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„Wir haben in der Türkei geheiratet"
.„Die Stadt, in der ich geboren bin, ist keine große Stadt. Sie heißt Corum und liegt nördlich von Ankara. Als ich sechs Monate alt war, sind wir nach Ankara gezogen. Drei Jahre sind wir dort geblieben. Dann sind mein Eltern nach Deutschland gegangen und ich bin zu meinem Onkel nach Istanbul gekommen. 
Ich bin zwei oder drei Jahre in Istanbul geblieben. Dann haben mich die Eltern eines Tages mit dem Zug abgeholt, und mein Onkel und meine Tante kamen auch mit nach Deutschland. Da war ich sechs Jahre. Ich war gespannt auf Deutschland. 
Dort angekommen, habe ich mich einsam gefühlt, weil die alle Deutsche sind. Ich habe überhaupt nichts verstanden. Die Gesichter waren so anders. In der Türkei habe ich ja nur Frauen gesehen mit Schleier. Und hier waren die Mädchen alle im Minirock. Ich habe gelacht, denn ich war klein, und wir haben viele Scherze darüber gemacht. Aber an die Mode gewöhnt man sich später. 
Eine Hochzeit in der Türkei
Foto aus der türkischen Tageszeitung 
„Hürrijet” [Freiheit]
Mit acht bin ich in die Schule, in eine türkische Klasse, gekommen. (Hierbei handelt es sich um Vorbereitungsklassen für diejenigen ausländischen Kinder, die dem Unterricht in der deutschen Klasse aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse noch nicht folgen können. (Diese Klassen sollen die ausländischen Kinder auf die deutsche Schule vorbereiten, oft bilden sich daraus aber Nationalklassen, in denen die Muttersprache weiterhin dominiert. Die Kinder verbleiben anstatt der meist im Schulerlass vorgesehenen zwei Jahre oft jahrelang in den Nationalklassen und müssen oft weite Fahrtstrecken in Kauf nehmen, da diese Klassen in bestimmten Schulen zentralisiert sind. )
In der 6. kam ich in eine deutsche Klasse, dafür musste ich wieder in eine andere Schule. Ich habe Deutsch gekonnt, aber nicht so richtig. Schreiben konnte ich sehr gut. In der Klasse waren so viele, da konnte man nichts lernen, da haben wir Ausländer noch mal zwei Stunden in der Woche Deutschunterricht gehabt.
 Nach der Schule war ich oft mit meinen Freundinnen zusammen, aber meine Mutter hat das nicht erlaubt. Dabei sind wir nur mal in die Cafeteria Kaffee trinken gegangen, oder wir waren im Park und haben dort gespielt, uns unterhalten, haben öfters von Jungen und so weiter erzählt. Das hat Spaß gemacht, weil ich auch was lernen wollte.
  Meine Mutter hat immer ausgesucht, mit wem ich sprechen sollte. Wenn ich auf der Straße einen Jungen aus meiner Klasse gesehen habe und der vorbeigegangen ist und was zu mir gesagt hat, da hat meine Mutter geschimpft:  'Wer war das? Woher kennst du diesen Jungen? Warum redest du mit dem?' Dabei habe ich bestimmt keinen Freund gehabt. Wenn die Jungen mit mir gehen  wollten, habe ich gesagt: 'Nein, ich machte nicht.' Meine Eltern haben immer Angst gehabt, dass die türkischen Frauen 'das' erzählen. 
Ich habe meinen Hauptschulabschluss gemacht und bin zum Arbeitsamt gegangen, um einen Lehrstelle zu suchen. Die haben mir drei Adressen gegeben. Davon war eine ein Schuhgeschäft. Da bin ich zur Chefin und habe mich dort vorgestellt. Und dann sollte ich erst mal für einen Tag aushelfen. mal gucken, wie es im Betrieb ist, ob es mir gefällt. Und es hat mir gut gefallen. Die waren alle so nett. Die Abteilungsleiterin hat mir alles gezeigt, was ich so machen soll.
 Ich und eine andere Kollegin, die keine Lehre mehr macht, sind die einzigen Türken dort. Die Verkäuferinnen haben mir nichts zu sagen. Ich mache nur, was die Abteilungsleiterin mir sagt, zum Beispiel Lager aufräumen, Furnituren auffüllen, die Cremes und so, Schuhe umsortieren, aussortieren, wie viele Kartons es da noch gibt, wie viele schon verkauft worden sind. In der ersten Woche habe ich schon verkauft. Aber ich habe keine eigene Nummer, die ich da draufklebe. Mit der Nummer bekommt man immer eine Prämie. Ich verkaufe für die anderen mit. Es wird immer gewechselt. Eine Woche für die eine Verkäuferin, eine Woche für die andere. 

Ich habe am 10. August 1980 geheiratet. Mein Mann heißt Fehmi, er ist 20 Jahre alt und kommt auch aus Corum. Wir sind entfernt verwandt.
 Immer wenn ich in Urlaub in Corum war und seine Familie besuchte, war er nicht da. Vorletzten Urlaub sind seine Eltern zu uns gekommen und haben um mich geworben. Wie hoch der Brautpreis war? Meine Mutter hat gemeint: 'Ich möchte kein Geld, aber dafür Geschenke. Ich möchte, dass meine Tochter glücklich wird, auch so.' Bei uns ist es ja üblich, dass man Geld will, aber die sind arm. Im nächsten Jahr wollen sie Geschenke für meine Mutter kaufen. Für mich haben sie schon etwas ausgesucht, vier Goldringe, ein paar Ohrringe und dann noch die Eheringe. Die Eltern von ihm haben die Hochzeit bezahlt.
 An der Aussteuer habe ich fast nichts gemacht. Ich habe nur so ein paar Tischdecken gestickt, sonst nichts. Meine Tanten haben mir geholfen, sie haben vieles gehabt.
Nachdem die Heirat klar war, haben wir uns erst sehen können. Wir haben uns gegenüber gewohnt. Da kam er jeden Morgen zu uns, wir haben uns hingesetzt, haben gegessen. Einmal mit Familie, einmal alleine.

 Drei Wochen lang. Einmal sind wir auch spazierengegangen. Das war kurz vor der Heirat. Wir haben uns gut verstanden. Wenn wir uns nicht verstanden hätten, hätte ich gesagt: 'Ich bin nicht für dich, du bist nicht für mich bestimmt.' Dann hätten wir die Ringe zurückgegeben. Ich hätte meiner Mutter gesagt: 'Ich verstehe mich mit ihm nicht so gut.' Die hätte gesagt: 'Was tust du uns an, wir sind  hierher gekommen, haben die Hochzeitskleider und alles gekauft.' Es wäre schon etwas schwierig geworden, aber letztendlich wären die schon einverstanden gewesen.
 Und dann kam der Bräutigam mit seiner Mutter und wollte mich abholen. Da waren schon die Autos draußen. Dann musste ich die Hand von meinem Vater küssen, von meiner Mutter und von allen. Mein Vater hat geweint, meine Mutter hat geschrien und geweint: 'Meine Tochter, meine Tochter, sie geht weg'. Wenn ich weggehen soll von ihr, also von zu Hause, das heißt, dass ich nicht mehr ihre Tochter bin. Geschrien hat sie, weil sie so traurig war.
 Als wir zu ihm nach Hause kamen, war noch eine Stunde Zeit bis zur Feier. Dann haben sie uns mit dem Auto abgeholt. Und wir sind in ein Restaurant gegangen. Da waren schon alle Gäste. Die hatten sich alle die Hände gereicht, und wir mussten drunter durchgehen. Dann tanzten wir den ersten Tanz. Wir haben schön gefeiert und viele Fotos gemacht.
 Die Bekannten von uns haben Geschenke verteilt. Ich habe die Arme voll gehabt von Armreifen aus Gold. Und dann habe ich noch Ketten bekommen, Ohrringe und Geld, jeder gab ungefähr 100,- oder 200,- DM. Wenn einer heiratet, muss man entweder Geschenke mitbringen oder Geld. Ich  muss das auch tun. Das würde jeder machen. Meine Mutter hat einmal kein Geld gehabt, aber da hat sie die Armreifen von sich gegeben.
 Wenn die Braut dann zu Hause ist, bringen die Bekannten Teller und Geschirr für den Haushalt.
 Wann wir im Rathaus geheiratet haben? Meine Mutter ist mit meinem Mann hingegangen zum Standesamt und hat für mich unterschrieben, weil ich minderjährig bin. Ohne die Unterschrift meiner Mutter hätten wir nicht heiraten können. (...)
 Und nach drei Tagen gab mir meine Mutter dann das Geschenk. Ich habe eine Kette und er einen Ring bekommen. Nach einer Woche sind wir zusammen mit meinem Mann nach Deutschland gefahren.
 Mein Mann hat in der Türkei Stühle und so weiter repariert. Er hat aber das Abitur gemacht und wollte an die Universität. Das hat er nicht geschafft mit der Aufnahmeprüfung, und dann hat er gearbeitet.
 Wenn er mich nicht geheiratet hätte, dann hätte er nicht hierher kommen können. Auch die Arbeitserlaubnis hat er noch nicht. Ich will ihm meine Arbeitserlaubnis übertragen. Nur wenn man schwanger ist, darf man so was, und ich bin ja schwanger. Mal sehen, ob es klappt.
 Ich koche nicht. Das macht mein Mann. Wenn meine Mutter nicht da ist, macht er das. Wenn sie da ist, darf er das nicht. Abends saugt er auch die Teppiche, macht die Betten und räumt die Wohnung auf.
 Sonst sind die türkischen Männer nicht so. Die Frauen müssen arbeiten. Jemand wie mein Mann, der lange in die Schule gegangen ist - elf Jahre bis zum Abitur -, bei dem ist es besser. Ob ich Angst davor gehabt habe, dass wir verschiedener Meinung hier sein könnten? Ich wusste, wenn er hierherkommen würde und wir verheiratet sind, dann sieht er doch, dass hier alles anders ist, dass ich mich hier anders verhalte und wie ich mich verhalte. Wenn es nicht so wäre, dann hätte ich gesagt, du bist kein Mann für mich. Ich weiß nicht, ich hätte ihm erst die Chance gegeben, sich mit mir zu einigen. Dann hätte ich ihn vielleicht verlassen, weil er nicht die glei-chen Vorstellungen gehabt hat. Wir verstehen uns aber ganz gut."


(Fergül, 16 Jahre: „Wir haben in der Türkei geheiratet". [Aus: K. König / H. Straube (Hrsg.): Zuhause bin ich die aus Deutschland. Ausländerinnen erzählen. Ravensburg 1982 S. 67 - 86, gekürzt]

Hochzeitt_konkret.doc