|
Die Ursprünge der osmanischen
Dynastie begannen Ende des 13. Jahrhunderts im nordwestlichen Anatolien,
ausgehend von der Region Bursa, unter dem türkischen Herrscher Osman
I., wobei fraglich bleibt, warum sie ihre Macht derart unvermittelt entfalten
konnten. Möglicherweise lag dies daran, dass sie strategisch günstig
postiert waren, um das christliche Byzantinische Reich anzugreifen und
hierzu muslimische Kämpfer gewannen, die einen heiligen Krieg gegen
die Christenheit führen wollten. Zunächst vertrieben sie die
Byzantiner aus Anatolien (bis 1338), um 1354 Gallipoli zu besetzen
- ihren ersten Stützpunkt in Europa, von dem aus sie ihre Vorstöße
nach Südosteuropa unternahmen. Die Entscheidung brachte die Schlacht
auf dem Amselfeld 1389: Der serbische König Lazar,
der dem Vorstoß der osmanischen Türken massiven Widerstand entgegengesetzt
hatte, verfügte über eine Armee aus Albanern, Bosniern, Bulgaren,
Ungarn, Polen, Serben und sogar Mongolen. Obgleich der osmanische Sultan
Murad I. (1359-1389) bereits vor der Schlacht mit einem vergifteten
Dolch ermordet worden war, erlitt die serbische Allianz eine vernichtende
Niederlage, und Lazar wurde hingerichtet.
Der Fall Konstantinopels
Den
größten Schock erlitt das christliche Europa mit dem Fall
Konstantinopels, der Hauptstadt des Oströmischen Reiches
1453
an die Osmanen. Zahlreiche byzantinische Gelehrte flohen nach Westen, vor
allem nach Italien, wo sie wesentlich zur Renaissance beitrugen.
Einen wichtigen Schritt in der Geschichte
des Reiches stellte die Annexion von Ägypten und Teilen Persiens
als bedeutenden wirtschaftlichen und intellektuellen Zentren unter Sultan
Selim I. (Reg. 1512 - 1520) dar. Sein Nachfolger Süleyman
II. (Reg. 1520 -1566) konnte das Imperium mit der Eroberung
Ungarns
(1526) weiter nach Europa ausdehnen. 1526 fiel Ungarn
in der Schlacht von Mohács, bei der die ungarische Armee vernichtet
und der König getötet wurde, doch die türkische Armee marschierte
weiter Richtung Wien, das sie 1529
und nochmals 1532 belagerte. Diese unmittelbare Gefahr hinderte
u. a. Kaiser Karl V. daran, der in
deutschen Landen entstehenden Reformation seine ungeteilte Aufmerksamkeit
zu schenken. Wien hielt stand, was ein gewisser Erfolg für die christlichen
Armeen darstellte, denen ein erster nennenswerter Sieg jedoch erst in der
Galeerenschlacht von Lepanto (Golf
von Korinth) am 7. Oktober 1571 gelang. Hier kämpfte die Armee
der Heiligen Liga, eines Bündnisses des Kirchenstaates mit Genua,
Venedig und Spanien, die erstmals 1511 durch Papst Julius
II. realisiert und in Lepanto von Don
Juan de Austria, dem natürlichen Sohn Kaiser Karls V, angeführt
wurde. Dieser Sieg von Lepanto veränderte wenig, auch wenn er von
den Christen als großer Triumph gefeiert wurde, da sich die Osmanen
dadurch zu keinerlei Rückzügen gezwungen sahen. Den Wendepunkt
in dem christlich - muslimischen Konflikt bedeutete erst der Sieg der deutschen
Reichsarmee und des polnischen Königs Johann
III. Sobieski 1683 über die erneut Wien belagernden
Türken. Sein Heimatland verteidigend, hatte Letzterer sie bereits
1673 bei Chocim besiegt.
Staat und Gesellschaft
Unter Süleyman erhielt
die osmanische Verwaltung ihre klassische Ausprägung, die eine Zweiteilung
der Gesellschaft vorsah: eine sehr kleine, weitgehend muslimische Elite
und die weit größere Klasse aus muslimischen und nichtmuslimischen
Untertanen. Bei den Mitgliedern der Elite handelte es sich entweder um
alteingesessene turkmenische Familien oder um "Sklaven" - junge Männer,
die durch Aushebung bzw. "Knabenlese" (devshirme) unter den christlichen
Untertanen rekrutiert wurden. Diese erhielten eine intensive militärische
oder administrative Ausbildung, lernten Arabisch, Persisch und Türkisch
und traten zum Islam über.
Nachdem die "Knabenlese"
Mitte des 15. Jahrhunderts systematisch eingeführt worden war, beherrschten
sie im 16. Jahrhundert bereits administrative und militärische Schlüsselpositionen
sowie die islamische Elitetruppe der Janitscharen. Auch einige Nichtmuslime
wurden in die Elite aufgenommen: hohe Vertreter des griechisch - orthodoxen
Klerus ebenso wie wohlhabende christliche Familien aus dem Balkan oder
Griechenland sowie reiche jüdische Händler und Bankiers, die
nach den Vertreibungen von 1492 aus Spanien emigriert waren.
Die Religion im Osmanischen Reich
Der Staat unterstützte und kontrollierte
die religiöse Unterweisung im Rahmen eines komplexen Bildungssystems,
wobei die Sufi - Organisationen wegen ihrer Bedeutung auf lokaler,
ländlicher und volkstümlicher Ebene eine besondere Funktion einnahmen:
Sie inspirierten die Krieger im Kampf, beherbergten Reisende und Pilger
in Hospizen (tekke) und bewahrten und vermittelten die literarische
sowie die religiöse Kultur.
Zwei Sufi - Orden hatten einen
herausragenden Einfluss:
-
die Bektashis, die im
16. Jahrhundert unter staatliche Kontrolle gelangten, indem sie zu regulären
"Feldgeistlichen" der Janitscharen wurden, und
-
die Mewlewis, die bei
der feierlichen Einsetzung des Sultans eine wichtige Rolle spielten. Die
staatliche Kontrolle über das religiöse Wissen und die Sufi -
Orden führte schließlich zum Autonomieverlust religiöser
Organisationen, die man nun mit dem osmanischen Regime und seinen Interessen
identifizierte.
Die nichtmuslimischen Untertanen
waren konfessionell organisiert und genossen eine örtlich begrenzte
Eigenständigkeit, mussten jedoch eine Kopfsteuer leisten. Ihre gewöhnlich
von der muslimischen Regierung ernannten religiösen Führer waren
für die Kontakte zu den Behörden verantwortlich, jedoch auch
für den inneren Rechtsfrieden und die örtliche Steuererhebung.
Vor den türkischen Migrationen
des 13. Jahrhunderts hatte die anatolische Bevölkerung überwiegend
aus Christen bestanden, Ende des 15. Jahrhunderts indes war sie bereits
zu 90 Prozent muslimisch, wofür zum einen die massenhafte muslimische
Immigration, vor allem aber zahlreiche Übertritte von Christen zum
Islam ursächlich waren. Der byzantinische Staat wie auch die griechisch
- orthodoxe Kirche waren zu dieser Zeit bereits sehr geschwächt, was
die Demoralisierung der christlichen Bevölkerung und schließlich
den Zusammenbruch der anatolischen Gesellschaftsstruktur nach sich zog.
Dies förderte den Zulauf zu den Sufi - Missionaren, die den
Islam im Sinne eines religiösen Synkretismus darstellten und neben
gemeinsamen Glaubensvorstellungen das hohe Ansehen Jesu innerhalb des Islam
betonten.
Der Niedergang des Osmanischen Reichs
Mit der Niederlage 1683 vor
Wien begann der langwierige Niedergang des Osmanischen Reichs, bedingt
durch Niederlagen gegen Österreicher und Russen ebenso wie durch innere
Schwächen. Ungarn fiel durch die Friedensverträge von
Karlowitz
1699 an Habsburg. Nach langen Jahren des Krieges gegen Russland
bedeutete der Frieden von Jassy (1792)
den Verlust sämtlicher Territorien nördlich des Schwarzen Meers.
Mitte des 19. Jahrhunderts
weitete sich der Zerfallsprozess auf Teile der arabischen Halbinsel und
Ägypten aus; Algerien ging 1830 an Frankreich verloren, und
die Balkanprovinzen rangen um Autonomie, Griechenland wurde 1830
autonom, Serbien im Jahr darauf.
Mitte des 19. Jahrhunderts
konnten die europäischen Mächte einen erheblichen Einfluss auf
das Osmanische Reich ausüben, teils wegen seiner prekären Finanzlage
und teils wegen der großen Zahl unter türkischer Herrschaft
lebender z. T. auch verfolgter Christen. Vor allem die Armenier litten
seit Mitte des 19. Jahrhunderts unter türkischer Verfolgung. Etwa
1,2 - 1,5 Millionen Armenier fielen allein gegen Ende des Ersten Weltkrieges
türkischen Massakern zum Opfer.
Am Ende des Ersten Weltkriegs
und infolge der kolonialen Expansion der Westmächte hatte das Osmanische
Reich seine arabischen Provinzen Libanon, Syrien, Palästina, Irak
und Jemen verloren. 1922 wurde schließlich das Sultanat
abgeschafft, gefolgt von der Gründung der Türkischen Republik
(1923) und der Absetzung des letzten Kalifen (durch Mustafa Kemal
Pascha [=Kemal Atatürk]).
© H. Kerber 1996 | 2001 | 2005 | 2009
Geschichte_Osmanen.doc
|