(um 1466-1536) Erasmus von Rotterdam, auch Erasmus Desiderius , niederländischer Philologe und Theologe, einer der bedeutendsten Humanisten, Interpret der intellektuellen Strömungen der Renaissance und kritisscher Begleiter der Reformation. Erasmus war der uneheliche Sohn des Priesters Roger Gerard und einer Arzttochter. In Deventer und Herzogenbusch besuchte er Ordensschulen und trat nach dem Tod seines Vaters in das Augustinerkloster Steyn bei Gouda ein. Nach seiner Priesterweihe im Jahr 1492 wurde er Sekretär des Bischofs von Cambrai, der ihn zum Theologiestudium nach Paris schickte. Im Rahmen seiner theologischen Studien befasste er sich mit der griechischen Sprache und entwickelte sich immer mehr zum Kritiker einer erstarrten Scholastik. Da das Klosterleben seinem Wesen nicht entsprach, widmete sich Erasmus einem weltlichen Broterwerb und wurde später vom Papst von seinen Ordensgelübden entbunden. Ab 1499 setzte er seine wissenschaftlichen Studien auf zahlreichen Reisen nach Italien, England, in die Schweiz und die Niederlande fort, bei denen er anhand alter Handschriften intensive Quellenstudien betrieb. Seinen Lebensunterhalt bestritt er als Privatlehrer und Dozent. In diesen Jahren entstanden viele seiner Schriften. Er pflegte stets eine umfangreiche Korrespondenz (über 1 500 seiner Briefe sind erhalten) mit bedeutenden Persönlichkeiten seiner Zeit. Während seiner vier Reisen nach England lernte Erasmus Befürworter der neuen humanistischen Bildung kennen, darunter John Colet, der die Saint Paul's School in London gründete und unter dessen Einflusss das Neue Testament verstärkt in den Mittelpunkt seiner Studien rückte. Er machte die Bekanntschaft des Humanisten und Lordkanzlers Thomas More sowie William Grocyns, der in Oxford Griechisch lehrte. Einer alten Überlieferung nach sollen sich Erassmus und More an der Tafel des Oberbürgermeisters von London kennengelernt haben und über ihr Gesspräch miteinander so überrascht gewesen sein, dass Erasmus sagte: "Ihr müsst More sein oder niemand" und More darauf: "Ihr müsst Erasmus sein oder der Teufel." Als Erasmus später sein Buch "Das Lob der Torheit" geschrieben hatte widmete er es (neben dem Erzbischof von Canterbury William Warham) Thomas More "Lordkanzler von England, dessen Seele reiner war als der reinste Schnee, dessen Genius so groß war, wie England nie einen hatte - ja nie wieder einen haben wird, obgleich England eine Mutter großer Geister ist." Im geistigen Austausch mit diesen Gelehrten trug Erasmus dazu bei, dass sich der Humanismus in England durchsetzte und insbesondere das Studium der klassischen Sprachen als Mittel zur Vertiefung christlicher Bildung Bedeutung erlangte. Während eines Aufenthalts in Italien erwarb er an der Universität Turin den Doktorgrad und lernte den venezianischen Verleger Aldus Manutius kennen. In Basel war er mit dem bedeutenden Buchdrucker und Verleger Johann Froben(ius) freundschaftlich verbunden, der seine Werke herausgab. Werke Die Werke des Erasmus zeugen nicht nur von seiner Gelehrtheit, sondern weisen ihn auch als sprachgewandten, aufgeschlossenen und geistreichen Literaten aus. Mit einer bedeutenden Sammlung lateinischer und biblischer Sprichwörter, Collectanea adagiorum (erstmals erschienen 1500, in erweiterter Fassung 1508), in lateinischer Sprache, begründete er seinen Ruhm. In vielen seiner frühen Werke übte Erasmus Kritik an kirchlichen Missständen und wandte sich gegen die rationalistisch geprägte Scholastik der Kleriker. Als Befürworter einer Rückkehr zu einer einfachen christlichen Ethik gab er sich in seinem Werk Enchiridion militis christiani (Handbüchlein des christlichen Soldaten, 1503) und der berühmten satirischen Schrift Morias enkomion seu laus stulticiae (Das Lob der Torheit, 1509) zu erkennen, die er Thomas More widmete. Mit seinem Novum instrumentum omne (1516) machte er den griechischen Text des Neuen Testaments in einer neuen lateinischen Übersetzung und mit kritischen Kommentaren versehen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich. Sein Text war der lateinischen Vulgata an Genauigkeit überlegen. Da Erasmus mit diesen Werken großen Einfluss auf das theologische und geistige Leben seiner Zeit ausübte, gilt er als Vorläufer der Reformation. Aufklärerische und pädagogische Ziele verfolgte er mit seinen Schriften De Ratione Studii (1511) und De Pueris Satim ac Liberaliter Instituendis (1529). Er vertrat darin die Auffassung, dass Kindern vor dem Eintritt in die Schule im Elternhaus Grundkenntnisse des Lateinischen und der christlichen Religion vermittelt werden sollten. Mit seiner Ansicht, das Erlernen des Lateinischen habe sich zunächst mittels Konversation und später anhand grammatischer Regeln zu vollziehen, vertrat Erasmus neuzeitliche pädagogische Prinzipien. Als sich 1517 der Durchbruch der Reformation unter der Führung Martin Luthers abzeichnete, entzog sich Erasmus einer Vereinnahmung durch eine der beiden streitenden Parteien. Da er sich als bis dahin allgemein bewunderter und gefürchteter Kritiker nicht zur konsequenten Parteinahme entschließen wollte, misstrauten ihm zuletzt sowohl die Katholiken wie auch die Anhänger der Reformation. In einem Brief an Zwingliheißt es über ihn: " Was Erasmus geschrieben hat, ist in den Händen aller [...]. Jede Partei möchte ihn auf ihre Seite ziehen." Auch Luther bemerkte: "Es ist schwierig, diesen wortgewandten Erassmuss zu fasssen,der geschickt wie eine Hornmisse jedem Schlag auszuweichen weiß." Dagegen schrieb Luthers Weggefährte Philipp Melanchthon an Erasmus: "Dich habe ich niemals angreifen wollen, gebe vielmehr sehr viel auf dein Urteil und schätze dein Wohlwollen. Du siehsst ja auch, dass ich mich selbst in der Beurteilung der Glaubenslehren in manchen Fragen von dir umstimmen lasse." So blieb Erasmus zwar beim katholischen Glauben, unterstützte jedoch auch häufig Ziele der Reformation. Durch seine beständige Kritik an kirchlichen Missständen und an abergläubischen Überzeugungen in seinem Werk Familiarum colloquiorum formulae, auch Colloquia familiaria (Gespräche im vertrauten Kreis, 1518), einem seiner umstrittensten Werke, das er ursprünglich verfasst hatte, um Lateinschülern brauchbare Formulierungen und Wendungen zur Verfügung zu stellen, setzte er sich dem Verdacht aus, Lutheraner zu sein, was er jedoch weit von sich wies. Um dieser Verdächtigung entgegenzuwirken, legte Erasmus seine theologische Position in dem Werk De libero arbitrio diatribe sive collatio (Vom freien Willen, 1524) dar, in dem er sich gegen Luther wandte. Auf Luthers heftige Erwiderung reagierte Erasmus mit der polemischen Schrift Hyperaspistes (1526), woraufhin der endgültige Bruch zwischen ihnen besiegelt war. Zusammen mit dem Verleger Froben brachte Erasmus während dieser Zeit mehrere wissenschaftliche Ausgaben von Werken der Kirchenväter heraus. Obgleich Erasmus oft als Wegbereiter der Reformation angesehen wird und seine Werke später vom Konzil von Trient verboten wurden, war sein Kampf gegen Ignoranz und Aberglauben eher von humanistischen als von theologischen Überzeugungen getragen. Trotz des Verbots seiner Werke durch die katholische Kirche und der ablehnenden Haltung vieler Protestanten gegenüber seinen Schriften, übte er als zentrale Figur des Humanismus großen Einfluss auf die europäische Geistesgeschichte aus, besonders auf Philosophen wie Voltaire. Erasmus war kein religiöser Reformator wie Martin Luther und Johannes Calvin und hielt sich von theologischen Diskussionen fern. Er verstand sich stets als Gelehrter und Literat und gehörte als Humanist zu den fortschrittlichen Denkern seiner Zeit. Die Universität seiner Heimatstadt Rotterdam ist nach Erasmus benannt, ferner trägt ein europäisches Studenten - Austauschprogramm seinen Namen. [Bearbeitet
nach: Microsoft Encarta 97 Enzyklopädie sowie H. Halbfas, Religionsbuch
7/8, Patmos S. 271 - 273]
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