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Besuch in einer Moschee

Die Sultan - Ahmet - Moschee in Istanbul / Konstantinopel
Darf man als deutsche Frau eine Moschee in Hamburg betreten? Ist es möglich, den Ort mit eigenen Augen kennenzulernen, an dem die gläubigen Türken sich in unserer Stadt treffen? Ist es vielleicht sogar erlaubt, am Gebet teilzunehmen? - „Da kommt ihr nicht rein", sagten mir und meiner Freundin viele, die es wissen wollten.
Die Moschee liegt  in einem Viertel, in dem ganz offensichtlich viele Türken wohnen. Türkische Läden, An- und Verkauf - Schilder, Männer mit Kappen, Frauen mit Kopftüchern bestimmen das Straßenbild. Ein großes dreistöckiges Haus, gelb getüncht, fällt uns auf. An der Giebelseite prangt das Gemälde einer der berühmten Moscheen in Istanbul; an der Vorderfront kündet ein Spruch vom Islam. Im Eingang stehen mehrere Männer. Mutig gehen wir an ihnen vorbei und betreten das Haus.
Drinnen geht es sehr lebendig zu, fast wie im Basar. Ein kleiner Laden bietet religiöse Bücher, Bilder und Wandbehänge zum Kauf; gegenüber in einer Kantine wird türkisches Essen angeboten, den Speisevorschriften entsprechend zubereitet. Gruppen von Männern stehen auch hier überall zusammen. Wir sprechen einen der Männer an, tragen unseren Wunsch vor und werden mit zwei Studenten bekannt gemacht, die bereit sind, uns alles zu zeigen und zu erklären.
Zunächst gehen wir in den großen Gebetsraum im ersten Stock. Vor der Tür stellen wir unsere Schuhe in ein Regal; wir wissen; niemand würde einen Gebetssaal mit Schuhen betreten. Der Raum ist hellgrün gestrichen und ganz und gar mit Teppichen ausgelegt. Es gibt keine Stühle, keine Bank, keine Bilder oder Figuren. Der große Raum ist fast leer.
An einer Seite des Raumes befindet sich eine Nische, der Mihrab. Er zeigt in Richtung Mekka; vor ihr verneigen sich die Gläubigen beim Gebet. Die Gebetsnische ist mit arabischen Schriftzeichen verziert. Rechts davon, am Ende der Wand führen Stufen zu einer Art Kanzel (Mimbar). Hier wird am Freitag oder Samstag zum Mittagsgebet aus dem Koran vorgelesen. Manchmal gibt es Anfragen und Erklärungen der Gläubigen dazu. Unsere Begleiter weisen uns dann auf einen Kalender hin, der die täglich
en Gebetszeiten für jede größere Stadt in der Bundesrepublik angibt. Die Zeiten wechseln, da sie sich nach dem Sonnenstand richten. Fünfmal am Tag verrichtet ein Muslim sein Gebet. Vorher wünscht er sich Gesicht, Hals und Hände, nach vorgeschriebenem Ritus.
Während wir Fragen um Fragen stellen, ertönt vom Treppenhaus her der Ruf des Muezzins, der das nächste Gebet ankündigt. Mir ist die fremdartige, etwas eintönig klagende Melodie aus Istanbul bekannt. Dort ertönt sie überall in der Stadt aus Lautsprechern. Von allen Moscheen erschallt der Gebetsruf: „Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt, außer Allah! Kommt her zum Gebet! Allah ist groß, es gibt keinen anderen Gott außer Allah!“ In Hamburg dringt der Ruf des Muezzins nicht bis auf die Straße ; vermutlich fürchtet man Beschwerden von seiten der nichttürkischen Anwohner.
Im Treppenhaus entsteht Gedränge. Viele Männer betreten den Gebetssaal. Auf unsere Frage, ob wir dabeisein dürfen, beraten sich unsere Begleiter kurz, dann heißt es: „Ja, es geht, wenn Sie Kopftücher umbinden und sich hinten im Saal auf den Boden setzen. Der Imam, ein alter, bärtiger Mann, betritt den Raum. Er ist der Vorbeter und trägt ein weißes, turbanartiges geschlungenes Tuch um den Kopf. Er geht in die Gebetsnische, hebt die Hände hoch und beginnt mit der Gebetsformel: „Allah ist groß!“ In langen Reihen, dicht an dicht, stehen nun etwa hundert Männer im Saal. Sie sprechen die Gebete nach, verneigen sich, knien nieder, berühren den Boden mit der Stirn, setzten sich wieder auf. Das alles  wiederholt sich ein paarmal. Zum Schluss wenden die Männer ihr Gesicht nach rechts und links und wünschen ihren Nachbarn Frieden und Segen Allahs.
Wir sind beeindruckt. Auf der ganzen Welt sprechen die gläubigen Muslime ihr Gebet in den gleichen Formeln, mit den gleichen Bewegungen, nach Mekka gewandt -  so wie wir es hier eben miterlebt haben.

Das Freitagsgebet in einer Hamburger Moschee
Zum Hauptgebet der Woche, am Freitagmittag - das heißt in Hamburg am Samstagmittag wegen der Berufstätigen - versammeln sich in der Moschee bis zu 500 Gläubige. Über dem großen Gebetssaal liegt ein zweiter, da der Platz nicht ausreicht, und im Keller ist der Gebetsraum für die Frauen. Es gibt keine Moschee, in der Männer und Frauen zusammen beten. Das stört uns. Unsere Begleiter behaupten, die Frauen wünschten selbst einen eigenen Raum, damit sie ungestört beten können, ohne die Blicke der Männer auf sich zu spüren. Der Gebetsraum der Frauen liegt also im Keller mit separatem Eingang. Er ist sehr viel kleiner und ist mit bunten Tüchern, Teppichen und Spitzenvorhängen ausgeschmückt. Als wir  hineingehen, wird uns die Stellung der Frauen im Islam deutlich.
Schließlich, nach dreimaligem Schuhe-Aus-und Wiederanziehen, sehen wir uns noch im obersten Stockwerk um. Hier liegen die Unterrichtsräume für die Kinder. Hier findet also nachmittags und am Wochenende der Koranunterricht statt.
Jungen und Mädchen werden getrennt unterrichtet. Die Räume sind kahl und leer; die Schüler sitzen offensichtlich auf dem Boden. Es gibt eine zweisprachige Koranausgabe in arabisch und türkisch. Trotzdem lernen die Kinder meistens die Verse auswendig, ohne die Übersetzung zu kennen. Nebenan in einem kleinen Turnraum trainieren einige Jungen Karate.
Inzwischen sind wir zum türkischen Tee eingeladen. Unser Besuch in der Moschee hat sich schon  auf fast zwei Stunden ausgedehnt. Obwohl wir völlig unerwartet kamen, nehmen sich unsere Begleiter so viel Zeit für uns. Sie freuen sich ganz offensichtlich über unser Interesse und zeigen weder Misstrauen noch herablassenden Stolz. Immerhin: ungewöhnlich ist es doch für sie, dass zwei deutsche Frauen plötzlich in ihre Moschee hereinschneien und alles mögliche wissen wollen. Deshalb laden sie uns zum regelmäßigen Diskussionsabend ein in deutscher Sprache, für Männer und Frauen, wie sie extra betonen.
Zum Abschied will ich den beiden Männern die Hand geben, aber sie reagieren nicht darauf. Die nicken freundlich und nehmen unseren Dank entgegen, aber die Hand reichen? Nein! Ich werde unsicher. Was ist los? Da fällt bei mir der Groschen: Natürlich - ein gläubiger Muslim darf doch keine andere als seine eigene Frau anfassen. So kann eine einfache, gewohnte Geste Verlegenheit hervorrufen.
(Bearbeitet aud der Grundlage von Hannelore Wandschneider)
Moschee_konkret.doc
H. Kerber 1996 | 2001 | 2005 | 2009

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