John Wyclif
(um 1328-1384)
 John Wiclif  war der Sohn einer reichen Landfamiliee, der in Oxford studieren konnte. Schon in einem frühen Stadium seines beruflichen Weges wurde er in die Politik verwickelt. Entweder 1371 oder 1372 trat er in königliche Dienste und vertrat in den folgenden Jahren mehrfach die Interessen des englischen Staates in Sachen einer Besteuerung des Kirchenbesitzes und englischer Zahlungen an Rom, was ihn zu Verhandlungen mit Vertretern der päpstlichen Verwaltung führte. Die Versuche der Kirchenbehörde, den ihnen lästigen Wiclif los zu werden, führten allerdings zur Solidarität seiner Dienstherren mit ihm. Selbst in den späteren Lebensjahren schützten sie Wiclif bei allen Angriffen gegen seine Person und ermöglichten ihm damit erst die Veröffentlichung seiner Schriften und radikalen Angriffe gegen das Kirchensystem.
Wichtiger als seine Thesen über Herrschaft und Besitzrechte, die dem Papst Gregor XI. nach Avignon zugesandt worden waren, wurde jedoch Wiclifs Leugnung der Transsubstantiationslehre, die ihm den Widerspruch seiner Universitätskollegen eintrug, so dass Wiclif sich schließlich aus Oxford zurückzog, um ein Pfarramt zu übernehmen. Von 1374 bis zu seinem Tode war er Pfarrer in Lutterworth (im ostenglischen Bistum Lincoln); von dort aus wirkte er mit wissenschaftlicher Systematik, mit Temperament und Polemik, und weckte den Widerstand gegen das herrschende Kirchensystem.
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Bei John Wiclif haben wir es mit dem einzigartigen Fall zu tun, dass ein Akademiker, Lehrer an der Universität Oxford, zum Häretiker wurde und gleichzeitig eine Volksbewegung in Gang zu setzen wusste. Bis dahin waren die Gründer oder Führer ketzerischer Volksbewegungen keine Männer von geistigem Rang gewesen. Doch bezeugen selbst die Männer, die später seine Gegner wurden, Wiclifs außergewöhnliche Wirkung. Tatsächlich war Wiclif ein veritabler Ketzer, der mit seinen Gedanken der Tradition, dem Kirchensystem und dem Selbstverständnis des Klerus in zentralen Positionen widersprach.
Wiclif sah in der Konstantinischen Wende eine verderbliche Weichenstellung für die gesamte Kirche. Seitdem, erkannte er, habe die Verweltlichung und eine Vermischung mit Herrschaftsinteressen die Kirche ihrem wahren Auftrag entfremdet. Dagegen forderte er das Priestertum als ein ministerium, nicht als dominium. Aus dieser Gegenüberstellung entwickelte er die eigentliche Stoßrichtung seiner Kritik. 
Wiclif setzte mit seiner Kritik an einer entscheidenden Stelle an: beim Papsttum, in dem der Klerus seine Spitze erreichte, und das mit seiner unübersehbar gewordenen cäsarischen Machtentfaltung am stärksten das Christentum verfälschte. Wiclif meinte, das Christentum könne auch ohne Papst auskommen, weil Christus das Haupt sei, das durch die konkrete Amtsdarstellung der Hierarchie vor aller Welt nur missdeutet werde. Für Wiclif hatte das Machtbewusstsein der Päpste die Kirche bis ins Mark verdorben. Er lehnte darum den hierarchischen Aufbau insgesamt ab, da dieser keine Stütze in der Bibel finde, und ließ nur Diakone und Priester in betonter Armut gelten. Doch begnügte sich Wiclif nicht mit dieser noch recht pauschalen Kritik, sondern durchdachte die Zusammenhänge tiefer. Was stützt das Priestertum? fragte er und kam zu der Konsequenz, letztlich sei die Transsubstantiationslehre die stärkste Stütze für die Machtposition des Klerus. Die Wandlungslehre, so sah er die Zusammenhänge, diene letztlich der Erhöhung des priesterlichen Ansehens. Es sei der Sakramentalismus, von dem sich die Priesterschaft nähre und der ihr Ansehen im Volk trotz aller eigenen Sündhaftigkeit immer noch mit himmlischem Glanz verkläre. Aus diesem Grunde sah er in der Lehre von der Transsubstantiation das entscheidende Hindernis für ein erneuertes Verständnis des kirchlichen Amtes. Damit brach Wiclif mit tragenden Fundamenten der mittelalterlichen Theologie. Sein Programm enthielt ein revolutionäres Potential, das sich erst nach und nach entladen sollte.
Es wäre falsch, Wiclif als Aufklärer zu sehen. Wie jeder mittelalterliche Ketzer wollte er nicht weniger; sondern mehr Christentum, ein radikaleres, ehrlicheres und vor allem biblisches Christentum. Darum pochte er wieder auf das Armutsideal und sprach der Kirche das Recht auf jeden weltlichen Besitz ab. Maßgeblich für den Glauben war Wiclif allein die Heilige Schrift. Bisher hatte die Kirche die Schrift immer nur als Legitimation einzelner ihrer Einrichtungen in Anspruch genommen; jetzt nahm Wiclif die Evangelien gegen die Kirche in Anspruch. Er fand in ihr die Ämterhierarchie nicht begründet, sah in den Bischöfen, Erzbischöfen, Kardinälen und dem Papst keine akzeptable Entsprechung zu den Gemeindeleitern der apostolischen Zeit und lehnte schließlich das Weihepriestertum als unevangelisch ab. Statt dessen rekurrierte er auf das allgemeine Priestertum der Christen: jeder Christ ist für Wiclif priesterlichen Standes und kann darum unmittelbar zum Dienst für die Gemeinden berufen werden. Er war sich bewusst, dass er damit dem gesamten mittelalterlichen System der Vermittlungshierarchie und dem daran hängenden Sakramentalismus den Boden entzog. Im Prinzip war damit die Reformation, die in den voraufgehenden Jahrhunderten ja immer wieder neu zum Durchbruch angesetzt hatte, wenngleich durch die größeren Beharrungstendenzen auch immer wieder zurückgedrängt worden war; eineinhalb Jahrhunderte vor Luther mit vollem Programm an die Offentlichkeit getreten. Um seinem Kirchenverständnis ein Fundament zu geben, übersetzte Wiclif die Bibel ins Englische, weil Gottes Wort nicht länger den Theologen allein vorbehalten bleiben sollte; er sammelte arme Priester um sich und schickte sie zu »je zwei und zwei« unters Volk, damit sie ungeschmälert das Evangelium verkündeten. Diese »evangelischen Männer«, die später den Schimpfnamen »Lollarden«, das heißt »Unkrautsäer« bekamen, wirkten über Wiclifs Lebenszeit hinaus, wurden jedoch bald nach seinem Tod, als die Kirche zum Gegenangriff vorging, streng verfolgt.
Wiclifs Ruf blieb zeitlebens ohne Makel und wurde auch an hoher Stelle nicht in Frage gestellt. Als der Lollarde William Thorpe 1407 vor Gericht stand, sagte er zu Erzbischof Arundel: »Sir; Master John Wiclif wurde von gar vielen Männern als der größte Gelehrte unter den damals Lebenden, soweit sie ihnen bekannt waren, angesehen; und außerdem nannte man ihn einen höchst tugendsamen Mann mit reiner Lebensführung.« Der Erzbischof gab zu: »Wiclif, der Urheber eurer Bewegung, war ein großer Gelehrter« und »viele Menschen hielten seine Lebensführung für vollkommen«. 
Wiclif hatte seine Pfarrstelle in Lutterworth während der zehn Jahre bis zu seinem Tod nicht verlassen. Er wirkte denkend und schreibend. Mit seiner Reformarbeit legte er Minen mit Zeitzündern in die Fundamente der mittelalterlichen Kirche (die heute immer noch explodieren).
[Aus: Hubertus Halbfas, Religionsunterricht in Sekundarschulen, Lehrerhandbuch 8, Düssseldorf (Patmos) 1995, S. 527ff.]
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