|
Ablassverkauf durch den
Dominikaner Johannes Tetzel |
Für den Neubau der Peterskirche
in Rom war ein Ablass ausgeschrieben worden. Die Art, wie dieser Ablass
dem Volk gepredigt wurde, war zweideutig. Es konnte die Meinung aufkommen,
durch den Kauf eines Ablassbriefes könne man die Zeit zum Abbüßen
der eigenen Schuld im Fegefeuer verkürzen.
Albrecht von Brandenburg
hatte zum Antritt seiner Ämter der römisschen Kurie insgesamt
24.000 Dukaten zahlen müsssen. Um diese von den Fuggern in Augsburg
geborgte Summe zurückzahlen zu können, wollte er den Verkauf
der Ablassbriefe übernehmen. Als ihm nun Papst Leo X 1517 erlaubte,
den päpstlichen Ablass zu vertreiben, und als der in der Gegend von
Wittenberg damit beauftragte Dominikaner Johannes Tetzel, den Ablasshandel
begann, kam auch Luther im Beichtstuhl in Kontakt mit solchen, die diesen
Ablassbrief erstanden hatten. Ein zeitgenössischer Bericht beschreibt
das so:
Einige, die solche Ablassbriefe
gekauft hatten, gaben zu verstehen, "dass sie
weder von Ehebruch, Hurerei, Wucherei noch unrechtem Gut und dergleichen
Sünde und Bosheit ablassen wollten; daraufhin wollte der Doktor sie
nicht absolvieren, weil keine rechte Buße noch Besserung angegeben
wurde. Da beriefen sich die Beichtkinder auf ihre Papstbriefe und auf die
Gnade und den Ablass des Tetzel. Daran wollte sich Martinus nicht kehren."
Albrecht (1490 - 1545), zweiter
Sohn
des Kurfürsten von
Brandenburg,
wurde 1513 Erzbischof von
Magdeburg, 1514 Erzbischof
von Mainz, 1518 Kardinal. |
Am 31. Oktober 1517 griff nun
Luther in 95 Thesen dieses Ablassverständnis
als Missdeutung des Glaubens an. Er sandte seine Thesen an die Bischöfe
von Magdeburg und Brandenburg, mit der Bitte, die Fehldeutung abzustellen.
(Dass Luther die Thesen
an die Schlosskirche in Wittenberg angeschlagen habe, hat der seinerzeit
in Trier lehrende Theologieprofessor Erwin Iserloh als spätere Legendenbildung
von Melanchthon nachgewiesen).
Luther hatte die Thesen
lateinisch geschrieben; dennoch bekamen sie sofort großen Widerhall,
wurden ins Deutsche übersetzt und als Druck verbreitet. Die Kirche
suchte Luthers Kritik zu unterdrücken, was seiner Sache noch mehr
bedeutung gab.
Die Sache war bald kein
"Mönchsgezänk" mehr, wie
der Papst gemeint hatte, als er erstmals von dem Ablassstreit hörte.
Durch die gerade in Schwung kommende Buchdruckerkunst fanden Luthers Schriften
schnelle Verberitung. Außerdem brachte Luther 1520 in drei Monaten
drei Schriften von hinreißender Kraft unters Volk, die den christlichen
Galuben "nur von der Schrift her" zu begründen suchten:
-
An den christlilchen Adel deutscher
Nation von des christlichen Standeds Besserung
-
Von der Babylonischen Gefangenschaft
der Kirche
-
Von der Freiheit eines Christenmenschen
Die Thesen
-
Da unser Herr und Meister Jesus
Christus spricht "Tut Buße" usw. (Matth. 4,17), hat er gewollt, daß
das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.
-
Dieses Wort kann nicht von der
Buße als Sakrament - d. h. von der Beichte und Genugtuung -, die
durch das priesterliche Amt verwaltet wird, verstanden werden.
-
Es bezieht sich nicht nur auf
eine innere Buße, ja eine solche wäre gar keine, wenn sie nicht
nach außen mancherlei Werke zur Abtötung des Fleisches bewirkte.
-
Daher bleibt die Strafe, solange
der Haß gegen sich selbst - das ist die wahre Herzensbuße -
bestehen bleibt, also bis zum Eingang ins Himmelreich.
-
Der Papst will und kann keine
Strafen erlassen, außer solchen, die er auf Grund seiner eigenen
Entscheidung oder der der kirchlichen Satzungen auferlegt hat.
-
Der
Papst kann eine Schuld nur dadurch erlassen, daß er sie als von Gott
erlassen erklärt und bezeugt, natürlich kann er sie in den ihm
vorbehaltenen Fällen erlassen; wollte man das geringachten, bliebe
die Schuld ganz und gar bestehen.
-
Gott erläßt überhaupt
keinem die Schuld, ohne ihn zugleich demütig in allem dem Priester,
seinem Stellvertreter, zu unterwerfen.
-
Die kirchlichen Bestimmungen
über die Buße sind nur für die Lebenden verbindlich, den
Sterbenden darf demgemäß nichts auferlegt werden.
-
Daher handelt der Heilige Geist,
der durch den Papst wirkt, uns gegenüber gut, wenn er in seinen Erlassen
immer den Fall des Todes und der höchsten Not ausnimmt.
-
Unwissend und schlecht handeln
diejenigen Priester, die den Sterbenden kirchliche Bußen für
das Fegefeuer aufsparen.
-
Die Meinung, daß eine
kirchliche Bußstrafe in eine Fegefeuerstrafe umgewandelt werden könne,
ist ein Unkraut, das offenbar gesät worden ist, während die Bischöfe
schliefen.
-
Früher wurden die kirchlichen
Bußstrafen nicht nach, sondern vor der Absolution auferlegt, gleichsam
als Prüfstein für die Aufrichtigkeit der Reue.
-
Die Sterbenden werden durch
den Tod von allem gelöst, und für die kirchlichen Satzungen sind
sie schon tot, weil sie von Rechts wegen davon befreit sind.
-
Ist die Haltung eines Sterbenden
und die Liebe (Gott gegenüber) unvollkommen, so bringt ihm das notwendig
große Furcht, und diese ist um so größer, je geringer
jene ist.
-
Diese Furcht und dieser Schrecken
genügen für sich allein - um von anderem zu schweigen -, die
Pein des Fegefeuers auszumachen; denn sie kommen dem Grauen der Verzweiflung
ganz nahe.
-
Es scheinen sich demnach Hölle,
Fegefeuer und Himmel in der gleichen Weise zu unterscheiden wie Verzweiflung,
annähernde Verzweiflung und Sicherheit.
-
Offenbar haben die Seelen im
Fegefeuer die Mehrung der Liebe genauso nötig wie eine Minderung des
Grauens.
-
Offenbar ist es auch weder durch
Vernunft- noch Schriftgründe erwiesen, daß sie sich außerhalb
des Zustandes befinden, in dem sie Verdienste erwerben können oder
in dem die Liebe zunehmen kann.
-
Offenbar ist auch dieses nicht
erwiesen, daß sie - wenigstens nicht alle - ihrer Seligkeit sicher
und gewiß sind, wenngleich wir ihrer völlig sicher sind.
-
Daher meint der Papst mit dem
vollkommenen Erlaß aller Strafen nicht einfach den Erlaß sämtlicher
Strafen, sondern nur derjenigen, die er selbst auferlegt hat.
-
Deshalb irren jene Ablaßprediger,
die sagen, daß durch die Ablässe des Papstes der Mensch von
jeder Strafe frei und los werde.
-
Vielmehr erläßt er
den Seelen im Fegefeuer keine einzige Strafe, die sie nach den kirchlichen
Satzungen in diesem Leben hätten abbüßen müssen.
-
Wenn überhaupt irgendwem
irgendein Erlaß aller Strafen gewährt werden kann, dann gewiß
allein den Vollkommensten, das heißt aber, ganz wenigen.
-
Deswegen wird zwangsläufig
ein Großteil des Volkes durch jenes in Bausch und Bogen und großsprecherisch
gegebene Versprechen des Straferlasses getäuscht.
-
Die gleiche Macht, die der Papst
bezüglich des Fegefeuers im allgemeinen hat, besitzt jeder Bischof
und jeder Seelsorger in seinem Bistum bzw. seinem Pfarrbezirk im besonderen.
-
Der Papst handelt sehr richtig,
den Seelen (im Fegefeuer) die Vergebung nicht auf Grund seiner - ihm dafür
nicht zur Verfügung stehenden - Schlüsselgewalt, sondern auf
dem Wege der Fürbitte zuzuwenden.
-
Menschenlehre verkündigen
die, die sagen, daß die Seele (aus dem Fegefeuer) emporfliege, sobald
das Geld im Kasten klingt.
-
Gewiß, sobald das Geld
im Kasten klingt, können Gewinn und Habgier wachsen, aber die Fürbitte
der Kirche steht allein auf dem Willen Gottes.
-
Wer weiß denn, ob alle
Seelen im Fegefeuer losgekauft werden wollen, wie es beispielsweise beim
heiligen Severin und Paschalis nicht der Fall gewesen sein soll.
-
Keiner ist der Echtheit seiner
Reue gewiß, viel weniger, ob er völligen Erlaß (der Sündenstrafe)
erlangt hat.
-
So selten einer in rechter Weise
Buße tut, so selten kauft einer in der rechten Weise Ablaß,
nämlich außerordentlich selten.
-
Wer glaubt, durch einen Ablaßbrief
seines Heils gewiß sein zu können, wird auf ewig mit seinen
Lehrmeistern verdammt werden.
-
Nicht genug kann man sich vor
denen hüten, die den Ablaß des Papstes jene unschätzbare
Gabe Gottes nennen, durch die der Mensch mit Gott versöhnt werde.
-
Jene Ablaßgnaden beziehen
sich nämlich nur auf die von Menschen festgesetzten Strafen der sakramentalen
Genugtuung.
-
Nicht christlich predigen die,
die lehren, daß für die, die Seelen (aus dem Fegefeuer) loskaufen
oder Beichtbriefe erwerben, Reue nicht nötig sei.
-
Jeder Christ, der wirklich bereut,
hat Anspruch auf völligen Erlaß von Strafe und Schuld, auch
ohne Ablaßbrief.
-
Jeder wahre Christ, sei er lebendig
oder tot, hat Anteil an allen Gütern Christi und der Kirche, von Gott
ihm auch ohne Ablaßbrief gegeben.
-
Doch dürfen der Erlaß
und der Anteil (an den genannten Gütern), die der Papst vermittelt,
keineswegs geringgeachtet werden, weil sie - wie ich schon sagte - die
Erklärung der göttlichen Vergebung darstellen.
-
Auch den gelehrtesten Theologen
dürfte es sehr schwerfallen, vor dem Volk zugleich die Fülle
der Ablässe und die Aufrichtigkeit der Reue zu rühmen.
-
Aufrichtige Reue begehrt und
liebt die Strafe. Die Fülle der Ablässe aber macht gleichgültig
und lehrt sie hassen, wenigstens legt sie das nahe.
-
Nur mit Vorsicht darf der apostolische
Ablaß gepredigt werden, damit das Volk nicht fälschlicherweise
meint, er sei anderen guten Werken der Liebe vorzuziehen.
-
Man soll die Christen lehren:
Die Meinung des Papstes ist es nicht, daß der Erwerb von Ablaß
in irgendeiner Weise mit Werken der Barmherzigkeit zu vergleichen sei.
-
Man soll den Christen lehren:
Dem Armen zu geben oder dem Bedürftigen zu leihen ist besser, als
Ablaß zu kaufen.
Luthers Thesenanschlag
Öl auf Leinwand von
Ferdinand Pauwels 1872
Ansichtskarten-Auszug |
-
Denn durch ein Werk der Liebe
wächst die Liebe und wird der Mensch besser, aber durch Ablaß
wird er nicht besser, sondern nur teilweise von der Strafe befreit.
-
Man soll die Christen lehren:
Wer einen Bedürftigen sieht, ihn übergeht und statt dessen für
den Ablaß gibt, kauft nicht den Ablaß des Papstes, sondern
handelt sich den Zorn Gottes ein.
-
Man soll die Christen lehren:
Die, die nicht im Überfluß leben, sollen das Lebensnotwendige
für ihr Hauswesen behalten und keinesfalls für den Ablaß
verschwenden.
-
Man soll die Christen lehren:
Der Kauf von Ablaß ist eine freiwillige Angelegenheit, nicht geboten.
-
Man soll die Christen lehren:
Der Papst hat bei der Erteilung von Ablaß ein für ihn dargebrachtes
Gebet nötiger und wünscht es deshalb auch mehr als zur Verfügung
gestelltes Geld.
-
Man soll die Christen lehren:
Der Ablaß des Papstes ist nützlich, wenn man nicht sein Vertrauen
darauf setzt, aber sehr schädlich, falls man darüber die Furcht
Gottes fahrenläßt.
-
Man soll die Christen lehren:
Wenn der Papst die Erpressungsmethoden der Ablaßprediger wüßte,
sähe er lieber die Peterskirche in Asche sinken, als daß sie
mit Haut, Fleisch und Knochen seiner Schafe erbaut würde.
-
Man soll die Christen lehren:
Der Papst wäre, wie es seine Pflicht ist, bereit - wenn nötig
-, die Peterskirche zu verkaufen, um von seinem Gelde einem großen
Teil jener zu geben, denen gewisse Ablaßprediger das Geld aus der
Tasche holen.
-
Auf Grund eines Ablaßbriefes
das Heil zu erwarten ist eitel, auch wenn der (Ablaß-)Kommissar,
ja der Papst selbst ihre Seelen dafür verpfändeten.
-
Die anordnen, daß um der
Ablaßpredigt willen das Wort Gottes in den umliegenden Kirchen völlig
zum Schweigen komme, sind Feinde Christi und des Papstes.
-
Dem Wort Gottes geschieht Unrecht,
wenn in ein und derselben Predigt auf den Ablaß die gleiche oder
längere Zeit verwendet wird als für jenes.
-
Die Meinung des Papstes ist
unbedingt die: Wenn der Ablaß - als das Geringste - mit einer Glocke,
einer Prozession und einem Gottesdienst gefeiert wird, sollte das Evangelium
- als das Höchste - mit hundert Glocken, hundert Prozessionen und
hundert Gottesdiensten gepredigt werden.
-
Der Schatz der Kirche, aus dem
der Papst den Ablaß austeilt, ist bei dem Volke Christi weder genügend
genannt noch bekannt.
-
Offenbar besteht er nicht in
zeitlichen Gütern, denn die würden viele von den Predigern nicht
so leicht mit vollen Händen austeilen, sondern bloß sammeln.
-
Er besteht aber auch nicht aus
den Verdiensten Christi und der Heiligen, weil diese dauernd ohne den Papst
Gnade für den inwendigen Menschen sowie Kreuz, Tod und Hölle
für den äußeren bewirken.
-
Der heilige Laurentius hat gesagt,
daß der Schatz der Kirche ihre Armen seien, aber die Verwendung dieses
Begriffes entsprach der Auffassung seiner Zeit.
-
Wohlbegründet sagen wird,
daß die Schlüssel der Kirche - die ihr durch das Verdienst Christi
geschenkt sind - jenen Schatz darstellen.
-
Selbstverständlich genügt
die Gewalt des Papstes allein zum Erlaß von Strafen und zur Vergebung
in besondern, ihm vorbehaltenen Fällen.
-
Der wahre Schatz der Kirche
ist das allerheiligste Evangelium von der Herrlichkeit und Gnade Gottes.
-
Dieser ist zu Recht allgemein
verhaßt, weil er aus Ersten Letzte macht.
-
Der Schatz des Ablasses jedoch
ist zu Recht außerordentlich beliebt, weil er aus Letzten Erste macht.
-
Also ist der Schatz des Evangeliums
das Netz, mit dem man einst die Besitzer von Reichtum fing.
-
Der Schatz des Ablasses ist
das Netz, mit dem man jetzt den Reichtum von Besitzenden fängt.
-
Der Ablaß, den die Ablaßprediger
lautstark als außerordentliche Gnaden anpreisen, kann tatsächlich
dafür gelten, was das gute Geschäft anbelangt.
-
Doch sind sie, verglichen mit
der Gnade Gottes und der Verehrung des Kreuzes, in der Tat ganz geringfügig.
-
Die Bischöfe und Pfarrer
sind gehalten, die Kommissare des apostolischen Ablasses mit aller Ehrerbietung
zuzulassen.
-
Aber noch mehr sind sie gehalten,
Augen und Ohren anzustrengen, daß jene nicht anstelle des päpstlichen
Auftrags ihre eigenen Phantastereien predigen.
-
Wer gegen die Wahrheit des apostolischen
Ablasses spricht, der sei verworfen und verflucht.
-
Aber wer gegen die Zügellosigkeit
und Frechheit der Worte der Ablaßprediger auftritt, der sei gesegnet.
-
Wie der Papst zu Recht seinen
Bannstrahl gegen diejenigen schleudert, die hinsichtlich des Ablaßgeschäftes
auf mannigfache Weise Betrug ersinnen,
-
So will er viel mehr den Bannstrahl
gegen diejenigen schleudern, die unter dem Vorwand des Ablasses auf Betrug
hinsichtlich der heiligen Liebe und Wahrheit sinnen.
-
Es ist irrsinnig zu meinen,
daß der päpstliche Ablaß mächtig genug sei, einen
Menschen loszusprechen, auch wenn er - was ja unmöglich ist - der
Gottesgebärerin Gewalt angetan hätte.
-
Wir behaupten dagegen, daß
der päpstliche Ablaß auch nicht die geringste läßliche
Sünde wegnehmen kann, was deren Schuld betrifft.
-
Wenn es heißt, auch der
heilige Petrus könnte, wenn er jetzt Papst wäre, keine größeren
Gnaden austeilen, so ist das eine Lästerung des heiligen Petrus und
des Papstes.
-
Wir behaupten dagegen, daß
dieser wie jeder beliebige Papst größere hat, nämlich das
Evangelium, "Geisteskräfte und Gaben, gesund zu machen" usw., wie
es 1. Kor. 12 heißt.
-
Es ist Gotteslästerung
zu sagen, daß das (in den Kirchen) an hervorragender Stelle errichtete
(Ablaß-) Kreuz, das mit dem päpstlichen Wappen versehen ist,
dem Kreuz Christi gleichkäme.
-
Bischöfe, Pfarrer und Theologen,
die dulden, daß man dem Volk solche Predigt bietet, werden dafür
Rechenschaft ablegen müssen.
-
Diese freche Ablaßpredigt
macht es auch gelehrten Männern nicht leicht, das Ansehen des Papstes
vor böswilliger Kritik oder sogar vor spitzfindigen Fragen der Laien
zu schützen.
-
Zum Beispiel: Warum räumt
der Papst nicht das Fegefeuer aus um der heiligsten Liebe und höchsten
Not der Seelen willen - als aus einem wirklich triftigen Grund -, da er
doch unzählige Seelen loskauft um des unheilvollen Geldes zum Bau
einer Kirche willen - als aus einem sehr fadenscheinigen Grund -?
-
Oder: Warum bleiben die Totenmessen
sowie Jahrfeiern für die Verstorbenen bestehen, und warum gibt er
(der Papst) nicht die Stiftungen, die dafür gemacht worden sind, zurück
oder gestattet ihre Rückgabe,wenn es schon ein Unrecht ist, für
die Losgekauften zu beten?
-
Oder: Was ist das für eine
neue Frömmigkeit vor Gott und dem Papst, daß sie einem Gottlosen
und Feinde erlauben, für sein Geld eine fromme und von Gott geliebte
Seele loszukaufen; doch um der eigenen Not dieser frommen und geliebten
Seele willen erlösen sie diese nicht aus freigeschenkter Liebe?
-
Oder: Warum werden die kirchlichen
Bußsatzungen, die "tatsächlich und durch Nichtgebrauch" an sich
längst abgeschafft und tot sind, doch noch immer durch die Gewährung
von Ablaß mit Geld abgelöst, als wären sie höchst
lebendig?
-
Oder: Warum baut der Papst,
der heute reicher ist als der reichste Crassus, nicht wenigstens die eine
Kirche St. Peter lieber von seinem eigenen Geld als dem der armen Gläubigen?
-
Oder: Was erläßt
der Papst oder woran gibt er denen Anteil, die durch vollkommene Reue ein
Anrecht haben auf völligen Erlaß und völlige Teilhabe?
-
Oder: Was könnte der Kirche
Besseres geschehen, als wenn der Papst, wie er es (jetzt) einmal tut, hundertmal
am Tage jedem Gläubigen diesen Erlaß und diese Teilhabe zukommen
ließe?
-
Wieso sucht der Papst durch
den Ablaß das Heil der Seelen mehr als das Geld; warum hebt er früher
gewährte Briefe und Ablässe jetzt auf, die doch ebenso wirksam
sind?
-
Diese äußerst peinlichen
Einwände der Laien nur mit Gewalt zu unterdrücken und nicht durch
vernünftige Gegenargumente zu beseitigen heißt, die Kirche und
den Papst dem Gelächter der Feinde auszusetzen und die Christenheit
unglücklich zu machen.
-
Wenn daher der Ablaß dem
Geiste und der Auffassung des Papstes gemäß gepredigt würde,
lösten sich diese (Einwände) alle ohne weiteres auf, ja es gäbe
sie überhaupt nicht.
-
Darum weg mit allen jenen Propheten,
die den Christen predigen: "Friede, Friede", und ist doch kein Friede.
-
Wohl möge es gehen allen
den Propheten, die den Christen predigen: "Kreuz, Kreuz", und ist doch
kein Kreuz.
-
Man soll die Christen ermutigen,
daß sie ihrem Haupt Christus durch Strafen, Tod und Hölle nachzufolgen
trachten
und daß die lieber
darauf trauen, durch viele Trübsale ins Himmelreich einzugehen, als
sich in falscher geistlicher Sicherheit zu beruhigen.
|