der Norden des Landes arabisch - islamisch geprägt ist, während im Süden die afrikanische Kultur dominiert. Im Zuge der Durchsetzung der neuen Ideologie verschwanden die zum Teil kommunistisch orientierten Frauenverbände und gerade erst errichtete, auf Bewusstwerdung der Frauen zielende Frauenzentren ebenso schnell von der Bildfläche wie offen getragene Frauenkleidung westlichen Stils. Es wird seitdem vermehrt wieder der traditionelle tob getragen, ein neun Meter langes Stück Stoff, mit dem der Körper über der normalen Kleidung von Kopf bis Fuß verhüllt wird, oder von jüngeren Frauen die islamische Kleidung mit bodenlangern Rock, trotz extremer Hitze im Sudan häufig mit schwarzen Beinkleidern oder Strümpfen darunter, mit enganliegendem Kopftuch, das bei vielen nur wenig vom Gesicht frei lässt und bis zur Taille hinunter reicht, eventuell mit schwarzen Handschuhen. Eine spezielle Sittenpolizei wacht insbesondere über Verhalten und Kleidung der Frauen, die auch Themen der Freitagspredigten in den Moscheen sind. Zahlreiche gesetzliche Regelungen, nicht nur bezüglich der Kleidung, sondern auch hinsichtlich der Unterordnung der Frau unter den Mann, benachteiligen die Frauen. Sie können beispielsweise ohne Zustimmung des Ehemannes keine außerhäuslichen Aktivitäten ausüben. Während die Regelungen früher teils locker gehandhabt wurden, gibt es heute kaum noch Zugeständnisse. Selbst höhergestellten Frauen ist es unter Berufung auf die Religion untersagt, allein eine größere Reise anzutreten. Da die Islamisten glauben, in der Emanzipation westlicher Machart einen Irrweg erkannt zu haben, betonen sie die Verschiedenheit der Geschlechter, wobei den Frauen erklärtermaßen die Rolle der Wächterinnen über Haushalt und Kinder ihrer Männer zukommt. Viele Frauen scheinen dies zu akzeptieren, einige propagieren es als Aktivistinnen auch selbst. Einerseits wird die Meinung vertreten, Frauen sollten heiraten, sobald sie Kinder gebären können. Andererseits werden die Universitäten im Lande heute mehrheitlich von Studentinnen besucht. Letzteres erklärt sich sicherlich auch aus der Tatsache, dass das Land sich im Kriegszustand befindet und Zwangsrekrutierungen junger Männer erfolgen. Doch sind die jungen Akademikerinnen, oft Ende 20 und damit weit über das sudanesische Heiratsalter hinaus, selbstbewusst, leistungsstark und zielstrebig und scheinen eine andere Rolle in der Gesellschaft anzustreben als ihnen die herrschende Ideologie zuteilen will. Arme Frauen auf dem Land sind starken Einschränkungen durch Tradition und Religion unterworfen. Sie essen nach den Männern und verrichten klaglos die meisten und auch besonders schwere Arbeiten. Ethnische Gruppen, bei denen früher keine Vollkleidung üblich war, wie bei vielen Nomadenstämmen, müssen jetzt unter großen Opfern die vorgeschriebene Kleidung beschaffen. Außerdem möchten die Religionsführer und die Politiker die Frauen von den ländlichen Märkten verdrängen, wo sie einen Teil ihrer Hirseernte oder gesammelte Früchte anbieten. Nach Einbruch der Dunkelheit dürfen sie sich nicht außerhalb des Hauses bewegen. Zu den ärmsten der Armen zählen auch die aus dem Kriegsgebiet des Südens geflohenen Frauen, die nicht muslimisch sind. auf welche die islamischen Regelungen dennoch in gleicher Weise angewendet werden. Sie kämpfen in den illegal errichteten Siedlungen der Hauptstadt um das blanke Überleben, während die eigentlichen Ernährer der Familien sich im Krieg befinden oder bereits gefallen sind. Die erforderlichen Lizenzen zum Getränke- und Speisenverkauf erlangen diese Frauen nur selten. So bleibt ihnen meist nur die illegale Alkoholproduktion als Erwerbsquelle, wobei sie ständiger Gefahr durch Polizeirazzien ausgesetzt sind. Nach der streng islamischen Rechtsprechung, die im Sudan praktiziert wird, drohen ihnen Auspeitschung und Gefängnisstrafen. Viele sudanesische Frauen fügen sich in ihre Situation, weil sie ihnen durch die Religion vorgegeben erscheint. Andere machen - wenn auch nur im Kreise von Frauen - ihrem Unmut darüber Luft, dass man jede ihrer Emanzipationsbestrebungen als "aus dem Westen importierte Ideen" abtut. Im Herbst 2000 kam es zu Unruhen in der Hauptstadt, als der Gouverneur von Khartum unter Berufung auf den Koran ein generelles Arbeitsverbot für Frauen in Restaurants, Hotels und an Tankstellen erließ, so dass die Regelung vorübergehend wieder außer Kraft gesetzt werden musste. Die Situation der Frauen im Sudan wird sich jedoch erst ändern, wenn ein Demokratisierungsprozess eingeleitet ist und Frauenrechte als Teil der Menschenrechte anerkannt werden. Einen dauerhaften Frieden wird es im Lande nur dann geben, wenn die kulturellen Unterschiede aller Bürgerinnen und Bürger respektiert werden. Dies würde sich auch auf die Lebenswelten insbesondere vieler Frauen positiv auswirken. Im gesamten Nordsudan herrscht der Brauch der Beschneidung ( xxxx | xxxx )der Frauen, für den immer wieder eine religiöse Rechtfertigung gegeben wird. Die Bedeutung des Rituals. von dem heute noch die Mehrheit der Frauen im Sudan und in vielen anderen Teilen Nordafrikas betroffen ist, geht wahrscheinlich auf die Zeit der Sklavenhaltung zurück. [Aus: Afrika II. Informationen zur politischen Bildung 272, 3/2001, S. 53f.] Frauen_Sudan.doc |